Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-30 · Heft 13 (30.3.1894) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228054--50711-3273533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

=■ >'*v * '•* t? $r **• i 1 3 abgeschlossen. Im Laufe des gegenwärtigen wurden 80 neue ausgenommen, so daß in den neun Klassen der Anstalt 299 Schüler und Schülerinnen unterrichtet wurden. 35 Glogau, 23. März. Bei der gestern hier abgehaltenen Schulprüfung gab Herr Rabbiner Dr Rippner in seiner zum Schluß der Prüfung gehaltenen, nach Inhalt und Form vollendet schönen Ansprache an die Schüler und die zahlreich erschienenen Gäste einer Idee Ausdruck, die die weiteste Verbreitung verdient — Herr Dr. Rippner sprach unter Anderem über die jetzt im Entstehen begriffenen Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur und führte aus, daß diese Vereine, besonders in mittleren und kleineren Gemeinden, am besten ihre Aufgabe erfüllen würden, wenn sie sich als Fortbildungsschulen im Religionsunterrichte betrachteten. Es sei kaum möglich, den tieferen Gehalt unseres religiösen Schriftthums und die universale Bedeutung unserer großen, historischen Persönlichkeiten Kindern im schulpflichtigen Alter völlig klar mitzutheilen. Erst wenn das Urtheil reifer wäre, wenn der Verstand und der Charakter sich entwickeln, werde die Jugend für diese Erkenntniß empfänglich. Darum kann die Religionsschule, die die Kinder im 14. Lebensjahre entläßt, nicht unbedingt genügen, zumal in unserer Zeit mehr als je Verstand und Charakter widerstandsfähig gemacht werden müssen gegen die Anfeindungen, die unsere Religion von außen erfährt. So ist der Religionsunterricht in den höheren Klassen der Gymnasien nicht zu entbehren. Aber für die Heranwachsende Jugend, die in das praktische Leben tritt, müssen Fortbildungsschulen eingerichtet werden. Eine schöne Aufgabe der überall emporblühenden jüdischen Litteraturvereine wäre es, für die religiöse Fortbildung der Heranwachsenden Jugend zu wirken. Die Fortbildung dürfte nicht in der Form des einfachen Schulunterrichtes geschehen, sondern mehr in der Form einer Unterredung, die an einen Vortrag sich an schließt. Wenn diese Form beliebt wird, dann würden auch die Erwachsenen nicht leer ausgehen. (Der Cyklus von Sonntagsvorträgen über jüdische Geschichte, den der Berliner Verein in diesem Winter eingerichtet, kommt wohl dieser vortrefflichen Idee am nächsten. Die Red.) H.. Eisenach, 26. März. Am 20. März hat unser verehrtes Gemeindeglied, der frühere Lehrer und jetzige Schriftsteller Herr B. Hause hier, sein 80. Lebensjahr^vollendet. Hatte dessen der Herr Landrabbiner Dr. Salzer schon am jüngstverflossenen Sabbath in seiner Predigt gedacht, so hatten auch anderseits viele Vereine und Private es nicht versäumt, ihre Glückwünsche rechtzeitig zum Ausdruck zu bringen. So waren u. a. Depeschen und Adressen eingelaufen vom Deutsch - israelitischen Gemeindebunde, vom israelitischen Lehrerkollegium in München, vom hessischen Lehrerverein, vom Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands u. a m. Um 11 Uhr Vormittags begab sich eine Deputation unter Anführung unseres Herrn Vorstehers S. Stiebel in die Wohnung des Jubilars, überbrachte die Glückwünsche der hiesigen israelitischen Gemeinde und überreichte eine Ehrengabe, welche von der hiesigen und von auswärtigen Gemeinden und Vereinen zu diesem Zwecke bestimmt wurde. Herr Hause dankte tiefbewegt für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit. Möge Herr Hause in seiner fast jugendlichen Frische des Körpers und des Geistes uns noch lange erhalten bleiben. ® esterrrich - Ungarn« □ Wien, 26. März. Die Antisemiten haben im ersten Wahlkörper einen Sieg errungen, den sie nicht hätten erringen können, wenn die liberale Partei energisch nicht erst knapp vor den Wahlen agitirt, sondern schon vorher in die Agitation eingegriffen hätte. Ottakring ist nach dem Ausfall der gestrigen Wahl der einzige Bezirk in Wien, der eine fast vollständig eantisemitische Bezirksvertretung hat. Im zweiten Wahlkörper haben die Postbeamten den Sieg der Antisemiten herbeigeführt. Die Lage dieser Beamtenkategorie ist eine schlechte, ob aber ihr Uebertritt in das antisemitische Lager dieselbe verbessern wird, ist wohl mehr als zweifelhaft, und die Herren dürften sich durch die Wahl solcher Männer, welche die antisemitische Bewegung erst auf die Oberfläche gebracht haben, keinen guten Dienst erwiesen haben. — Die ersten Einjährig-Freiwilligen der Wiener Garnison begingen gestern in feierlicher Weise den Tag, an dem sie vor fünfundzwanzig Jahren in das österreichisch-ungarische Heer eingereiht worden waren. Erwähnenswerth ist der Trinkspruch, welchen der ehemalige Instruktions- Offizier der jubilirenden Einjährig-Freiwilligen Oberstlieutenant Praxa v. Bärenthal hielt. Oberstlieutenant v. Praxa sagte im Laufe seiner Rede: „Es ist heute viel von Kameradschaft gesprochen worden, die Kameradschaft der österreichischmngarischen Armee ist nicht nur im Jnlande, sondern auch im Auslande bekannt. Sie fragt nicht nach Nationalität, nicht nach Religion; in festem Zusammenhalten in guten und bösen Tagen sucht sie sich die Herzen einander zu verpflichten. Ich erlaube mir, auf diese Kameradschaft ein Prosit auszubringen!" — Heute, am Jahrestage des Todes Adolf Fischhof's, war das Grab von Verwandten und Freunden des Verstorbenen reich geschmückt. Die Neffen Fischhof's veranstalteten zur Erinnerung an den Todestag die Herausgabe einer Medaille, deren Erträgniß dem Zwecke gewidmet ist, dem- Heimgegangenen Freiheitskämpfer ein würdiges Grabdenkmal zu errichten. Die Medaille ist von dem Medailleur des Münzamtes Franz X. Pawlik, dem begabten Jünger Schares, in kunstvoller Weise ausgeführt. Die Aversseite zeigt das Brustbild Fischhof's, der Revers die Freiheitsgöttin, welche ihn dankbar bekränzt. — Ueber das Vermögen des in der Seilergasse etablirten Buchhändlers Karl Lesk ist der Konkurs verhängt; er betrieb fast ausschließlich einen Handel mit Büchern, Zeitschriften und Broschüren antisemitischen Inhaltes; in dessen Verlag erschienen zahlreiche Erzeugnisse auswärtiger Hetzlitteratur. — Der Kaiser hat dem Stationsvorstande und Vertreter der Generaldirektion der österreichischen Nordwest - Dampfschifffahrts - Gesellschaft Alois Sochor in Prag das goldene Verdienstkreuz verliehen. — Der im Jahre 1892 in Wien verstorbene Fabrikant und Bankier Wilhelm Nagel hat außer zahlreichen Wohlthätigkeitslegaten sein, einen beiläufigen Werth von 100,000 fl. repräsentirendes Haus Nr. 6 in der Dreilausergasse im 7. Bezirke dem Handwerkerverein und einem anderen vom Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde zu bestimmenden humanitären Verein testamentarisch vermacht. — In Ungarn wogt soeben der Kampf um das Civilehegesetz. In jeder Stadt, in jedem Städtchen, ja in jedem Dorfe wird für und gegen die Reformen mit glühendem Eifer gekämpft; so auch in dem Marktflecken Kovaeshaza, wo vorige Woche der Oberstuhlrichter vor der einberufenen versammelten Gemeinde eine packende Rede für die liberalen Reformgesetze losließ. Das Volk stimmte dem Stuhlrichter begeistert zu, was natürlich den Pfarrer des Marktfleckens in Harnisch brachte. „Heute hast Du Recht behalten," sagte er zum Stuhlrichter, „am nächsten Sonntag wird das Volk auf meiner Seite sein." Und richtig, Sonntags darauf berief der Pfarrer eine antiliberale Versammlung ein und seine Rede verbreitete sich über folgende Behauptungen: „Die Sakramente," sagte der Pfarrer, „wird künftig, wenn das liberale Gesetz zur Geltung gelangt, der jüdische Schächter austheilen — die Frau wird der Mann schon einen Tag nach der Hochzeit sortjagen können, wenn ihm das paßt und — die Leichenbestattungen werden ohne Pfarrer und Kantor vorgenommen werden." Selbstverständlich übte diese Rede des Pfarrers auf die Bevölkerung von Kovaeshaza eine mächtige Wirkung; der Eindruck der freisinnigen Rede des Oberstuhlrichters war wie weggewischt und das Volk stürmte zur Wohnung des armen jüdischen Schächters und machte sich allen Ernstes daran, den Schächter todtzuschlagen. Der arme Mann verkroch sich angesichts der empörten Menge in einen Winkel seiner Behausung; aber es wäre ihm schlimm ergangen, wenn ihm nicht der Oberstuhlrichter die Post hätte zuschmuggeln lassen, er solle vor der Menge — eine Rede halten. Der Schächter sammelte allen seinen Mannesmuth, trat ans Fenster und erklärte unter den heiligsten Schwüren und Betheuerungen, daß es ihm nie in den Sinn gekommen, die Sakramente den Katholiken auszutheilen und daß er das nie thun würde, selbst wenn man ihn mit Gewalt dazu zwingen wollte. In letzterem Falle würde er es vorziehen, seinem Gewerbe, der Schächterei völlig zu entsagen, er würde sich lieber dazu entschließen, in Kovaeshaza eine Gemischtwaarenhandlung zu errichten. Das Volk nahm von dieser loyalen Gesinnung des jüdischen Schächters mit großer Befriedigung Kenntniß und ging beruhigt auseinander. Schweiz. Ch. Bern, 20. März. Nach immer dauern die Nachwehen des Schä chtverbotes an. Nachdem die Entscheidung des Volkes in einem rein wissenschaftlichen Streitpunkt angerufen worden ist und das i i j i [ i f;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.