Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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147 Litteratur, der Handschriftenkunde, der Geschichte der Philosophie und der Medizin, der Mathematik und der Astronomie^) seit vier Jahrzehnten, seit dem Erscheinen seines ersten Hauptwerkes* 2) — auf den Gelehrten selbst, der sein ganzes Leben hindurch die Menschen nicht nach Geburt und Stellung, nach Titel und Rang, sondern nach ihrem inner» Werth und ibrem geistigen Können zu beurtheilen gewohnt ist, mußte die verspätete Ehrung erst recht ohne Eindruck bleiben. Eine, weiteren Kreisen verständliche Analyse seines neuesten Werkes zu geben erscheint nicht am Platz und würde auch dem Wunsche des Verfassers zuwiderlaufen; ausdrücklich verlangt Steinschneider zur Erlangung gewisser Erkenntnisse — lind zu ihnen rechnet er die Litteraturgeschichte des Mittelalters — ein ei geil es Mitarbeiten: „Wer nicht selbst daran arbeitet, gewinnt nichts ,nnd verdient es auch nicht." Erwähnt sei nur, daß in dem Werke sämmtliche, zum großen Theil noch ungedruckte hebräische Uebersktzlingen griechischer, arabischer und christlicher Autoren vom Beginn des Mittelalters bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts, nach Fächern gruppirt, aufgeführt werden; nach bio- und bibliographischen Nachrichten über die Autoren giebt uns der Verfasser zum größten Theil nach eigenen Forschungen ausführliche Nachrichten über die Uebersetzer; besonders eingehend behandelt er bei seinen Darlegungen die Sprache und den Stil der Uebersetzungen, sodaß sein Werk auch einen reichen Beitrag bietet zu einem Glossar des wiffenschaftlichen Hedraismus. Neben den Uebersetzungen sind auch die weiteren Bearbeitungen (Kompendien, Kommentare) und Encyclopüdien von dem Verfasser berücksichtigt worden. Einem allgemeinen Jntereffe dürste die Stellung Steinschneiders zu mehreren, die Gegenwart bewegenden religiös-politischen Fragen begegnen, wie sie sich aus verschiedenen Stellen der dem Werke vorgedruckten „allgemeinen Bemerkungen" ergiebt. Auch auf den ernsten Gelehrten haben nämlich die letzten 16 Jahre, in denen wir Juden als Lohn für unsere treue Mitarbeit an deutscher Geistesbildung dem Haß und der Verleumdung von den verschiedensten Seiten her ausgesetzt sind, ihre Wirkung geäußert. Der Mann, der in seinen sonstigen Schriften stets streng in dem Rahmen seiner Wissenschaft blieb, sieht sich hellt veranlaßt, auch seinerseits an dem Kampfe gegen die schmachvolle Bewegung theilzunehmen und seine Stellung innerhalb der verschiedenen Richtungen seines Glaubens zu kennzeichnen, und jedes seiner Worte trifft — wie in der Wissenschaft — so auch hier scharf, gar tief eindringend, den Gegner vernichtend. „Ich schreibe über Juden, aber nicht für sie, pro domo." Mit diesen Worten drückt der Verfasser zunächst seinen Standpunkt aus. Er verwahrt sich davor, zu den einseitigen Lobrednern des Jndenthums gezählt zu werden; in der vieljährigen wissenschaftlichen Zucht ist er zn einem peinlichen Abwägen aller Verhältniffe und infolgedessen zu einer Unparteilichkeit gelangt, deren sich nur wenige Historiker rühmen können. Wie bitter und gerecht sind in dieser Hinsicht seine Vorwürfe gegen manche „Geschichtsschreiber"; so, wenn er unter Bezugnahme auf Gibbons Aeußerungen von dem „zweierlei Maß und Gewicht" redet, das noch heute Historiker anwenden, wenn sie von Juden berichten; — wenn er, empört durch verkehrte Bemerkungen, ausruft: „Von Juden darf Alles gesagt werden, was sie verächtlich macht!" 1) Die Schriften des Dr. M. Steinschneider. Zu seinem 70. Geburtstage zusammengestellt von Dr. A. Berliner. Berlin 1886. 2) Catalogns librorum hebraeorum in Biblioteca Bodleiana. Berolini 1852—1860 (mehr als 3000 Kolumnen 4° stark!) In treuer Liebe hängt er an dem Glauben seiner Väter, von dessen Notwendigkeit für die Menschheit er ebenso tief durchdrungen ist, wie von dem endlichen Siege der Ideen, die im Judenthum verkörpert sind: Einheit und Geistigkeit des Weltprinzips, gleiches Recht und Nächstenliebe! Diese Ideen haben die Thore des Ghetto gesprengt und können wohl zeitweilig noch heut von einer Majorität aus angeblichen Zweckinäßigkeitsgründen verdunkelt, ja unterdrückt werden: „Das unveräußerliche Menschenrecht schafft sich schließlich doch freie Bahn und bringt die Geschwister gleichfalls zu allgemeiner Anerkennung!" Deshalb empfiehlt er uns, auszuharren; wir möchten uns doch nicht dem Glauben hingeben, durch unparteiische Geschichte Unrecht verhüten oder beseitigen zu können; aber Trost und fröhlichen Muth können wir durch das Studium der Geschichte suchen und finden, die zwar zu unserm tiefen Schmerz von unausgesetzten Mordanfällen der Töchterreligionen auf die eigene Mutter Kunde giebt, aber uns auch zuin Bewußtsein bringt, daß die Thäter mit der That fielen, wenn jemals eine gelang! Innerhalb seines Glaubens nimmt Steinschneider eine scharf ausgeprägte Stellung ein. Die Kenntniß der religiösen Entwickelung, die er in allen ihren Phasen zum Gegenstand eingehenden Studiums gemacht hat, hat ihn zu den erhabenen Grundideen unserer Religion geführt, welche er von Kasuistik und Askese, die nicht selten von fremden, unjüdischen Anschauungen ihren Ursprung nehmen, befreit sehen möchte. In scharfen, oft sarkastischen Worten wendet er sich gegen die Kasuisten und Dunkelmänner, die glücklicherweise in der jüdischen Religion nie die Bedeutung gewinnen konnten, wie in der Tochterreligion, die „dem Aberglauben durch die prinzipielle Stellung des Teufels einen realen Hintergrund gegeben hat!" Scharfe und treffende Worte erscheinen ferner in seinen Bemerkungen, wie gemünzt auf eine Bewegung, die ein Produkt der Neuzeit ist, und die unter dem Vorwand der nothwendigen Assimilirung der deutschen Juden ein Herabsetzen des geistigen und sozialen Niveaus unserer Glaubensgemeinschaft befürwortet. Für den Juden giebt es nach Steinschneider außer dem Adel der Gesinnung nur den der Gelehrsamkeit, in den glücklicherweise Jeder sich selbst und seine Kinder erheben kann: „Könige" heißen seit alten Zeiten die Rabbiner, d. h. die Lehrer." „Wohl durfte sich ein hoher Ritter rühmen, nicht lesen und schreiben zu können — der jüdische Jlliterat gehörte schon im Mittelalter zum Pöbel." Den Weg, den jeder Vater zum Wohl seiner Kinder, jeder Erzieher zum Besten seiner Schutzbefohlenen einschlagen muß, sobald er einiges Pflichtbewußtsein besitzt, ist in diesen Sätzen deutlich ausgedrückt! Für Wissenschaft und Aufklärung nimmt der Verfasser manche Leiden in Kauf, von denen ja die Geschichte unseres Glaubens namentlich im Mittelalter so überreich zu berichten hat! Wissenschaft und Aufklärung fanden die Juden des Mittelalters reichlich in allen Ländern des Südens, freilich auch Torturen, Scheiterhaufen für Menschen und Bücher, doppelten Zoll an Kaiser und Lehnsherren, am Schlagbaum und am Friedhofe, Straferlaß und Prämien für Abfall vom väterlichen Glauben und Gesetz — das deutsche Mittelalter hat für sie nur die Leiden gehabt! Deutsche Juden mußten in fremdem Lande ihren Wissenstrieb befriedigen; aber die Anhänglichkeit an die Heimath führte sie stets zu den Ihrigen zurück; mit Eifer nehmen ihre Nachkommen seit mehr als einem Jahrhundert an der Förderung deutscher Wissenschaft und deutscher Sprache Antheil, mehr als vordem an der arabischen, „unter wiederholter Zurücksetzung, gesetzlicher Gleichstellung, unverhoffter hochbegünstigter Anfeindung"; die deutschen Klassiker werden von deutschen und deutsch redenden Juden aller Länder Europas in