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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-06 · Heft 14 (6.4.1894) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
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162 fragte man verblüfft angesichts dieser Langmuth. Und man kam darauf, daß gar kein Anlaß Vorgelegen sei, sich zu freuen, da § 83 nichts Anderes in Schutz nehme, als den ruhigen Gang von Versammlungen. Die Regierung hatte ja eigentlich wieder nichts versprochen und man hatte sich vnnöthig echauffirt. Die antisemitische Versammlung in Tulln war ja nicht von liberalen Störenfrieden gesprengt worden und die Regierung hatte daher keinen Grund Jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist doch logisch. Doch es regt auch zu traurigen Betrachtungen an; — umsomehr, als cs in den letzten Tagen dem jüdischen Gemeinderathe Herrn Baurath Stiaßny Passirte, zwölf Stunden Arrest zudiktirt zu erhalten, weil er, durch die ungeheuerlichsten antisemitischen Schmähreden des Gcmeinderathes Gr eg orig erregt, demselben zurief, er sei ein „miserabler, frecher Bube". Noch mehr Bestürzung jedoch, als die Fortsetzung der Taaffe'schen Politik des Gewährenlaflens gegenüber den Antisemiten, haben einige Schritte der Regierung hervorgerufen, mit welchen sie sich direkt auf die abschüssige Bahn des positiven, praktischen Antisemitismus begicbt. Ich meine das Hausirgesetz und das Ratengesetz. Die meisten liberalen Zeitungen sprechen es unumwunden aus, daß man es hier mit Konzessionen an die antisemitische Partei zu thun habe. Das Ratengesetz ist eine Erbschaft aus der Aera Taaffe, aber es ist ja klar, daß für das neue Kabinet kein Zwang vorlag, es in sein Programm aufzunehmen. Die Erbserklärung bedeutet doch Zustimmung. Das Hausirgesetz wiederum ist direkt ein Werk des liberalen Ministers Grafen Wurmbrand, und ein Liberaler, Abgeordneter Götz war es, welcher das Referat über daffelbe erstattete. Beide Gesetze sind durchaus von rückschrittlichem Geiste erfüllt und beide werden daher auch von den Antisemiten mit heller Freude begrüßt. Sie halten in ihren Organen mit der Anerkennung nicht zurück, was die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung", welche eine gern gelesene Spezialistin auf dem Gebiete der Bekämpfung des Antisemitismus ist, zu dem Ausspruche veranlaßt: „Sonderbar, daß' gerade immer die entschiedensten Gegner der Liberalen die größte Freude äußern über die Früchte der Koalition". Das Hausirgesetz trifft die Aermsten der Armen und sorgt dadurch,' daß lokalen Instanzen Bewilligungs- und Untersagungsbefugniffe in großem Aus-: maße gegeben sind für die Möglichkeit einer einseitigen Anwendung ■ gegen die jüdische» Hausirer. Das Ratengesetz ist ebenso schädlich,! weil es den Arbeitern und Beamten Neuanschaffungen geradezu un-! möglich macht. Statt berechtigte Kautelen gegen unleugbare Aus-! wüchse des Hausirwesens und des Ratenhandels zu schaffen, wurden I den Antisemiten zu Liebe zwei durch und durch zünftlerisch-zopfige; Gesetze gemacht. Angesichts dieser Erscheinungen kann man zur Ehrenrettung der j Liberalen nur annehmen, daß sie in der Koalition die Dnpirten sind. Da sie an der Regierung quasi theilnehmen, so ist es den überwiegenden reaktionären Faktoren leichter, sie nicderzuhalten, während Graf Taaffe, der sie als Opposition doch einigermaßen zu fürchten hatte, stets einige Rücksicht auf sie nahm. Vienuensis. I. Löwenberg. fer als geographischer Schriftsteller in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Privatgelehrte I. Löwenberg, der bisherige „Senior der deutschen Geographen" und der letzte Sekretär Alex. v. Humboldts, ist, wie seiner Zeit gemeldet, in der Nacht vom 11. zum 12. Dezember v. I. in Berlin, etwa 93 Jahre alt, gestorben. Derselbe ist wohl der Einzige gewesen, dem das Glück zu Theil geworden, »ach einander den vier großen Lehrern deutscher Erdkunde, Alexander v. Humboldt, Karl Ritter, Oskar Peschel und Ferdinand v. Richthofen, persönlich nahe gestanden zu haben. Da der Verstorbene in früheren Jahren auch gelegentlicher Mitarbeiter an der Allgemeinen Zeitung des Judenthums gewesen ist, so möge es gestattet sein, dem verdienten und bescheidenen Schriftsteller in deren Spalten ein kleines Denkmal zu errichten. I. Löwenberg (ob das I — Joel oder Julius zu lesen sei, darüber hat der alte Herr die Frager gern im Zweifel gelaffen) wurde in Strzelno, einer kleinen Stadt in der Provinz Posen, von jüdischen Eltern gegen Anfang unseres Jahrhunderts geboren. Eine genaue Zeitbestimmung über das Geburtsjahr vermochte der Verstorbene selbst nicht anzugeben, da damals weder von der Stadtbehörde, noch auch von den wenigen jüdischen Familien Geburtsregister geführt wurden; doch erinnerte er sich mit aller Bestimmtheit, daß er im Jahre 1812 in Jnowraclaw zur Konfirmation vorbereitet wurde. Auf^dieses Jahr besann sich Löwenberg deshalb genau, weil er hier den Kaiser Napoleon auf seinem Zuge nach Rußland gesehen hatte. Nach mehrjährigem Aufenthalt auf der Talmudschule in Kleczewo und im elterlichen Hause bezog er das Gymnasium in Thorn, welches er 1826 mit dem Zeugniß der Reife verließ, um in Berlin zu studiren. Unbemittelt, wie er war, suchte er durch Stundengeben, durch Unterricht in der Schule des bekannten Historikers Dr. Jost (nachmals des Dr. Stern) und durch Uebernahme einer Hauslehrerstelle seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Er hörte an der Universität Vorlesungen der verschiedensten Art, bei Neander Kirchengeschichte, bei Schleiermacher Dogmatik, bei Karl Ritter, dem großen Geographen. Erdkunde — dann wurde er Schriftsteller, schrieb zahlreiche Broschüren, Zeitungsartikel und Bücher. Nie hat Löwenberg eine amtliche Stellung inne gehabt; er war ein Freund des nicht von äußerlichen Feffeln gebundenen Lebens, ein freier Litterat. Seinen jüdischen Glauben, seine angestammte Anhänglichkeit an die polnische Nation hat er nie verleugnet; er ergriff allzeit deren Partei, so sehr er auch später zu Deutschen in wiffenschaftliche Beziehungen trat mid ein Schriftsteller in deutscher Zunge wurde. Mit dem Dichter Heinrich Stieglitz, dessen Gedichte „Bilder des Orients" zur Zeit ihrer Veröffentlichung (1833—1836) nicht geringes Aufsehen machten, stand er damals in nahem Verkehr. Löwenbergs litterarische Thätigkeit ist eine ungemein reiche gewesen. Durch Karl Ritters Vorlesungen, besonders aber durch seine Beziehungen zu Alex. v. Humboldt war er für geographische Studien gewonnen, und so gehören die meisten seiner Schriften der Geographie an, und zwar war der größere Theil derselben für weitere Kreise und die reifere Jugend bestimmt, denn in erster Linie mußte er blos zum Erwerb des Lebensunterhaltes die Feder führen. Bon seinen veröffentlichten Büchem dieser Art seien nur die folgenden erwähnt: „Schweizer Bilder (Berlin 1834), „Das Meer und die merkwürdigsten Seereisen unserer Zeit" (Berlin 1834, 2. Aufl. 1846); „Afrika. Geschichte der geographischen Entdeckungen in diesem Erdtheile" (Berlin 1846); „Geschichte der Geographie" (Berlin 1846, 2. Aufl. 1866); „Geschichte der geographischen Entdeckungsreisen" (2 Bde., 1881 und 1885); „Die Entdeckungs- und Forschungsreisen in den beiden Polarzonen" (Prag 1886). Auch zwei kleinere historische Atlanten und oft aufgelegte Fremdenführer von Berlin und Hamburg haben Löwenberg zum Verfasser. Wie schon oben hervorgehoben, stand Löwenberg besonders zu Alex. v. Humboldt in naher Beziehung und hat er denselben lange Jahre hindurch bei der Bearbeitung der Resultate seiner Reise- ■üafltfaBi

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