Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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f-WW-in-l a*, v- , .y^ * W; .>■ SV,,vv-yjl -V. ,'-* Vj} , ’ I^->. 150 Theilen Rußlands, woselbst Juden wohnten, uni die Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen. Das gelang mit Hilfe der Brauntweinfässer in den Kellern der jüdischen Gastwirthe, sowie mit Hilfe des geraubten jüdischen Gutes mir zu leicht. Daß es in Westrußland nicht zu gleichen Ausschreitungen kam, wurde durch das mannhafte Auftreten des damaligen Generalgouverneurs von Wilna, General Todtleben, verhindert. Diese selbstangezettelten Judenverfolgungen zum Vorwand nehmend, erließ Jguatjeff die bekannten Maiverordnungen, wodurch so viel Noth und Elend über die russische» Juden heraufbeschworen und alle die Vergünstigungen, welche die Juden bisher genossen, rückgängig gemacht wurden. Es ist auch unrichtig, daß man gegen mittelalterlichen Brauch den Juden die schönsten und fruchtbarsten Provinzen des Reiches angewiesen. Denn erstens sind es nichts weniger als die schönsten und fruchtbarsten Provinzen, und zweitens sind sie ihnen nicht angewiesen worden. Dort haben die Juden gewohnt, Jahrhunderte bevor diese Provinzen russisch geworden waren. Mit der Annexion des ehemaligen Polenreiches sind auch die dort wohnenden Juden russische Unterthanen geworden. Es ist unrichtig, daß die Rabbiner den Besuch der „Gojim"- Schulen untersagt. Als diese russischen höheren Schulen auch für die Juden eröffnet worden waren, zeigte sich bald ein so großer Andrang, daß russische Willkür, wie allgemein bekannt sein dürfte, die Schülerzahl auf einen geringen Prozentsatz eiuzuschränken sich gemüßigt sah. Es ist eine Verläumdung, daß die russischen Juden „produktiver Beschäftigung, wie Ackerbau, Handwerk u. s. w. abhold, faul, unverbesserlich und unbegabt sind." Ehemals gab es ganz besonders unter den Juden in Littauen Hunderte und Tausende fleißiger Bauern; man hat sie nach und nach aus ihren Besitzthümern und Pachtungen ohne alle Entschädigung vertrieben. Solche Behandlungsweise hat sich der jüdische Bauer seit Ewigkeit her müssen gefallen lasse». Schon vor 25 Jahren habe ich erlebt, wie man die Unglücklichen zu Dutzenden von ihrer Scholle vertrieb und mit Weib und Kind ins Elend gestürzte. Dieses Grundstück, hieß es immer, gehört dir nicht, du darfst ja gar keinen Grundbesitz erwerben. Der jüdische Ackerbauer wäre in Rußland längst bis auf den letzten Mann ausgerottet, wenn nicht einzelne russische Magnaten durch ihren Einfluß Manche in ihren Besitzthümern und Pachtungen geschützt und erhalten hätten. In Betreff des Handwerks liegt die Sache anders, denn das Handwerk ist ja fast ausschließlich in den Händen der Juden, und ich fürchte fast, daß das erst in jüngster Zeit erfolgte Verbot eines fanatischen geistlichen Oberhirten, den Juden keine Kirchenbauten zu übertragen und bei dem Bau von Kirchen nicht mehr zu beschäftigen, vergeblich sein wird. Von dem Fleiße eines solchen russisch-jüdischen Handwerkers hat man in 'Deutschland gar keine Vorstellung. Ein solcher arbeitet manchmal 16 Stunden täglich, um wöchentlich 4 bis 5 Rubel zu verdienen. Auch England und Amerika kann Zeugnis; ablegen vom Fleiße und der Tüchtigkeit der russisch-jüdischen Arbeiter und Handwerker, obschon es die besten Kräfte nicht sind, welche dorthin auswanderten. Der Verfasser des Artikels frägt, was aus den zur Zeit von Nikolaus eingerichteten Ackerbau-Kolonien geworden ist. Nun, wenn er beim Ministerium in Petersburg anfragen wollte, so würde man ihm antworten, daß dieselben nach neuerdings erst vorgenommenen Inspektionen im besten Zustande sich befinden. Was in dem Artikel da von einem Raubbau u. dergl. gesagt ist, muß als böswillige Erfindung bezeichnet werden. Ferner ist es unwahr,, daß die Juden allerlei Mittel ersinnen, um sich der Militärpflicht zu entziehen. Wenn die jüdische Bevölkerung 2 bis 3 Prozent mehr Soldaten liefert als die übrigen Volksklassen, so genügen sie doch vollauf ihrer Militärpflicht. Wie oftmals melden sich bei mir aus England und Amerika gekommene junge Menschen zur Beförderung in ihre russische Heimath, und auf die Frage, warum sie zurückgekehrt seien, erfolgt die Antwort: Ja, ich muß mich zum Prisiv stelle». Und daß die Juden in der russischen Armee schlechtere Soldaten seien, als ihre russische Kameraden, ist eine eben solche böswillige Erfindung als die antisemitische Behauptung, die deutschen Juden lieferten schlechte Soldaten. Eine wahrhaft ungeheuerliche Beschuldigung ist die Anklage, daß die Juden in den von ihnen bewohnten Dörfern die Bevölkerung demoralisiren, da die Juden auf den Dörfern gar nicht wohnen dürfen; daß die Juden nur auf Wucher sinnen, da es bei der entsetzlichen Armuth der Juden und der verhältnißmäßig weit besseren Situation der Bauern gar nichts zu wuchern giebt. Der Jude erhält oft an Geld und Lebensmitteln von Bauern Vorschüsse, die er als Handwerker oder Materialienhändler abverdienen muß, aber nicht umgekehrt. — Und Dorfmädchen sollte der Jude in die Städte und ins Verderben locken? So einen Gedanken kann doch nur ein deutscher Antisemit aushecken, der gar keine Ahnung von den russischen Verhältnissen hat oder gegen besseres Wissen die Wahrheit entstellt. Ein Jude, der auch nur im Verdacht stände, so etwas zu unternehmen, der würde kurzer Hand „auf administrativem Wege" in die Bergwerke Sibiriens wandern. Umgekehrt kommen leider nur zu viele Fälle vor, daß jüdische Mädchen durch allerlei falsche Vorspiegelungen von Liebe und Heirath in die Häuser der Geistlichen gelockt und dort getauft werden. Und einmal getauft, giebt's keine Rückkehr mehr. Selbst der Versuch, ein solches Mädchen zur Rückkehr zu bewegen, wird mit Verschickung nach Sibirien bestraft. Schließlich redet der genannte Artikel auch von dem Schmutze der russischen Juden der unteren Klasse. Nun ja, die reinlichsten sind es eben nicht. Der äußere Schmutz ist ihnen aber förmlich durch die Einzwäugung in enge Gassen und alte Häuser aufgezwungen worden. Und es giebt einen innern, seelischen Schmutz, der viel häßlicher ist. Von dem sind die russischen Juden frei. Wiener Briefe. XXVIII. haben heute Ludwig August Frankl zu Grabe getragen. Wie er gelebt, so ist er gestorben, ohne Kampf. ® 0 Spiegelglatt floß sein Leben hin, beschwerdelos hauchte er es aus. Minutiös in der Beobachtung urbaner Umgangsformen, empfing er auch den Tod in stimmungsvoller Aufgeräumtheit. Respektvoll näherte sich ihm der Sensemann, wie es die Meisten gethan, welche an ihn herantraten. Beim Mittagmahle, in anregender Tischunterhaltung, den letzten Bissen im Munde — so verschied L. A. Frankl. Die Biographie Frankls ist bei verschiedenen Anlässen publizirt worden. Es ist kaum nöthig, Einzelheiten aus seinem Lebensbilde zu schildern; im Ganzen kann hervorgehoben werden, daß Begabung, gefälliges Wesen und nicht zum Wenigsten die damaligen Zeit- und Gesellschaftsverhältnisse in Wien ihm zeitlich Eingang verschafften in die litterarischen und künstlerischen Kreise der Residenzstadt. Während der geistvolle, lebhafte Ignatz Kuranda und der vielseitige, liebenswürdige Adolf Neustadt das schwere Joch des Exils auf sich nahmen, um durch Posaunenstöße muthiger. rückhalts-