Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
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- 153 - halten. Von diesen Recitativen hat freilich die Reform am meisten gestrichen, schon weil sie die betreffenden Texte ausgeschieden hat. Gerade diese Recitative aber, wie ich sie z. B. an den Sabbathen zwischen Peßach und Schewuaus gehört habe, tragen auch das Charakteristische des jüdischen Gesanges am entschiedensten an sich. Es sind Liebes-Lieder, Lieder der Liebe zwischen Gott und der Gemeinde Israel, Lieder, in denen die verstoßene Geliebte um Versöhnung und Rückkehr ihres Geliebten bittet. Es ist nicht ein Aufschrei des Schmerzes, der Verfolgung, nicht die Klage um erlittene Qual unter dem Druck, dies wenigstens nicht eigentlich und an sich; was hier tönt, ist wesentlich die Verlassenheit vom Geliebten, der Verlust der Liebe: „Warum willst du uns auf immer vergessen, auf ewig verlassen." Das ist der Refrain. Solcher Gesang galt dem Juden nicht nur für schön, sondern für einzig. Und dieser Charakter lag nicht nur in der Recitation der „Jauzeraus" an jenen Sabbathen, sondern auch in dem Vortrag der beiden Gebet-Sprüche vor dem „Schema". Wie zitterte die Sehnsucht in den Worten LNN "AK „ein neues Licht über Zion", und IJiOSni! Hierauf folgte ein Piut, ein trübes Liebes- Gespräch zwischen der Gemeinde und Gott. Daran schloß sich dann, da man sich der Liebe Gottes soeben neu vergewissert hatte, in frohem Tone Aber wo man der herrlichen Zukunft gedachte, des Reiches Gottes, wie jubelte da der Ruf riJH oder JHinnb Und vor Freude hüpfte das Herz an jedem Sabbath, indem man Moses gedachte, als ihm Gott die Gesetz-Tafeln schenkte, und ihn seinen „frommen Knecht" nannte, wie dies namentlich nach der Anordnung unseres Lewandowski der Fall ist. Zur höchsten Höhe aber, nach meinem Gefühle erhob sich der Chason an den Stellen, wo er würdevollsten, fast kirchlichen Gesang mit heiterer Melodie aufs Innigste mischte; da, wie beim echten Humor, lachte das Herz, während die Thräne dem Auge näher stand, so z. B. wenn er mit den Worten NNVV21 jubeln möchte — möchte und es versucht, aber nicht kann, sondern durch den Jubel hindurch den Klageton unabsichtlich hören läßt. Gestehen müssen wir: es war doch ein Meisterwerk: eine Liturgie für den ganzen Tag ohne Unterbrechung von dem Granen des Tages bis zum Aufgang der Sterne. Wie viel Menschliches hier mit »nterlaufen mochte, Zwischenzeiten der Abspannring, bei Diesem länger, bei Jenem lürzer; es war für Abwechslung, für sich ausgleichende Anspannung und Erholung, durch Gesang des Vorbetcrs und stilles Gebet der Gemeinde so gesorgt, daß ich, ohne mich zu wundern, es anhörte, wie ein Jude sagte: „der Jom Kippur ist mein schönster Tag des Jahres". Wir heute vertragen den alten Jom Kippur nicht mehr. Das Beste des alten Chasonus haben wir beibehalten; zur Erbauung ist die Predigt hinzu gekommen; statt des alten verlassenen Gesanges ist neuer Gesang eingeführt; und so schön die alte Nerla war, unsere neue ist schöner und gehört, so wie sie jetzt von Lewandowski bei uns gestaltet ist, zu den schönsten Liturgien. Auch in den Fällen, wo die Reform die Texte zu den alten Recitativen nicht gestrichen hat, ist es mir doch zweifelhaft, ob dieselben beibehalten werden können, weil sie erstlich nicht in den Stil des neuern Gesanges passen, und weil sie zweitens doch ein Gefühl kund geben, daß wir heute nicht mehr haben. Auch das Schöne, und besonders das Allerschönste hat nur in gewissen, historischen Zuständen wirkliches Leben. Indessen, Pietät und Wissenschaft; Liebe zu unfern Voreltern und Pflicht gegen die Geschichte der Musik gebietet uns, die alten jüdischen Lieder zu sammeln und aufzubewahren, wieviel davon zu finden sein mag. Auch unter den alt-jüdischen Tisch- Gesängen, den „Semiraus“ am Freitag Abend, oder unter den Melodien des „Schir hakowaud“ findet sich, wie mir scheint, manche Perle. Zu verwerthen wären die alten Arien und Recitative vielleicht in jüdischen Oratorien. Die Zerstörung des Tempels nach der Darstellung des Talmud ergäbe den denkbar schönsten Text'); oder zu Präludien, wie wir deren unserm Lewandowski schon verdanken. Sie wundern sich vielleicht, h. A., und ich könnte fast mich selbst wundern, daß ich jene Melodien aus meiner Kinderzeit bis heute so treu im Gedächtniß behalten habe, obwohl ich sie zum Teil nur wenige Male gehört haben kann, und eben alle Jahr nur ein Mal. Die Sache wird mir aber leicht erklärlich, sobald ich mich erinnere, wie ich hier öffentlich der Wahrheit gemäß aussprechen kann, daß sich jene Melodien nicht nur tief in meiner Seele einprügten, sondern daß sie mich darun» auch durch das ganze Leben und in allen Stimmungen begleiteten. Auch ein jüdisches Wiegenlied habe ich meinem Kinde, zumal wenn es krank darnieder lag, vorgesungen und es damit eingeschläfert. In trüber Einsamkeit sang ich solche Lieder für mich; beginnend mit den traurigsten und zu immer heiterer« Melodien übergehend, erhob ich mich aus tiefer Melancholie zu ruhiger Heiterkeit. Ich verdanke denselben nicht wenig zur Beruhigung meiner Stimmung und Befestigung meines Charakters. ->#*- Beiträge zur vergleichenden Gnomslogie. Von Dr. W. Klemperer, Prediger der Reformgerneinde. IV. JX) ibb. 16b. Rabbi Joseph sagte: »MPI Kp mp VV „ich sehe hier ein Job als Stabt." Dieses ana£ xeyöf.ievov unter ben talmubischen Sprichwörtern wollte mir nie einleuchten. Wie Raschl's Erklärung unb bie im Aruch zeigen unb aus bem Zusammenhänge beutlich sich ergiebt, will es eine Uebertreibung, eine Aufbauschung irontfiren. „Du machst aus einem Job (bem kleinsten Buchstaben) eine Stabt"; also ungefähr bas, was bas bekannte Sprichwort besagt aus einer Mücke oder wie -die alten Griechen sagten ^vlac Mipavxa aus einer Fliege einen Stefanien machen. Währenb aber in dieser'Hyperbel unb ebenso in ber lateinischen Rebensart, bie Cic. Plane. 40,95 anführt, arcem ex cloaca facere* * 3), „aus einem Abzugsgraben eine Burg machen", Gegenstänbe, bie in eine Kategorie gehören, ein winziges Thier mit bem riesigsten, ein unterirbisch verborgenes', bei aller Nützlichkeit möglichst *) Mitgetheilt wird derselbe in wörtlicher Uebersetzung bei Karpeles, Gesch. d. jüd. Lit. 2) Statt 12QO21 WV1 habe ich gesungen 12^1321 lJ'iS- 3) Burg und Schutthaufen werden auch im Midrasch als Typen von sittlich vornehmen und niederen Naturen gebraucht (vgl. Pesikt. b. R. Kah. ed. Buber S. 117) nT3 iTT’S ßlÖTl N2 „Stürzt die flOP vbp'p K^P'P Dnn N21 Burg zusammen, so heißt sie noch immer Burg; erhebt sich ein Schutthaufen, so heißt er noch immer Schutthaufen. Der Sinn ist klar. Wie Ruinen einer Burg noch deren ursprüngliche Bauart und Schönheit offenbaren, so bildet das Kriterium des Frommen mehr noch als seine Bescheidenheit im Glück, die Würde und Ergebenheit, mit der er sein Mißgeschick erträgt; wohingegen die niedrige Gesinnung eines Menschen nie erbärmlicher zum Vorschein kommt, als in dem Dünkel und der stolzen Ueberhebung, zu der ihn Standes- und Rangerhöhung verleiten. Der erste Theil dieser Sentenz erinnert