Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1894)
- Date
- 1894-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228054--50697-3273519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
58. Jahrgang. Nr. 13 Berlin. 3V. Mär? 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöch e.n tl i ch. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Strei/band bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeles. ' Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PHUippjon-Äonn. Verlags-Crpedition: Leriin, Jerusatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Indent!)ums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Itthall'. Leitartikel r Eine Warnung. — Die Woche. — Monh Steinschneider. Von Dr. S. Adler. — Die jüdischen Lehrer und die neue Mttltärdienstordnung. Von S. Andorn. — Die Judenfraae in Rußland. Bon Dr. Ruls. — Wiener Briefe. XXVIII. Von T. — Die jüdischen Melodien. II. Von Prof. Dr. H. Steintbal. — Beiträge zur vergleichenden Grwmologie. Von Dr. W. Klemperer. (Forts.) - Feuilleton: Die Jüdin. ^Erzählung von John Vaulsen. (Fortsetzung.) — Sabbathruhe. Von I. Löwenberg. — Litterarrfche Mittheilnngen. m Y. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Bromberg. Breslau. Glogau. Eisenach. Wien. Bern. — Bon Nah und Fern. — Miseetten. > Eine Warnung. Berlin, 26. März. teber die Verbreitung der Infektionskrankheiten, über die Wanderung der Epidemien ist die medizinische Wissenschaft bisher zu sicheren Ergebnissen noch nicht gelangt. Die Einen nehmen an, daß die Pest den Weg der großen Heeresstraßen nehme und daß nur höher gelegene Orte eine gewisse Jmunität bewahren. Andere sehen in der Beschaffenheit des Bodens die Ursache der Epidemie und wieder Andere finden in einem Bacillus den Krankheitserreger. Die Analogie auf den Antisemitismus ist nicht schwer. Alle diese Ursachen kann man auch für die Verbreitung dieses Krankheitsstoffes ins Feld führen, zumal da eine pathologische Geographie des Antisemitismus noch nicht in Angriff genommen ist. Aber es ist schon jetzt genau zu verfolgen, wie sich diese Epidemie in sonst seuchenfreien Provinzen verbreitet. Ihr Nährboden ist Unzufriedenheit und Armuth. Der wirthschaftliche Niedergang ist der Kommabacillus des Antisemitismus. In eine solche Provinz oder Stadt kommen nun einige Agitatoren, um durch Reden und Schriften das Gift weiter zu verbreiten. Bis dahin haben Juden und Christen dort leidlich gut mit einander gelebt. Da gehen den Leute» plötzlich die Augen auf. Sie haben so lange gelitten, sie wußten aber nicht, wo sie der Schuh drückt; jetzt wissen sie es ganz genau-der Jude ist's; er allein trägt die Schuld an dem wirthschaftlichen Niedergang der Stadt, der Provinz. Denn — der Redner in der letzte» Volksversammlung hat's ja haarklein und ziffernmäßig nachgewiesen. Und nun verbreitet sich das Contagium mit rasender Schnelligkeit von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, durch bierdurstige Agitatoren getragen. Dies ist der Verlauf der Sache. Was folgt aber daraus für uns? Sehr einfach. Wir müsse» — um im Bilde zu bleiben — der Ansteckungsgefahr Vorbeugen, oder, wo dies nicht mehr möglich, die Epidemie zu lokalisiren suchen und sie dort mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpfen. Man sollte meinen, daß es wirklich sehr einfach sei, aus den gegebenen Berhältniffen diese Lehre zu ziehen und demgemäß zu handeln. . Gleichwohl haben wir tviederholt das Schauspiel erlebt, daß Provinzen und Städte plötzlich eines Tages die Epidemie mit voller Macht einziehen sahen, während sie sich bis dahin für durchaus seuchenfrei gehalten hatten. Wie oft haben wir nicht die Phrase gehört: „Nein, bei uns ist so etwas nicht möglich!" Und dann ist es plötzlich doch möglich geworden, und jene klugen Leute habe» das Nachsehen und den Schaden davon, daß sie alle wohlgemeinten Rathschläge in den Wind geschlagen haben. Nichtsdestoweniger dürfen wir nicht aufhören zu mahnen und zu warnen. Die Erfahrungen der letzten Jahre sind doch keine vergeblichen gewesen und es bedarf sicher nur eines solchen Warnungssignals, um die Gefährdeten aus ihrer Lethargie aufziirütteln und auf die nahende Gefahr vorznbereiten. Eine solche Warnung möchten wir heute an unsere Glaubensgenoflen in der Provinz Posen richten, denn diese Provinz ist das jüngste Angriffsobjekt des Antisemitismus! Friedlich und freundlich haben die Juden bis jetzt dort unter ihren nichtjüdischen Mitbürgern gelebt. Sie bildeten das vermittelnde Element zwischen den Polen und den Deutsche» in dieser Provinz. Nichtsdestoweniger haben sie zur Kräftigung und Förderung des Deutschthums in diesen Gegenden wesentlich beigetragen, sie sind geachtete nnd angesehene Mitbürger und nirgends hat man etwas von Ausschreitungen im Handel und Wandel, von Ausbeutung und Wucher, von Luxus und Vordringlichkeit gehört. Das wird nun anders werden. Mit gefälschten Citaten, mit erlogenen Geschichten, mit unrichtigen Ziffern werden die antisemitischen Redner von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf das Gift des Antisemitismus tragen, und da die wirthschaftlichen Verhältnisse gerade in dieser Provinz nicht sehr glänzende sind, so werden die Leute gerne die Juden als den allgemeinen Sündenbock hinnehmen und sich die Ueberzeugung ruhig vorpredigen lassen, daß sich alles, alles wenden mnß, wenn nur erst „der jüdische Einfluß" gebrochen ist. Unsere Warnung geht nun an alle Glanbensgeiioffen in der Provinz Posen, mit aller Entschiedenheit dafür zu sorgen, daß nicht dort ein neuer Seuchenherd geschaffen wird. Alle diejenigen, die den Beruf haben, haben auch die Pflicht, jetzt in die Bresche zu treten und den Angriffen und Verleumdungen der Gegner mit aller Kraft entgegen zu arbeite». Die geistigen Mittel hierfür sind reichlich vorhanden. Es giebt keine antisemitische Lüge, welche nicht in Büchern, Vorträgen und Zeitschriften von unserer Seite gründlich widerlegt worden wäre. — Gewiß, es ist nicht leicht, diesen Kampf durchzuführen, aber ebenso gewiß ist es, daß das sichere Ziel in diesem Kampfe der Sieg unserer Sache ist, weil diese die Sache der Wahrheit und der Gerechtigkeit ist.