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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-30 · Heft 13 (30.3.1894) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 Wie die meisten jüngeren Prediger war Pastor Sanft sehr eifrig in seinem Beruf. Er sprach aus ehrlicher Ueberzeugung, was seine» Worten den richtigen Ton verlieh. Die Kammerherrin freute sich im Stillen ihres Sieges. Die Behandlung dieser für Rachel so demüthigenden Glaubensfrage würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach von Rosengaard und Holger entfernen. Rachel, die so stolz und unabhängig war, würde eine Einmischung Anderer in solche private Herzensangelegenheiten kaum ertragen. Dieser religiöse Zwist wurde der Kammerherrin ein willkommener Verbündeter in dem heimlichen Kampf gegen die ihr aufgezwungene Schwiegertochter. Die Kammerherrin lud den Pastor ein, sie bald zu Mittag in Rosengaard zu besuchen. Sie könnten dann in mehr Ruhe den für alle Betheiligten so wichtigen Gegenstand besprechen. Holger hatte nicht den Muth, mit Rachel davon zu reden und überließ es seiner Mutter, die Verhandlungen zu eröffnen. Nach dem Kaffee, der am Nachmittag in einer Laube im Garten getrunken wurde, gingen Rachel und Holger allein in den Alleen umher. Holger war ungewöhnlich einsilbig. Rachel fühlte wohl, daß er Unannehmlichkeiten gehabt habe, aber da er nichts sagte, wollte sie sein Vertrauen nicht erzwingen. Ihre Unterhaltung gerieth oft ins Stocken. Um eine Pause auszufüllen, erzählte sie ihm von ihrem Besuch bei der Hüuslerfrau und wie es sie betrübt habe, in unmittelbarer Nähe des Hofes eine solche Armuth zu finden. Sie habe immer gedacht, daß die Gutsleute in Rosengaard besonders gut gestellt und zufrieden sein müßten. In Holgers Gesicht erschien ein Ausdruck, den sie vorher noch nie gesehen hatte und der sie fast erschreckte. Er war böse, ärgerlich und nicht ohne einen Schein von Brutalität. „Darum muß ich Dich sehr ernstlich bitten, Rachel, Dich nicht mit den Leuten einzulassen. — Deine Tante richtet, wie meine Mutter sagt, in der Beziehung schon genug Unheil an." In milderem Tone fuhr er fort. „Glaube mir, es kommt, nichts Gutes dabei heraus und paßt außerdem nicht für eine Dame Deines Standes." Rachel ging schweigend an seiner Seite; nur ihre wechselnde Gesichtsfarbe und ihre wogende Brust verriethen ihren inneren Aufruhr. Endlich sagte sie mit jener ladylikeu Ruhe, welche sie fast nie verließ: „Was paßt oder nicht, sollte ich als Frau wohl am besten wissen. . . Was dagegen die Sache selbst betrifft, will ich Dir aufrichtig meine Meinung sagen. Ich halte es für die unabweisbare Pflicht aller Gutsherren und Brodgeber, ihren Leuten eine Stütze zu sein und sie in geistiger und materieller Beziehung so gut wie möglich zu stellen. Wie kann man wohl im Schooße des Reichthums glücklich sein, wenn man weiß, daß es in der Entfernring von wenigen Schritten Menschen giebt, die leiden und das Nothwendigste entbehren müssen. Ist es nicht der größte Segen des Reichthums, daß er uns in den Stand setzt, den Unglücklichen zu helfen und sie zu trösten?" Rachels Bemerkung war mehr wahr als weltklug. Holgers Gesicht bekam wieder seinen harte», fremden Ausdruck. „Wir hier in Rosengaard sind keine Sozialisten," sagte er unfreundlich. Rachel senkte das Haupt, ihre Augen standen voll Thränerr. So unfreundlich hatte er noch nie zu ihr gesprochen. „Du bist mir doch nicht böse, lieber Holger?" fragte sie unter Thränen lächelnd. „Verzeih mir, vielleicht spreche ich von Dingen, die ich nicht verstehe." Wie ein Sonnenstrahl durch finstere Wolken glitt ein zärtlicher, liebevoller Ausdruck über sein hübsches, gutmüthiges Gesicht — und mit vielsagendem Schweige» nahm er ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. In diesem warmen Handkuß lag eine Abbitte und eine Versöhnung. Am Abend kamen Baronesse Svale und Dagmar zum Thee. Die Flirtation zwischen Anders und Dagmar fiel Allen auf. Sie standen beinahe fortwährend lachend und flüsternd allein in der Ecke. Anders behauptete, er könne wahrsagen; er nahm Dagmars große Hand fest in die seinige und prophezeite ihr aus den feinen Linien auf ihrer Handfläche ebenso unmögliche wie drollige Dinge. Wenn aber Rachels ernster Blick zufällig auf ihn fiel, stockte er mitten im Satze und sah so verlegen aus wie ein ungezogener Schulknabe, der auf einer Unart ertappt wird. Später hörte er dann, nur zerstreut auf Dagmars vertrauliches Geflüster. Für diese leichtsinnige Künstlerseele war sie nur ein Spielzeug — er wollte Rachel dabei vergeffen—aber Dagmar meinte es sehr ehrlich. Tante Rebekka plagte die alte Baronin wieder mit einer Menge unnöthiger Fragen, wer ihre Madehändlerin wäre, ob sie ihre Toiletten aus Kopenhagen oder direkt aus Paris bekäme, ob sie sehr verlegen gewesen sei, als sie der Königin vorgestellt wäre, was diese zu ihr gesagt habe/was die kleine hübsche goldene Uhr kostete, die sie trug u. s. w. Glücklicherweise war die Baronefle von sehr gutmüthiger Natur. Sie fand außerdem Vergnügen daran, Tante Rebekka gegenüber die Erinnerung an die Hoffeste aufzufrischen, welche sie in ihrer Jugend besucht hatte. Anders hatte Rachel oft gebeten zu singen, aber sie hatte es ihm immer kurz abgeschlagen. Heute setzte sie sich unaufgefordert ans Piano. Wenn sie im Herzen so traurig war wie heute, fühlte sie das Bedürfniß zu singen. Der Maler fand sie deshalb allerdings recht launenhaft, verließ aber sofort Dagmar und wählte sich fern vom Klavier einen Platz im Schatten, von welchem er Rachel unbemerkt gerade ins Gesicht sehen konnte. Rachel trug einige dänische Volkslieder vor, denn sie liebte vor Allem diese alten Weisen, deren naive Natürlichkeit der Kern aller Poesie ist. Zuletzt sang sie ein norwegisches Lied, welches ihren Zu Hörern ganz neu war. Das Lied war von tiefer, ergreifender Schwermuth, und als Nachel dasselbe zu Ende gesungen, herrschte jene athemlose Stille im Saal, welche für die Sänger schmeichelhafter ist als der rauschendste Beifall. Die eigenthümliche nordische Volksweise hatte Alle ergriffen. Die Melodie war unendlich rührend und die Worte so traurig. Die Kammerhecrin und Fräulein von Pahlen fanden allerdings den Text nicht soignirt genug, weil einige Ausdrücke darin vorkamen, welche ihren idealen Schönheitssinn verletzten. Rachel hatte mit jenem Ernst gesungen, der ihr eigen und der noch durch die Erlebniffe des Tages erhöht war — einem Ernste, der vorzüglich zu der düsteren Stimmung des Liedes paßte. Ihre Stimme war weich und rein, ohne besonders stark zu sein, ihr Vortrag einfach und gefühlvoll. Daß in Rachel eine große Künstlerin verborgen war, fühlte Jeder, der sie nur einmal hörte. Wie ausdrucksvoll klagend, feierlich wie Orgeltöne, traurig wie ein Grabgesang klangen von ihren Lippen die Worte: „Bezwungen hatte die Liebe sie," während ihre Augen unnatürlich groß und dunkel wurden, wie diejenigen einer Seherin, welcher es vergönnt ist, einen Augenblick den Schleier von der Zukunft zu heben. Anders freute sich, daß er im tiefen Schatten saß und Niemand seine tiefe Bewegung sehen konnte. Wo war der muntere, scheinbar frivole Künstler geblieben? Seine Züge waren schmerzlich verzogen, er athmete schnell und ohne daß er es wußte, rollte eine Thräne nach der andern über die vollen rothen Wangen in den blonden Vollbart. „Bezwungen hatte die Liebe sie," wiederholte er unwillkürlich.

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