Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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163 forfchungen msterstlitzt, namenkkich auch durch sein zweibändiges Werk „A. v. Humboldts Reisen in Amerika und Asien. Eine Darstellung seiner wichtigsten Forschungen" (Berlin 1835, 2. Ausl. 1842) erfolgreich dazu beigetragen, Humboldts Arbeiten größeren Kreisen zugänglich zu machen. Seine Beziehungen zu Humboldt waren denn auch die Ursache, daß der Astronom Karl Bruhns, der di« Redaktion der wissenschaftlichen Humboldt-Biographie (3 Bände) leitete, ihn nach Leipzig zog. Von Löwenberg rührt der erste Band derselben, das Jugend- und Reiseleben A.w. Humboldts (480 Seiten), her. An dieses schöne biographische Denkmal wird deshalb auch für inlmer Löwenbergs Name ehrenvoll geknüpft bleiben. Fast zu gleicher Zeit, als Löwenberg nach Leipzig übersiedelte übernahm Oskar Peschel an der Leipziger Universität die Professur für Geographie, und bot sich ihm also Gelegenheit, auch ^diesem hervorragenden Geographen näher zu treten. Als dieser dann leider schon im Jahre 1875 im besten Mannesalter starb, griff Löwenberg die dankenswerthe Aufgabe auf, die zerstreuten Arbeiten Peschels ausfindig zu machen und dieselben in den drei stattlichen Bänden „Abhandlungen zur Erd- und Völkerkunde von Oskar Peschel" (Leipzig 1877 bis 1879) herauszugeben. Die Ausführung seines Lieblingswunsches, über die Bedeutung der drei großen Geographen A. v. Humboldt, K. Ritter und O. Peschel für die Entwickelung der geographischen Wissenschaft ein eigenes Werk zu verfassen, ist ihm leider durch ein immer mehr zunehmendes Augenübel unmöglich geworden. Neben diesen selbständigen Arbeiten ging nun eine außerordentlich fleißige journalistische Thätigkeit her. Für eine große Reihe angesehener Zeitungen und Zeitschriften hat er lange Jahre hindurch geographische und litterarische Artikel geschrieben, die stets von reichen Kenntnissen und gutem Geschmack zeugten; sein Stil zeichnete sich durch durchsichtige Klarheit und schlichte Schönheit aus. Auch für die Konversations-Lexika von Brockhaus und Meyer, sowie für die „Allgemeine deutsche Biographie" hat der Verstorbene zahlreiche geographMe und biographische Beiträge geliefert. Die letzte der zahlreichen Schriften Löwenbergs, die aus einem von ihm im Leipziger Verein für Erdkunde schon vor einer ganzen Reihe von Jahren gehaltenen Vortrag entstanden war, erschien erst wenige Monate vor seinem Tode in der Virchow-Wattenbach'schen Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge unter dem Titel: „Das Weltbuch Sebastian Francks. Die erste allgemeine Geographie in deutscher Sprache" (Hamburg 1893). Die letzten Lebensjahre Löwenbergs waren leider dadurch getrübt, daß er in Folge seines Augenübels fast ganz erblindet war, daher ganz unfähig war, zu lesen und zu schreiben. In dieser Nothlage siedelte er im September 1889 wieder nach Berlin zurück, das seit 1826 sein eigentliches Heim geworden war. Hier verbrachte er feinen Lebensabend in der jüdischen Alterversorgungsanstalt an der Schönhauser Allee, deren Verwaltung ihm mit Rücksicht auf seine geistige Regsamkeit einen besonderen Vorleser gestellt hatte. Bis in die letzten Wochen seines hohen Alters hatte er sich die Klarheit seines Geistes bewahrt, bis dann ein kurz vor seinem Tode eingetretener schneller Verfall seiner ohnedies geschwächten Körperkräfte ihn stumpfer werden ließ. In dem seltenen Alter von 93 Jahren ist er nun still verschieden— ein langes, inhaltreiches Schriftsteller- und Gelehrtenleben hinter sich. W. W. Die Juden im Kaukasus. Bon Dr. Max Grünfeld. I. 960 (n. d. g. Z.) schreibt der spanische Jude, Minister am v-, Hofe der omajadischeil Khalifen, Chasdai-ibn-Schaprut, au den chazarischen Chagan Josef: „Unsere Vorfahren haben niis überliefert, daß sie im Kaukasus um den Berg Sei>?) wohnten und, den Verfolgungen weichend, hierher übersiedelten." Daß es ein jüdisches Reich der Chazaren zwischen dem schwarzen Meere und dem Kaspisee vom 8. bis ins 11. Jahrhundert gegeben, ist eine jetzt unbestrittene Thatsache. Die Authenticität des Briefwechsels zwischen dem genannten Chasdai und dem Chagan Jussuf ist über allen Zweifel erhaben* 2 3). Eine Frage, welche die Gelehrten beschäftigt, wäre nun zu beantworten. Was ist aus jenen Juden geworden, welche einst in diesen russischen Gebieten ein mächtiges Reich bildeten? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage liefert vielleicht die Schrift eines russischen Gelehrten, welcher 1883 den Kaukasus bereiste und uns in den Abhandlungen der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg höchst lehrreiche Aufschlüsse über die Juden im Kaukasus giebt3). Der Aufsatz des russischen Gelehrten mag auch einen intereffanten Beitrag liefern zu der gerade jetzt nicht sehr glücklich behandelten Judenals Rassenfrage. — Im Jahre 1886 wohnten im Kaukasus ungefähr 21,000 jüdische Seelen; davon in den Städten Kuba 6280, Derbend 1670, Temir- Chan-Schnra 330. Grozno 1590, Naltschik 335, Petrowsk 125; in kleinen Gemeinden ungefähr 10,000; im dagestanischen Kreise sind 22 jüdische Dörfer, im Gouvernement Baku 2, im Gouvernement Elizawetpolj 1, im Terskischen Kreis 4, im Kuban'schen 1 — zusammen bilden sie 30 Gemeinden. Sie sind ein vollständig geschlossenes Sprachgebiet. Von de» anderen Bergbewohnern, Dagh-Tschufut (Bergjuden) genannt, nennen sie sich selbst Tati?) Es steht fest, daß die Verbreitung der Tati früher (im 16. und 17. Jahrhundert) eine größere in diesen Gegenden war?) Wo jetzt nur Mohammedaner wohnen, waren ehemals Juden?) Dafür geben auch Zeugniß Trümmer von Synagogen, ein verfallener Friedhof bei der Festung Gjaur-Kala, auf welchem Grabsteine mit hebräischen Inschriften gefunden wurden. Ueberall hat der siegreiche Islam das Judenthum verdrängt. Die Mohainmedaner in nianchcn Orten sind noch im Besitz alter hebräischer Bücher, welche sie heilig halten?) 0 Harkavy und Carmoly meinen. Selr sei eine leicht begreifliche Verwechslung für Serir. eine Chazarien benachbarte Landschaft in Daghestan.' 2) Der Araber Mas'udi berichtet, der chazarische Chagan sei zur Zeit des Harun al-Raschild (788 - 809) zum Judenthum übergegangen, daher seien viele Juden aus dem byzantinischen Reiche, vom byzantinischen Kaiser verfolgt und bedrängt, dort znsammengeströmt. 3) Wsewolod Miller: Materialy dlja izucenija jewrejsko-tatskao jazyka (Materialien zur Erlernung der hebräischen Tati-Sprache). Herr Professor Dr. R. W. S o w a am 1. deutschen Ober-Gymnasium in Brünn, ein ausgezeichneter Sprachenkenner und Ethnograph, hat mir aus der genannten Arbeit die Bausteine zu dem vorliegenden Aufsatze geliefert. 4) Das Wort ist unaufgeklärt; angeblich soll es aus dem Talmud stammen. Oder sollte es identisch sein mit Daghi (Bergbewohner)? 3) Miller benützt zahlreiche ältere Quellen, namentlich aber die Aufzeichnungen des kaukas. Juden I. S Apistmow. 0) Nach Berichten älterer Rersenoer. 7) Die kaukas. Juden geben an, oie Festung Gjaur Kala habe ihnen gehört, sei im Ans. des 18. Jahrhunderts von Nadir-Schah zerstört worden. — In Mudschi fand man ein Manuskript auf Pergament, welches 200 — 300 Jahre alt ist, und die „Gebote Mosts" enthält.