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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-30 · Heft 13 (30.3.1894) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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156 Während die Gesellschaft Rachel umringte und ihr dankte, stahl er sich leise auf die Veranda hinaus und ging von dort in den , Garten. Dagmar, welche allein sein Verschwinden bemerkt hatte, sah"' ihm mit einem langen unruhigen Blick nach. Die frische Abendluft schlug Anders wohthuend entgegen. . . Er verließ den Garten und ging in den Park, in dessen dunklen Wegen er lange umher wandelte, er gestikulirte und redete so laut mit sich selbst, daß ein Paar kleine Vögel auf ihren Nestern im Schlummer gestört wurden. Er hob dann und wann sein thränenrciches, erregtes Antlitz zum blauen, ruhigen Nachthimmel empor, an dem einige weiße, florumhüllte Sterne funkelten. . . Rachels süße, klagende Stimine klang in seinen Ohren wieder und immer wieder: „Bezwungen hatte die Liebe sie." Ja, die Liebe bezwingt, Er blickte aufs Neue durch die dunklen, duftenden Zweige zum Nacht- Himmel empor. „Ja die Liebe! Die Liebe!" Er schlang die Arnie um eine junge, schlanke Birke und drückte seine brennenden Wangen an den kühlen, frischen Stamm und brach plötzlich in heiße Thränen aus. Ihr Nacken ist weiß wie Schwanenflaum, Ihre Lippen sind zuckersüß- So klang es in ihm und Rachels ganze jungfräuliche, reizende Gestalt stand in diesem Augenblick vor seinem inneren Auge. Sein Leben würde er dafür geben, könnte er einen Tag an Holgers Stelle sein! Würde diese unselige Leidenschaft ihn nie wieder verlassen? Wie hatte sie doch eine solche Macht über ihn erlangen können? War es eine Strafe, welche ihm das Schicksal sandte? — Sollte er gezwungen, ja, gezwungen werden, das Knie vor dem Weibe zu beugen, welches er einmal als ein geringeres Wesen verachtet hatte? . . Er erinnerte sich unter tiefem Erröthen seiner früheren frechen und prahlenden Aeußerungen. „Wenn die schönste Jüdin der Welt sich mir zur Geliebten anböte, würde ich sie von mir stoßen." Und jetzt — ach, jetzt wäre er glückselig, dürfte er nur den Saum des Gewandes — einer Jüdin küssen. Sein junges Herz war krank vor Liebe. XII. Rachel liebte die Morgenstunden. Sie stand früher auf als die übrigen Damen auf Rosengaard, und in diesen ruhigen Morgenstunden konnte sie sich der Einsamkeit ergeben, nach welcher reich begabte Naturen oft in der Fülle ihres Glücks das Bedürfniß haben. Es ist ein Drang, mit seinem eigenen Ich allein zu sein und von Andern, selbst seinen nächsten und liebsten Angehörigen, ungestört sein Wesen zu sammeln. Was ein Bad für den Körper, ist ein solches Untertauchen in die Einsamkeit für die Seele. . . Gestärkt und erfrischt kehrt man zum Alltagsleben und dessen Pflichten zurück. Lange konnte sie auf dem Hügel sitzen, von welchem man die Aussicht auf den Sund hatte — und denken und träumen — Erinnerungen und Hoffnungen flogen an ihrem Geiste vorüber. — Alle ihre Phantasien wurden von ihrer augenblickliche» Stimmung mehr oder weniger hell gefärbt... Ihre Gedankenwelt war so reich und wechselvoll wie die Pflanzenwelt auf der thaubenetzten Wiese zu ihren Füßen. Sonst ging sie auch wohl im Garten umher, Bäume und Blumenbeete mit dem kundigen, liebevollen Auge des Gärtners betrachtend. Die Rosen wollten sich noch immer nicht erschließe». Der weiße und violette Flieder erfüllte die Luft mit seinem Wohlgeruch, aber di« Jasminknospen hielten sich noch immer vornehm geschlossen. . . Würden sie wohl heute aufspringen? — Brauchten sie noch mehr Sonnenschein oder einen kleinen Regenschauer? — Allem Anschein nach wurde der Sommer heiß und trocken. Dabei pflückte sie einen Strauß, mit welchem sie den Frühstückstisch schmückte. «Forts. folgt.) Savvathruh! Von I. Loewenberg in Hamburg. dfeit meines Lebens wilde Stürme Tönt oft ein Friedensktang herein. Da muß ich meiner Mutter denken. Und um mich her ist Sonnenschein. Ich seh' die Dornen milde leuchten Und ziehe aus die Wanderschuh Vor meiner Kindheit heiligem Boden — Willkommen, süße Sabbathruh! Vom kleinen Zimmer strahlt die Lampe, Die siebenarm'ge, hell hinaus. Und vor ihr steht die Mutter betend Und breitet ihre Arme aus. Des Lebens staubbedeckte Sorgen Verschloß sie in des Werktags Truh, Und frei und fröhlich jauchzt die Seele: Licht und Freud' und Sabbathruh! So hoffte sie von Woch' zu Woche, So ging sie ihren Pilgerpfad, So trug sie leicht die schwerste Bürde, Und als der Tod sich ihr genaht. Ein Lächeln überflog ihr Antlitz, Sie schloß die müden Augen zu Und sang — that sich schon auf der Himmels — Licht und Freud' und Sabbathruh! In meines Lebens wilde Stürme Tönt oft ein Friedensklang herein. Da muß ich Dein, o Mutter, denken. Und alle Schmerzen schlafen ein. Und mir auss Haupt wie einst vor Jahren Legst linde Deine Hände Du, Und mich umfängt wie Muttersegen Ein Ahnen ew'ger Sabbathruh. Litterarische MittheUungen. --- Unter dem Titel: Aus dem Leben von Zunz ist soeben eine sehr interessante Abhandlung von Rabbiner Dr. S. May bäum als wissenschaftliche Beigabe zum Oster-Programm der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums erschienen, auf die wir schon heute die allgemeine Aufmerksamkeit lenken wollen. Wir behalten uns aber vor, in einem ausführlichen Artikel diesen sehr werthvollen Beitrag zur Lebensgeschichte des Altmeisters der jüdischen Wissenschaft, der gerade die am wenigsten bekannte Periode von 1818—-1840 an der Hand eines reichen Briefmaterials behandelt, zu besprechen. --- Die Fertigstellung der Schriften des hebräischen Litteratur- V er eins (Mekize Nirdamim) hat sich dieses Mal um einige Wochen verzögert, so daß die Versendung der Schriften erst mit dem Ausgange des April wird erfolgen können. In diesem, dem 9. Jahrgang erscheinen: a) Das Buch der Frommen, Schluß. b) Jona ibn Gannachs Wörterbuch, 1. Lieferung. c) Machsor Vitry, Fortsetzung. d) Sammelband, mit Beiträgen von D. Kaufmann, Senior Sachs und S. I. Halberstam, H. Brody, M. Steinschneider, A. Berliner. . Diejenigen Mitglieder, welche noch mit ihrem Jahresbeiträge im Rückstände sind, werden um recht baldige Einzahlung desselben ersucht. Dr. A Berliner, Krausnikstraße 21. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. LMWMWMM

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