Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 lingen der jüdischen Lehrerbildungsanstalten die Berechtigung zum einjährigen Dienst zu sichern, sollte es ferner zu ermöglichen sein, die Kosten derselben für mittellose — selbstverständlich begabte — junge Leute zu decken, dann dürfte die bevorstehende Aenderung im Militärdienstverhältniß der Volksschullehrer sich für den jüdischen Theil derselben als eine Wohlthat erweisen; sie wird, abgesehen von mannigfachen anderen Vortheilen, Beruhigung und Ausgleichung herbeiführen. Hoffen wir das Beste! Nie Iudenfrage in Nußland. Von Dr. Rülf in Memel. n einer ihrer jüngsten Nummern bringt die „Kreuzzeituug" einen 1 langen Artikel, welcher, uni seiner Tendenz willen, eine Erwiderung dringend herausfordert. Der Gewährsniann des frommen Blattes sagt darin: „Es giebt unter den vielen Erdichtungen, welche in Europa kursiren, wohl keine größere als die sogenannte „Verfolgung der Juden". — Wie viele Male habe ich nun schon ausführen müffen, daß diese in russischen Zeitungen, welche eine innige Seelenharmonie mit der „Kreuzzeitung" verbindet, schon oft ausgesprochene Behauptung einen gewiffen Anschein von Berechtigung für sich geltend machen kann? Solch einen wilden ungezügelten Judenhaß, wie ihn unsere autisemitischeu Helden stets genährt und bethätigt haben, giebt es in Rußland nicht; und dennoch hatten die deutschen und englischen Zeitungen Recht, welche in der Behandlung der russischen Juden nur Akte der rohesten Barbarei erkennen wollten. Alles, was in Rußland gegen die Juden unternommen wurde, geschah auf Grund von alten Gesetzen, das ist richtig. Aber ist das eine menschenwürdige, der Gerechtigkeit angemeffene Gesetzlichkeit, wenn es bei jeder gesetzlichen Bestimmung heißt: „der Jude ausgenommen", wenn man fiir die Juden Ausnahmegesetze hat, wenn man unter de» alten und veralteten Gesetzen einer wilden, barbarischen Zeit wieder alle diejenigen Gesetze ausgräbt, welche die Unterdrückung und Vergewaltigung der Juden zum Zwecke haben? „Ich habe versucht," sagt der Gewährsmann der „Kreuzzeituug" weiter, „mir zu erklären, wie es kommt, daß in der niedrigsten Klasse der Bevölkerung ein so großer Haß gegen die Juden herrscht." Was soll man nun sagen zu solch krasser, aller Begründung entbehrender Voraussetzung? Ein befferes und freundlicheres Verhältniß wie zwischen diesen beiden Volksklaffen, die nirgends so scharf und erkennbar sich unterscheiden, wie gerade hier, habe ich während meiner langen Lebenswanderung noch nicht wahrzunehmen Gelegenheit gehabt. Die rührendsten Beweise der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung in Zeiten der Noth und Bedrängniß hatte ich mit meinen eigenen Augen und Ohren wahrzunehmen Gelegenheit. Wirklichen Judenhaß habe ich nur bei einer einzigen Volksklaffe gesunden, nämlich bei den Deutschen der Ostseeprovinzen, und auch da nicht bei den niederen, sondern gerade bei den höheren Klaffen und vorzugsweise bei den deutsch-russischen Junkern. Eine gar merkwürdige Erscheinung! Der Deutsche leidet noch weit schwerer unter den wuchtigen Schlägen der russischen Knute als der Jude. Das ist nicht mehr Chikane, sondern Vergewaltigung, bis zur Vernichtung, bis zur Austilgung des deutschen Namens, und dennoch kann der Deutsch-Ruffe von feinem Judenhasse nicht lassen, der leidigen Konkurrenz wegen. Hat denn aber das Deutschthum unter dieser Konkurrenz gelitten? „Im Jahre 1861," heißt es in dem Artikel der „Kreuzzeituug", „durfte ein Jude nicht die Nacht in Riga zubringen, wenn er nicht die spezielle Erlaubniß des Gouverneurs hatte; heut zu Tage sind gegen 60,000 Juden dort. Dasselbe war der Fall in Moskau." Was war denn aber auch Riga vor 1861? Ein elendes Nest, und jetzt ist es eine weltbekannte Großstadt init Welthandel und allen nur denkbaren Industrien. Das Meiste und Beste haben die Juden dazu beigetragen. Moskau freilich war als Reichshauptstadt immer groß; auf mehr als 15,000 Seelen hat es jedoch die jüdische Bevölkerung dort nie gebracht; allein auch die genügt, um daselbst Handel und Industrie heimisch zu machen. Darum hat sowohl die Kaufmannschaft in Riga wie auch in Moskau gegen die Ausweisung der Juden protestirt. In Moskau freilich ohne Erfolg, denn mehr als die Hälfte der jüdischen Einwohner haben die Stadt verlaffen müssen; heute ist die Zahl der Juden in Moskau noch kaum neunenswerth. Aber die deutsch-russischen Krautjunker hatten die Konkurrenz der russischen Juden zu befahren und zu befürchten und haben alles Mögliche aufgeboten, um die Juden vom flachen Laude zu vertreiben, denn die russischen Magnaten vertrauten die Bearbeitung und Verwaltung ihrer Güter viel lieber den jüdischen als den deutschen Gutspächteru. Ich kenne einen solchen edlen und gebildeten Mann, der das Besitzthum einer russischen gräflichen Familie in Pacht hat, ein Areal so groß wie ein deutsches Fürstenthnm. Was hat der Mann schon aushalte» müffen von solchen Denunziationen! Er hätte auch, da der Jude in Rußland ja als Gutsbesitzer und Gutspächter gesetzlich nicht auftreten darf, längst sein Anwesen verlassen müffen, wenn ihn der Einfluß seiner Gutsherrschaft nicht zu schützen wüßte. So sind trotz alles Verbotes große Güter, selbst Kronsgüter, in Verwaltung von Juden. Ich kenne auch einen solchen jüdischen Gutspächter, der gezwungen worden ist, ein Pachtgut sich in Preußen zu suche» und eine Königliche Domäne, die ehemals völlig vernachlässigt und verwahrlost war, zu einem guten und ertragsfähigen Besitzthum umgeschaffen hat. Zum Danke dafür hat ihn die Königliche Regierung jetzt auch naturalisirt. Ich will dessen hier Erwähnung thnn, trotzdem ich der Kr.-Ztg. hierdurch Material liefere zu neuen Verdächtigungen und Anklagen gegen unsere Regierung. Wir müffen uns präziser fassen, sonst kommen wir gar nicht dazu, alle die Verdächtigungen und Anklagen, welche in dem vorliegenden Artikel gegen die russischen Juden' erhoben werden, in ihrer Haltlosigkeit aufzudecken und zu entkräften. Die Regierung, wird gesagt, mußte die Juden gegen das unwissende Volk in Schutz nehmen, weil die Vollswuth die Juden für Mißernten, Cholera rc. verantwortlich machte. „Es war dabei darauf abgesehen, die Frage endgiltig zu entscheiden". „In Anbetracht dieses Umstandes wurde wiederum beschlossen, den Inden den ganzen westlichen Theil des Reiches zu überlasten und die Bevölkerung in Großrußland ganz von ihnen zu befreien." Wie viele Worte, so viele Unrichtigkeiten. Kaiser Nikolaus und Kaiser Alexander II. gingen darauf aus, den Juden mit der Zeit die völlige Gleichstellung und Freizügigkeit zu gewähren, einstweilen aber nur an diesen Berechtigungen Kaufleute erster Gilde, Studirte jeden Grades, zünftige Handwerker, gediente Soldaten Theil nehmen zu lassen. Die Juden hatten diese Vergünstigungen fleißig benutzt, und bald wohnte auch im Innern Rußlands eine zahlreiche jüdische Bevölkenmg. Mit dem Regierungsantritte des jetzigen Kaisers gelangt ein anderes System zur Herrschaft. Die Juden sollten uni jeden Preis wieder in das westrussische Ghetto zurück gedrängt und getrieben werden. Diese Aufgabe übernahmen nach einander der Minister Jgnatjeff und der Präsident des „Heiligen Syuods" Pobedonoszeff. Ein überaus drastisches Mittel brachte zunächst Jgnatjeff zur Anwendung. Er schickte Agenten nach alle»