Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Bei der Reichstagswahl in Meseritz-Bomst haben wir die erste Kraftprobe des Antisemitismus in der Provinz Posen gesehen. Andere Proben werden folgen. Die Agitation, die die Antisemiten entfalten, wird die Provinz von Grund aus aufwühlen. Darum haben wir die heilige Pflicht, zu mahnen und zu warnen, und die Gewarnten wiederum habe» die große Aufgabe, das Eindringen des Giftes in ihr bisher seuchenfreies Land mit aller Kraft zu verhindern. Möchte diese Warnung überall da. wo es nöthig ist, beberzigt werde». Vre Woche. Berlin, 27. März. fie hohe Politik hat Ferien. In dieser Zeit haben wirklich fromme Christen Gelegenheit, sich die Frage prüfend vorznlegen, ob derAntisemitismus auch mit dem wahren Christenthum vereinbar sei. Einige charakteristische Proben aus dem antisemitischen Lager mögen zur Entscheidung dieser Frage beitragen. Die in Dresden erscheinende „Deutsche Wacht," ein antisemitisches Blatt, dessen Spiritus rector der Reichstags-Abgeordnete Zimmermann ist, veröffentlichte am Palmsonntag einen Leitartikel, in welchem empfohlen wird, den Religionsunterricht in den Schulen dahin abzuändern, daß das alte Testament dabei gar nicht oder jedenfalls weniger als bisher berücksichtigt werde. In dem Artikel kommt nach Erwähnung der Austreibung der Wechsler aus dem Tempelvorhof durch Christus folgender anmuthige Satz vor: „Und die Vorsteher des Central-Vereins römischer Staatsbürger mosaischer Konfesston wissen Pontius Pilatus, den damaligen Oberpräsidenten von Palästina, damit einzuschüchtern, daß er des Kaisers Freund nicht mehr sei, wenn er diesen Antisemiten loslasse." Was soll mau dazu sagen, wenn hier Christus zum Genossen der Ahlwardt, Stöcker und Hammerstein gemacht wird! — Doch es kommt noch bester! In einer am 15. März abgehaltenen Versammlung des „Socialitären Bundes", einer antisemitischen Vereinigung Dühring'scher Richtung, sprach Buchhändler Struppe über „die Kluft zwischen reaktionärem und freiheitlichem Antisemitismus". Er sah, wie wir einen, Bericht der „Post" entnehmen, bei den Religions- Antisemiten nur „Privilegienlind Geldbeutelintereffen, Heuchelei, Autoritätendusel, Talmudunsinn, Futter-Antisemitismus, eine ganz abscheuliche Kriecherei vor Thron, Gewalt und lügenhafter Geschichte". Die Programme der Deutschsozialen und der Reformpartei gingen nicht weit genug. Nur Ahlwardt habe den Antisemitismus wieder vorwärts gebracht. Wer nicht im Stande sei, die Religion, d. h. das Christenthrun, aus sich auszuscheiden, der könne kein echter Antisemit werde». In der an den Vortrag sich anschließenden Diskussion fiel die Aeußerung, „das Christenthum sei mit seiner Entwickelung die Schmach des Jahrtausends geworden!" Wir haben diesen blasphemischen Aeußerungen nichts hinzuzufügen. * Ueber die Stellung der Regierung zu dem 8 1 des deutschrussischen Handelsvertrags, der die russischen Juden insbesondere tangirt, giebt der Wortlaut der Erklärung, welche Ministerialdirektor Reichardt in der betreffenden Kommission abgegeben, eine authentische Interpretation. Dieselbe lautete: „Für uns wirksam wird dieser Abschnitt gerade auch zur Abwehr der von einem Komniissionsmitgliede gefürchteten „Ueberschwemmung Deutschlands mit jüdischen russischen Auswanderern". Diese Besorgniß ist, soweit es sich dabei um eigentliche Auswanderer, die in geschlossenen Gruppen Rußland verlassen, handelt, thatsächlich unbegründet; diese Auswanderer kommen für uns, da weder nach ihnen in Deutschland Nachfrage, noch Deutschland ihr Ziel ist, lediglich als Durchwanderer in Betracht, und insoweit diese, sei es in sanitärer Beziehung, sei es vom Standpunkte der öffentlichen,Armenpflege, uns lästig werden könnten, genügen die bei uns bereits gehandhabten administrativen Maßregeln vollkommen zu der wünschenswerthen Abwehr. Hieran smd wir durch den Vertrag in keiner Weise behindert. Was aber die Möglichkeit allmählicher Einwanderung einzelner Individuen aus Rußland nach Deutschland anlangt, so wird man diese Bewegung so lange geschehen lassen können) als der Einzelne uns nicht lästig fällt. Tritt der letztere Fall ein, so genügt die durch Artikel 1 nicht benommene Möglichkeit der Konzessionsentziehung und das durch den Vertrag unberührte Ausweisungsrecht, um Unzuträglichkeiten der gefürchteten Art zu beseitigen." * Bei der großen Anzahl von Initiativanträgen, die der Reichstag noch zu erledigen hat; ist es, wie ein parlamentarischer Berichterstatter schreibt, fraglich, ob der antisemitische Antrag auf Einführung der konstitutionellen Eidesformel vor Gericht noch zur Verhandlung kommen wird. Daß die etwaige Annahme des Antrages nicht die Zustimmung des Bundesrathes finden würde, gilt als sicher. Jndesteu auch im Reichstage wird sich, trotz der Tivoli-Genoffen und ihrer Anhänger, kaum eine Mehrheit dafür finden, wenn nicht das Centrum sich dem Antrag anschließt. Moritz Steinschneider. Zum 30. März 1894. Von Dr. S. Adler. m 30. März kann Moritz Steinschneider auf 78 Jahre seines Lebens zurückblicken. Wie vom eisernen Kerne der Vorwelt erscheint er dem Geschlechte der Gegenwart, bewunderndes Staunen ergreift uns, wenn wir seinen Ansichten über wistenschaftliche Probleme, soziale, politische oder religiöse Fragen der Gegenwart lauschen, die er mit jugendlicher Lebendigkeit erörtert, und uns dabei ins Gedächtniß rufen, welche Unfälle der greise Gelehrte, besten Gedanken auch auf seinen Wegen der Wissenschaft zugewendet sind, allein durch die rücksichtslose Hast der Großstadt in den letzten Jahren zu überwinden hatte. Gerade in diesem Jahre freuen wir uns der Wiederkehr seines Geburtstages besonders herzlich; liegt doch zwischen dem gleichen Tage des Vorjahres die Veröffentlichung des zweiten großen Werkes seines Lebens*), dessen Plan bereits vor einem halben Jahrhundert von dem wissensdurstigen jungen Manne entworfen war, und das durch Gottes Gnade der Greis in der wohlverdienten Ruhe, deren er sich feit mehreren Jahren erfreut, vollenden konnte. Dem gewaltigen Eindruck, den das Werk schon beim flüchtigen Ueberblick durch die staunenswerthe Fülle des aus allen Kultursprachen zusammengetragenen und mit peinlicher Sorgfalt bearbeiteten Materials auf den Leser macht, konnte sich auch die Staatsbehörde nicht entziehen. Sie verlieh dem Verfasser den Profeffortitel; — der Gelehrtenwelt war Moritz Steinschneider der „hervorragende Lehrer" nicht blos im Gebiet der jüdischen Wissenschaft, sondern der arabischen i) Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher. Ein Beitrag zur Litteraturgeschichte des Mittelalters, meist nach handschriftlichen Quellen. Gekrönte Preisschrist der ^csäömie des Inscriptions. Berlin 1893.