Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-06 · Heft 14 (6.4.1894) · p. Seite 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228055--50717-3273540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

160 gebende Gleichgiltigkeit unter den Unsrigen bekämpfen. Dann wird gleichsam „der Ewige den Streit für uns führen". Aber schon in früher Jugend muß damit begonnen werden, früh müssen die reichen Quellen unserer Geschichte und Litteratur unseren Kindern erschlaffen werden, müssen wir diese aus dem nimmer versiegenden Born schöpfen lehren, früh, bevor noch falsche oder getrübte Vorstellungen von unserem Bekenntniß den Geist umfangen halten, das Herz mit Gleichgiltigkeit, anstatt mit warmem Interesse erfüllt ist, früh, wenn der Ernst des Lebens und der bittere Kampf um das Dasein ein höheres Streben noch nicht beeinträchtigt. Man sollte wohl meinen, der „Religionsunterricht" bilde unsere Kinder zu wissenden und glaubenstreuen Israeliten heran. Aber noch wachsen tausende jüdische Kinder ohne jede religiöse Belehrung auf; noch wird der Religionsunterricht mangelhaft, oft von unqualifizirten und solchen Personen ertheilt, die die Religionsschule als Experimentirboden für ihre ersten pädagogischen Versuche benutzen, was selbst in Berlin noch Vorkommen soll. Wenn wir schließlich die beklagenswerthe Gleichgiltigkeit vieler Eltern und die allzugroße Inanspruchnahme der Kinder seitens der Schule in Betracht ziehen, dann werden wir die Unzulänglichkeit die sonst segensreichen Institution der Religionsschule anerkennen müffen, die selbst durch den Jugendgottesdienst nicht gehoben wird, da nur ein geringer Theil aller Kinder an demselben theilnimmt, weil die Entfernung vom Gotteshause sie daran hindert und es häufig an den Veranstaltern und geeigneten Leitern des Jugendgottesdienstes fehlt. Aus naheliegenden Gründen und mit gutem Recht hat man in der unfern Kindern darzubietenden Lektüre ein Aushilfsmittel gesucht. Nicht zum Mindesten infolge unserer Anregung ist in allen, besonders pädagogischen Kreisen ein reges Jntereffe für unsere Jugendlitteratur zu bemerken. Der hiesige Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hat in dankenswerther Weise einen Preis ausgeschrieben für die beste jüdische Jugendschrift. Wie wir erfahren, sind acht Arbeiten eingegangen. Der genannte Verein wird hoffentlich seine Thätigkeit nach dieser Richtung hin noch ersprießlicher gestalten und allseitige Unterstützung und Nachahmung finden. Aus diese Weise würden wir bald über gute Jugendschriften verfügen, an denen es uns leider sehr mangelt. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ist jetzt damit beschäftigt, aus den vorhandenen Jugendschriften die geeignetsten auszuwählen und so eine für unsere Kinder brauchbare und unseren Zwecken dienende Bibliothek zusammenzustellen. Im Jntereffe der guten Sache ist zu wünschen, daß das Unternehmen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes durch Namhaftmachung oder Zusendung tauglicher Jugendschriften unterstützt werde. Die von uns schmerzlich empfundene Dürftigkeit der jüdischen Jugendlitteratur, qualitativ und quantitativ, hat ihren hauptsächlichen Grund in der geringen Aussicht auf lohnenden Absatz gehabt, weshalb sich Niemand auf dieses Gebiet wagte und dasselbe so vollständig vernachlässigt wurde. Alle die beregten Uebelstände mit ihren für das Judenthum unabsehbaren Folgen werden sich wohl schwerlich ganz beseitigen lassen; aber viel kann zur Besserung geschehen, und zwar durch eine periodisch erscheinende Jugendzeitschrift. Die zahllosen Anhänger der vielen für die Kinder bestimmten Zeitschriften zeugen von der Existenzberechtigung derselben und überheben uns einer Erörterung über den Werth derselben. Aber unter den fünfundzwanzig uns bekannten Jugendzeitschriften ist nicht eine frei von einer hervorstechenden christlich - konfessionellen Färbung; mehrere zeigen auf dem Titelblatte „Heiligenbilder", Aussprüche des neuen Testamentes u. s. w.; einige bedienen sich sogar zur Belustigung ihrer jugendlichen Leser jüdischer Karrikaturen verletzender Art. lieber diese Spezies antisemitischer Schmutzlitteratur wollen wir hier nicht zu Gericht sitzen. Aber auch die anderen in Betracht konimenden Jugendzeitschriften bieten keine unserer Jugend zu empfehlende Lektüre, weil sie jede Tugend als den ausschließlichen Ausfluß der christlichen Lehre hinstellen, während unsere Kinder alles Gute, Wahre und Edle als höchste göttliche Gesetze, deren Erfüllung nicht die Pflicht eines Bekenntniffes, sondern aller Menschen und nicht zum Mindesten der Juden ist, ansehen lernen sollen. Gegenüber den zahllosen Anfeindungen und systematischen Versuchen, unsere Kinder unserm Glauben zu entfremden, ist es dringend nothwendig, daß das jüdische Kind lerne, daß unser Glaube die höchsten Tugenden als das höchste Ideal betrachtet und empfiehlt, von dem unsere Vorfahren während Jahrtausenden nicht durch grausamste Verfolgung und martervollen Tod abgebracht werden konnten. Unsere Kinder zur höchsten Sittlichkeitund unverbrüchlichen Glaubenstreue erziehen zu helfen, sei Aufgabe einer jüdischen Jugendzeitschrift. Den strengsten Anforderungen, die an eine Jugendschrift sowohl in pädagogischer wie litterarischer Beziehung zu stellen sind, voll und ganz entsprechend, soll die jüdische Jugendzeitschrift das religiöse Erziehungswerk unterstützen und ergänzen. Sie soll den Kindern eine belehrende und unterhaltende Freundin sein, deren Hauptaufgabe zwar die religiöse Erziehung und Ausbildung sei, die aber das Wiffenswerthe auf allen Gebieten den Kindern in der anmuthigsten Form, in Geist und Gemüth bildendes und veredelnder Weise bieten soll. Die den Kindern zu empfehlenden Bücher sind nur in geringer Zahl vorhanden und meistens auch zu theuer, deshalb wird die Jugendzeitschrift einen wünschenswerthen Ersatz schaffen, da sie für wenig Geld und überall leicht erhältlich ist. Für die armem Kinder müßten die Gemeinden oder resp. Vereine nach dieser Richtung eintreten. Dadurch, daß die Jugendzeitschrift Gelegenheit bietet zur Veröffentlichung der für unsere Kinder verfaßten Schriften, wird manchem unserer schriftstellernden Glaubensgenoffen Anregung zur schaffenden Thätigkeit auf diesem Gebiete gegeben, der Sinn und die Neigung der Eltern und Kinder für diese Lektüre geweckt und mit der Zeit der Mangel an einer guten jüdischen. Jugendlitteratur beseitigt. Die Befürchtung, nicht genügend geeignetes Material für die Jugendzeitschrift zu haben, ist angesichts der Produktivität unserer schriftstellerischen Kräfte und der unser» Glaubensgenoffen eigenen Fürsorge für eine gute allseitige Ausbildung der Kinder ausgeschlossen. Ludwig Ksssuth. f Wien, 28. März. er Tod Ludwig Kossuths ruft manche Reminiscenzen über dessen Stellung zur Judenfrage hervor. Es versteht sich von selbst, daß, wenn von einer solchen gesprochen wird, dies nur auf eine Zeit sich beziehen kann, als sie sich noch auf der Tagesordnung befand. Mit deni Heranbrechen des Völkerfrühlings in den Märztagen des Jahres 1848 wichen vom Firmamente gesitteter Nationen die schwarzen Wolken konfessioneller Unterschiede in Gesetz und Recht. Wohl konnte im Fluthengange reaktionärer Bestrebungen zeitweilig die Judenfrage auftauchen; sie sank aber alsbald unter, wenn diese Finthen sich verlaufen hatten. Gerne unternäbmen es gegenwärtig die Handlanger der Reaktion, wieder das Gemäuer einer Judenfrage aufzuführen — vergebliches bemühen; die Staatsgrundgesetze haben sie aus dem Wege geschafft; sie hat zu existiren auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.