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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-06 · Heft 14 (6.4.1894) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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161 gehört; es giebt keine Judenfrage mehr. Umsomehr beschäftigte sie die edelsten Geister vor dem Freiheitsjahre. Die unverrückbare Geltung der Menschenrechte war für sie ein Postulat jeder modernen Gesetzgebung. Als nun Ludwig Kossuth im Vormärz sein mächtiges Wort unerschrocken und kühn im Preßburger Landhause gegen die Allgewalt des Metternich'schen Systems erhob, hielt der Pester Gemeindevorstand die Zeit für gekommen, auch für die Verbesserung des Rechtszustandes der ungarischen Juden geeignete Schritte zu unternehmen. Kunwald, der Freund Kossuths, unterzog sich der Mission, bei ihm zu interveniren. Merkwürdigerweise erwies sich diese Intervention erfolglos. Ludwig Kossuth zählte in Bezug auf die Emanzipation der Juden zu jenen Politikern, welche dieselbe von der Reformation ihrer religiösen Satzungen abhängig machen zu müssen glaubten. Wie diese vermeinte er, die Gleichberechtigung könne nur dann den Bekennern des Judenthums gewährt werden, wenn dieselben gewissermaßen Garantien für ihr Assimilationsbestreben durch Reformen in ihrem Kultus bieten. Ein in diesem Sinne abgefaßter und in der von Adolf Neustadt redigirten „Preßburger Zeitung" damals erschienener Artikel wurde dem großen Volkstribun als Autor zugeschrieben, wenn auch der Artikel die Zeichnung: „Ein protestantischer Geistlicher" trug. Daß Kossuth für den Verfasser dieses Artikels, welcher berechtigterweise großes Aufsehen erregte, gehalten wurde, ist ein sehr beachtenswerthes Moment für die Beurtheilung seiner Haltung in dieser Frage. Von welcher Wirkung dieses Verhalten gewesen, mag daraus hervorgehen, daß das negative Ergebniß seiner Mission den Pester Vorsteher Kunwald dazu bestimmte, aus dem Schooße des Judenthums auszutreten. Als ob das Judenthum eine Affekuranz-Polize für die zeitliche Wohlfahrt seiner Bekenner wäre! Diese Affaire machte im Lande große Sensation und blieb leider nicht ohne Wirkung. Man würde jedoch fehlgegangcn sein, wenn man Kossuth als einen Gegner der Juden hätte bezeichnen wollen. Zu seinen intimsten Freunden zählte er Juden. He lfy wäre dazu gehörig gewesen, auch wenn er dem, Glauben seiner Väter treu geblieben wäre. Leo Holländer war ihm in der spätem Entwicklung der politischen Verhältnisse Ungarns eine rechte Hand. Lebhaft erinnere ich mich noch der Szene, als Kossuth am 17. März 1847 an der Spitze jener Deputation, die sich nach Wien zur Erlangung der Landesdestderien begeben hatte, am Landungsplätze in Preßburg wieder anlangte und das Patent Kaiser Ferdinands mitbrachte, womit den Völkern Oesterreichs die Konstitution verheißen wurde. Dasselbe hoch in der Hand haltend, übergab er es dem dort befindlichen Redakteur der „Preßburger Zeitung" und der „Pannonia", dem Juden Adolf Neustadt, der es der angesammelten, nach Tausenden zählenden Menge zur Verlesung brachte. Brausender Jubel erscholl, und die Eljens auf Kossuth und seine Begleiter wollten kein Ende nehmen. Wahrhaft dramatisch gestaltete sich die Szene, als Adolf Fischof mit einer Schaar gleichgesinnter Männer in Preßburg eintraf und im Hotel „zum grünen Baum", von den Häuptern des ungarischen Landtages begrüßt wurde. Bis zur Mitternachsstunde wechselten die Reden, die vom Balkon des Hotels herab auf die den ganzen großen Platz füllende Menge gehalten wurden. Kossuth sprach einige Stunden lang in einer Begeisterung, die sich allen Zuhörern mittheilte. Diese Begeisterung erreichte den höchsten Grad, als Kossuth und der Jude Fischof sich in den Armen lagen, als Symbol der Verbrüderung des magyarischen und deutschen Volkes. Daß im Laufe der dann sich gestaltenden Ereignisse Kossuth seinen Standpunkt bezüglich der Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung aufgegeben und dieselbe voll und warm anerkannte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die nicht wegzuleugnenden Verdienste, welche die ungarischen Juden in der Zeit schweren Kampfes um ihr engeres Vaterland Ungarn sich erwarben, mußten hn belehren, daß die religiöse Fayon nicht das Gewicht eines Stäubchens besitzt, um in der Wagschale der Entscheidung, ob die Genossen des israelitischen Glaubens der Emanzipation würdig sind oder nicht, von irgend welchem Belange zu sein. Die Juden Ungarns bewahren ihm auch ein dankbares und pietätvolles Andenken in gleichem Maße wie die übrigen Bewohner des Landes. T. Im Zeichen der Koalition. >l. Wien, 28. März. > k^^^^or einigen Wochen theilte ich Ihnen die Antwort mit, äLJ welche Ministerpräsident Windischgrätz der Deputation des österreichischen Vereines zur Abwehr des Antisemitismus j gab, und berichtete Ihnen von dem unerfreulichen Eindrücke, den die ministerielle Erklärung fast allenthalben in jüdischen Kreisen hervor- I rief. Auch die liberale Presse ließ es an strenger Kritik dieser kühlen, zu Nichts verpflichtenden Aeußerung nicht fehlen. Nichtsdestoweniger fanden sich einige beschwichtigende Stimmen, welche eine ruhigere Beurtheilung der Worte des Ministerpräsidenten wünschten, auch die - Interpretation, die allgemein gehört wurde, verwarfen. Man sehe bei Hellem Tage Gespenster, hieß es. Und in der That, bei einigem Optimismus konnte man noch immer von der neuen Regierung , in pnneto Judenfrage Gutes erwarten. Es konnte ja Zufall gewesen | sein, daß die Worte des Fürsten Windischgrätz etwas weniger l entschieden klangen, als man sie erwartet hatte; deshalb durfte man! noch nicht den Glauben an die liberalen Mitglieder des Kabinets j Plener und Wurmbrand verlieren. j Und doch sollte es sich bald zeigen, daß dem Koalitions-Mini- ') sterium gegenüber auch ein geringes Maß von Vertrauensseligkeit nicht am Platze sei. Es sollte dies unmittelbar nach einer zweiten! ministeriellen Erklärung, welche den Optimisten Recht zu geben schien, | zu Tage treten. In Tulln hatte nämlich eine liberale Wanderversammlung stattgefunden, in welche aus Wien herbeigeeilte Antisemiten mit Gewalt eindrangen. Die Versammlungstheilnehmer mußten unverrichteter Dinge auseinandergehen. Dieser Vorfall verursachte eine Interpellation von liberaler Seite, und die Interpellation ' wurde mit der Versicherung beantwortet, die Regierung werde strenge den 8 83 St.-G. in Anwendung bringen, damit sich solche Vorgänge ' nicht wiederholen. Diese Versicherung schien, wie gesagt, den Optii misten Recht zu geben und wurde von manchen derselben geradezu als eine beabsichtigte Desavouirung der unbeabsichtigten Härte der ersten Erklärung ausgelegt. Aber noch stand die Freude über das kräftigere Auftreten der Regierung gegen den Antisemitismus auf der Tagesordnung, als das Sturzbad der Enttäuschung bereits her-; niederströmte. Just wieder in Tulln fand abermals eine Wanderversämmlung statt, diesmal eine antisemitische. Bei derselben sprachen die antisemitischen Führer, namentlich Dr. Lueger und der geists liche Herr Scheicher, in einer Weise von den Juden, wie vielleicht D niemals zuvor. Es regnete förmlich Beschimpfungen und Verdächti- ■j'f gütigen; das ländliche Auditorium wurde in unglaublich rücksichtsj| loser Weise gegen die Juden verhetzt. Der anwesende Regierungs- | Vertreter aber hörte das Alles an, ohne mit der Wimper zu zucken; j§ er glaubte sich offenbar in eine rührende Land-Idylle versetzt. — Wo ist die versprochene Entschiedenheit der Regierung geblieben?

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