Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-30 · Heft 13 (30.3.1894) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 13 (30.3.1894)
Date
1894-03-30
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228054--50704-3273526
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

152 dieses selbstnicht, als vielmehr der selige BaronM oritzKönigswarter, suggerirt vom klerikalen Grafen Belcredi, welcher in dem Gesetze für den, nennen wir ihn, seelsorgerischen Funktionär der israelitischen Gemeinden keine andere Bezeichnung als die eines Rabbiners für zulässig erklärte. Baron Königswarter glaubte damit -dem Stande mehr Air zu geben. In verschiedenen Petitionen wurde dagegen demonstrirt; es empfahl sich jedoch nicht, die Sache weiter zu verfolgen, da Werth darauf gelegt wurde, das Gesetz überhaupt zu Stande zu bringen, ungeachtet mancher darin nicht erfüllter Desiderien. Man begnügte sich damit, die von Königswarter-Belcredi'scher Seite beantragte Bestimmung, den Rabbiner als Leiter der Gemeinde anzusehen, zunichte gemacht zu haben lind gab sich mit dem Uebrigen so viel wie zufrieden. — Die Folgeübel des gewählten'Rabbiner- Titels für jeden Funktionär, dem die Vornahme von Trauungen rc. rechtlich zustehen soll, stellen sich nun ein. Um den Erfordernissen nach dieser Richtung in der hiesigen Gemeinde zu genügen, ist der Vorstand bemüßigt, so Manche mit dem Titel „Gemeinderabbiner" auszustatten, um sie zur Vornahme von Trauungen zu befähige», die aber thatsächlich nicht immer die einschlägige wissenschaftliche Qualifikation besitzen, um als „Gemeinderabbiner in Wien" gelten zu können. Man unterschätze die Bedeutung der Sache nicht. Hier deckt sich mit dem Titel ein ganzer Begriff. Die Remednr in dieser Beziehung liegt in der Hand des Vorstandes. Ein anderes Mal hiervon. 1. Are jüdischen Melodien. Von Prof. Dr. H. Steinthal. IL dem Chasonus, soweit er aus vollem Gesänge besteht, ist durch die Reform des Gottesdienstes vielleicht viel, doch nicht 'J® Alles fallen gelaffen worden. Zwar jubelt jetzt am Peßach das „emsss" nicht mehr die Wahrheit des Glaubens an den in seiner Liebe ewig unveränderlichen Gott, womit natürlich auch, ich möchte sagen, die Antistrophe fallen mußte: VS S]pF) „unsere mächtige Liebesgluth für diesen ewigen Gott spült keine Tyrannei hinweg". Immer aber gleitet doch noch am Festabend das Gebet in leicht heiterem Rezitativ dahin und bereitet im Gegentheil das langsamere, würdig ernste Rezitativ der drei Abende der Jomim nauroira erhebend auf die folgenden Tage vor. Immer noch wird das in trüben Zeiten von unseren Gegnern heftig angefeindete „Oleinu“ und darauf am Jom Kippur die wehmüthige Erinnerung an die „Awaudo“ in den alten Melodien gesungen. Und hier muß ich der Orgel gedenken. Wir haben uns lange der Einführung derselben in die Synagoge widersetzt, und sicherlich geschah dies auch bei den alt-jüdisch Gelehrten weniger im Hinblick auf das jüdische Gesetz, als, wenn auch unbewußt, aus demselben Grunde, aus welchem auch der Reform sonst nicht abgeneigte Männer, und Anfangs, das gestehe ich, ich selbst, die Orgel in der Synagoge nicht hören mochten. Doch hier bewährte sich die alte Regel: probiren geht über studiren. Das psychologische Affoziations- Gesetz zwang uns zur Behauptung, daß die Orgel ein kirchliches, ein christliches Instrument sei, welches die jüdische Andacht nur stören könne. Die Erfahrung jedoch hat uns ganz überraschend fast das Gegentheil gelehrt. Da die alte Melodie, wie oben erwähnt, von keinem gebildeten Vorbeter gesungen werden konnte: so hatte man sich vor Einführung der Orgel dadurch zu helfen gesucht, daß man die Theile der Melodie, welche zwischen die Worte fielen, ganz ausmerzte. Und was war der Erfolg? Ich spreche hier meine Er fahrung aus. Der alte Nigun, wie er mir ins Herz gewachsen war, war verstümmelt, entstellt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: als ich den „Mussaf-Kaddisch“ und den „Boruch atto“ in der neuen Gestalt hörte, ward mir wehe. Mir war, als wenn man mir ein Lieblingsgedicht derartig vorläse, daß man nach jedem gelesenen Verse den folgenden überspränge. Ich erwartete nach einenr Theil der Melodie die gewohnte Fortsetzung; statt dessen ertönte schon das erst später Folgende: Erwartung und Dargebotcnes deckten sich nicht. Diese Diskrepanz mußte höchlichst mißfallen, geradezu verletzen. Jetzt, mit der Orgel, können diese alten Nigunim treu wiedergegeben werden; die Orgel singt, was ehemals der Meschaureir und der Baß; und dem Chason bleibt, was des Chasons war und ist, das Wort. Die Orgel hat uns das alte Chasonus wiedergegeben und wird dasselbe erhalten und unseren Kindern vererben. Wer, der die Awaudo mit der Orgel gehört hat, möchte sie jemals wieder ohne dieselbe hören! Ich wiederhole hier, was ich schon öfter bemerkt habe. Es ist mit den Nigunim wie mit allen Volksliedern: sie -sind ohne feste Form und leben nur in Varianten. Darum hat der heutige jüdische Musiker das Recht, den alten Gesang zu variiren, eben sowohl wie der alte Chason, aber er kann nicht behaupten, daß er jemals die schönste Variante gehört und die schönste in Noten gebracht habe. Hieran reiht sich unmittelbar etwas Anderes. Texte, welche aus mehreren Strophe» bestehen, tvährend jede Strophe ihreil besonderen Inhalt hat, finden nicht leicht eine Melodie, welche für jede dieser Strophen paffend wäre. Dies scheint mir ein wesentlicher Grund für die Varianten der alten Lieder. Ich habe z. B. das Chanuka- Lied in wenigstens drei stark von einander abweichenden Varianten gehört, welche in der Hauptsache gewiß dadurch entstanden sind, daß die betreffenden alten und neuen Sänger sich mehr von dem Inhalt der einen oder der anderen Strophe ergriffen fühlten. So hat unser Lewandowski jene Melodie ganz vortrefflich gestaltet. Er hat sich dabei, scheint mir, mehr noch von der Uebersetzung inspiriren laffen als vom hebräischen Text; denn was die Uebersetzung bietet, drückt seine Melodie selbst in den einzelnen Theilen vorzüglich aus. Er hat dieselbe aber nur nach dem Inhalt der ersten Strophe gestaltet: „Schirm und Schutz in Sturm und Graus, dir erschall ein Juvellied" u. s. w. Wie wenig nun stimmt das zum Anfang der zweiten Strophe: „Unheil satt war meine Seele, Trübsal brach meine Kraft;" oder zu den Versen der dritten Strophe: „Denn Götzen dient' ich, drum Gottes Zornes-Wein trank ich, beinah verging ich." Wieder ganz anders spricht die vierte Strophe, die Hamans Untergang besingt, und die manchem Juden den leichten tändelnden Ton für das Ganze abgab. Jede jener Varianten ist berechtigt für eine Strophe; und es verdient bemerkt zu werden, daß dieselben nicht aus fern von einander gelegenen Gegenden stammen, sondern nur von verschiedenen Personen derselben Provinz herrühren, was beweist, daß Jeder sich von derjenigen Strophe in der Auffassung des Gesanges leiten ließ, welche am stärksten auf ihn wirkte, wobei immerhin individuelle Neigungen wie überall auch hier nntgewirkt haben mögen. Dies führt mich zu denjenigen Gesängen der alten Chasonim, welche als Rccitativ oder Parlando ganz nothwendig der Individualität des Vorbeters amheimfielen, aber von den gebildeten Gerneindegliedern am höchsten geschätzt wurde». Sie waren eben unmittelbarer Allsdruck der Religiosität und Andacht des Chason; und auch ich muß dieselben für die schönste Leistung des jüdischen Gesanges

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.