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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-30 · Heft 13 (30.3.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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wppp? l f. f:. r i | I §: f I k I f l I 1 4 Schächten ohne vorhergehende Betäubung von der souveränen Mehrheit, den bedeutendsten Gelehrten zum Trotze, verboten worden ist, suchte die vergewaltigte, jüdische Minderheit sich den Fleischgenuß in einer weder ihr Gewissen noch das Landesgesetz verletzenden Weise zugänglich zu machen. Da aber der Import geschächteten Fleisches vom Auslande her zu kostspielig und unbequem ist, sann man nach einem näher liegenden Mittel und fand ein solches: man betäubte die Thiere vor dem Schächten mit Alkohol. Allein der gesunde Menschenverstand sollte hinreichend gewesen sein, um dieses Verfahren als ein in gesundheitlicher wie ritueller Beziehung gleich unglückliches zu erkennen, und es war mehr als überflüssig, ein verwerfendes Gutachten seitens des bernischen kantonalen Sanitätskollegiums und ein direktes Verbot durch den bernischen Regierungsrath abzuwarten. Nun ist der Fehler begangen worden, und die Früchte dieser Kopflosigkeit erntet die judenfeindliche Presse. Endlich nach einem zweiten Versuche, die Thiere durch Aether zu btztäuben, welchen die luzernische jüdische Gemeinde ebenso erfolglos vvrgenommen hat, entschlossen sich die Juden, ihren Bedarf an Fleisch aus den Nachbarländern zu beziehen — zum Nachtheile des ärmeren Theiles der Bevölkerung und nicht zum Vortheile des inländischen Marktes — und zwar für die Ortschaften bis und mit Winterthur von Höchst, für Zürich und die Mittelschweiz mit dem Nachtzuge aus Como, für Basel und den übrigen Nordwesten von St. Ludwig und für die französische Schweiz aus Frankreich. Selbstverständlich beschäftigt sich die Presse mit dieser, den strenggläubigen Juden geradezu aufgezwungenen Einrichtung auf ihre Weise, indem sie allerlei Bemerkungen über die Einfuhr „koscheren" Fleisches „trotz des Verbotes" macht, als ob es den Juden verboten werden könnte, für ihre Ueberzeugungen Opfer bringen zu dürfen. „Wie sie sich zu helfen wissen!" ruft der „Schweizerische Handels-Courier", das Organ der demokratisch-freisinnigen Partei'des Kantons Bern, aus, und das ebenfalls freisinnige „Oberländische Bolksblatt" winkt der Sanitätsbehörde zu, sie möge sich doch das Ding, das heißt die von der züricherischen jüdischen Gemeinde in Como errichtete Schächterei, auch ansehen; denn — wir haben die Juden allzu gern — zur Sommerszeit und bei Seuchen liegt die Gefahr von Einschleppung kranker Mikroben nahe. Sonderbar! Man möchte die Einschleppung von Mikroben verhüten und besorgt selbst die Verbreitung derselben im Lande; denn der Haß eines Volkes gegen das andere ist auch eine Mikrobe! Uebrigens ist es jammerschade, daß die Fürsorge für die Gesundheit des Vaterlandes sich mit der Aufsicht über jüdische Schlächtereien begnügt und sofort verstummt, sobald man von der Einführung der unentgeltlichen Krankenpflege spricht, und es berührt eigenthümlich, daß die berechtigte Forderung des Thierschutzes den Mitmenschen christlicher Konfession gegenüber so bescheiden auftritt. So z B. empfiehlt ein St. Gallisches Blatt, Angesichts der heraurückenden Zeit der Froschjagd, den Jägern, beim Tödten der Frösche statt eines Schnittes zwei Schnitte mit dem Messer oder Beile anszusühren. Etwas mehr Weitsichtigkeit und Folgerichtigkeit, ihr Herren! ' Kon Nah und Fern. Bei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Schlochau-Flatow stehen heftige Kämpfe zwischen den Konservativen und Antisemiten bevor. Beide stellen eigene Kandidaten auf. Während die Konservativen, wie wir schon meldeten, den Rittergutsbesitzer Higendorff zu ihrem Kandidaten ernannt haben, wird für die Antisemiten R. v. Mosch kandidiren — Für die bevorstehende Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Jnowrazlaw-Mogilno an Stelle des Herrn von Koscielski stellten die Antisemiten den Hauptlehrer Priebe in Argenau auf, der bereits bei der letzten Wahl in diesem Wahlkreise kandidirt hatte. — In der Gläubiger-Versammlung des in Konkurs gerathenen konservativ-antisemitischen „Siegener Tageblatt" erklärte der Konkursverwalter, daß der Inhaber und Redakteur des Blattes Friedr. Breitenbach spurlos verschwunden sei und zwar mit Hinterlassung von 20,000 Mk. Schulden. Die Gehilfen warten seit fünf Wochen auf Lohn, Handwerker haben keinen Heller bisher erhalten können, ja nach Muthmaßung des Konkursverwalters hat sich Breitenbach vor dem Durchbrennen noch Gelder der Konkursmasse angeeignet. Breitenbach, von Beruf Theologe, war eifriger Stöckerianer und die letzte Stütze des Hofpredigers ä. D. Wieder Einer! — Gegen den langjährigen Antisemitenführer Hübner in Hamburg veröffentlicht der Ehrenrath der antisemitischen Partei von Hamburg-Altona eine Erklärungin der cs u. A. heißt: 1. „Die gegen Herrn Hübner erhobene Beschuldigung bezüglich Verwendung der zufolge öffentlichen Aufrufes bei ihm für die im Jahre 1892 durch die Cholera in Nothstand gerathenen Parteigenossen eingegangenen Gelder ergeben hat „daß die Art und Weise, in welcher Herr Hübner mit den betreffenden Geldern verfahren ist, eine derartige war, daß derselbe in Zukunft für solche und ähnliche Vertrauensposten nicht mehr als geeignet zu betrachten ist." 2. „Die Prüfung der sonstigen gegen Herrn Hübner erhobenen Beschuldigungen hat ergeben: daß die Leichtfertigkeit desselben bezüglich Dispositionen in Geldangelegenheiten das Maß der Entschuldbarkeit überschritten hat." — In Baden-Baden ist im 81. Jahre der Pianist und Komponist Jacques Rosenhain gestorben. Rosenhain hat vier Opern komponirt: „Der Besuch im Irrenhaus" (zu Frankfurt 1834 aufgeführt), „Liswenna" (nicht aufgeführt), „Le demon de la nuit" (Paris 1851 in der Großen Oper) und „Volage de Jaloux" (Baden-Baden 1863), ferner 3 Symphonien, 4 Klaviertrios, 3 Streichquartette, ein Klavierkonzert, Etüden und Stücke für Klavier und eine größere Anzahl Lieder. — Gelegentlich des Geburtstages des Königs von Württemberg erhielt der Sanitätsrath Dr. Königshöfer in Stuttgart das Ritterkreuz erster Klasse des Friedrichsordens und Hofrath Eduard Pfeiffer wurde zum Geheimen Hosrath ernannt. — Bei den Wahlen im zweiten Wahlkörper des Bezirks Ottakring bei Wien zum Bezirks-Ausschuß siegten die sechs antisemitischen Kandidaten mit circa 250 gegen 220 Stimmen. Die Bezirksvertretung hat in Folge des Ausfalles der Wahl eine antisemitische Majorität. — Am Pariser Kassations- Hofe wurde der Oöerstaatsanwals am Appellhofe in Bordeaux, Herr Alphandery, zum Rath gewühlt. — Der „Jewish Board of Guardians" veröffentlicht seinen Jahresbericht. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf 451,817 Mk. in 4881 Fällen, wovon nur 452 Fälle in England geborene Juden betrafen, die anderen meist russische und polnische Juden. 719 Fälle darunter waren Geldunterstützungen an Auswanderer, von denen circa 400 Rückwanderer nach Rußland waren Die Unkosten, die diese Thätigkeit erforderte, waren Miethe, Gehälter rc. zusammengerechnet 54,880 Mark. — In der letzten monatlichen Sitzung der „Anglo Jewish-Afsociation" wurden über das jüdische Schulwesen im Orient erfreuliche Mittheilungen gemacht. In Acco hat die Alliance eine kleine Schule neuerdings eröffnet. Sehr günstig lauteten die Nachrichten von der Jaffaer Schule, deren Entwickelung alle Erwartungen übertroffen hat. Die „Anglo Jewish-Afsociation" beschloß, für diese Schule die Hilfe des Russen-Komitees in London anzurufen, da von den 110 Schülern die meisten Russen sind. Aus Schiras in Persien sind schlechte Nachrichten über die große Noth der dortigen Juden in Folge von Erdbeben und Mißernten eingetroffen. Die Gesellschaft wird versuchen, Mittel zu beschaffen, um diese Noth zu lindern. — Unser Glaubensgenosse Nissim Be har, der Direktor der Allianz-Schule in Jerusalem, ist als Vertreter der Juden in den Stadtrath (Medschlis) gewählt worden und hat nach Anfrage bei seiner Vorgesetzten Behörde die ehrenvolle Berufung angenommen — Der Jahresbericht des amerikanischen Gemeindebundes (Union of American Hebrew Congregations) ist eine erfreuliche Lektüre. Der Kassabericht zeigt am 1. November 1893 eine Bilanz von 35,042 Dollars in Ausgaben und Einnahmen, davon der Bedarf des Hebrew Union College 18,568 Dollars. Die Zahl der dem Bunde ungehörigen Gemeinden beträgt 161. — Die Auswanderung der russischen Juden im Großen beginnt sich statt nach Amerika nach Britisch-Indien zu wenden. In Calcutta werden für das Frühjahr 10,000 russisch-jüdische Einwanderer erwartet. Auf Kosten des Baron Hirsch gingen^jüngst 205 Frauen, Kinder und Greise, Angehörige von Kolonisten in Argentinien, dahin ab. In April werden wieder Äuswandererschübe nach Argentinien gesandt werden. Das Hilfswerk arbeitet jetzt ohne Ueberstürzung, systematisch und umsichtig. Die brasilianische Regierung hat russischen Einwanderern auf unbestimmte Zeit das Landen an der brasilianischen Küste verboten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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