Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ist eine Verbreitung des Antisemitismus auch im Bromberger Kreise zu konstatiren. Die Bromberger Deutschsozialen beglücken aber vorzugsweise mit ihren Agitationen die Dörfer mit evangelischer Bevölkerung. So sollen namentlich in dem Dorfe Gogolieke Mitglieder angeworben worden sein. Bisher herrschte in hiesiger Gegend das denkbar beste Einvernehmen zwischen allen Konfessionen. Liffa, 18. März. Im November vorigen Jahres ist der hiesige „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" begründet worden und jetzt zählt er bereits 75 Mitglieder. Der Vorsitzende des Vereins ist Herr Rabbiner Dr. Bäck; außer ihm wird der Vorstand von den Herren Gemeindevorsteher Louis Biberfeld, Hauptlehrer Herbst, Rechtsanwalt Nürnberg, Dr. med. Simon Scherbel gebildet. Das Thema des ersten Diskussionsabends am 13. Dezember lautete: „Der sittliche Gehalt des Talmuds", des zweiten am 1. Januar d I.: „Die Blutlüge", des dritten am 11. März b. I.: „Welche Lehren giebt uns die jüdische Geschichte für die Verteidigung des Judenthums?". Die Diskussionsabende wurden zedesmal durch einen Vortrag des Vorsitzenden Herrn Rabbiner Dr. Bäck über das vorliegende Thema eingeleitet. Einen formvollendeten und inhaltsreichen Bortrag hielt Herr Rechtsanwalt Nürnberg am 14 Januar über „Jüdische Rechtspflege". In diesem Vortrage wurde der Beweis gebracht, welche Vorzüge die altjüdische Gerichtsverfassung, das jüdische Strafrecht und das jüdische Civilrecht hatten, Vorzüge, welche zum Theil bedauerlicherweise in dem heutigen Gerichtsverfahren vermißt werden. Einen genußreichen Abend brachte der 18. Januar durch einen geistvollen, humorgewürzten Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Rippner aus Glogau über „Salomon Maimon, der deutschen Philosophen aus Littauen". — Der „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" in Lissa kann jedenfalls mit Befriedigung auf seine Thätigkeit zurückblicken. r. Ratibor, 17. März. Am letzten Sonntag beging der hiesige jüdische Waisenunterstützungsverein sein 50. Stiftungsfest. Aus kleinen Anfängen hat sich der Verein unter Leitung bewährter Männer zu einem segensreichen Institute entwickelt. Das Vereinsvermögen beträgt 25,000 Mark. Vormittags fand ein erhebender Dankgottesdienst statt. Die Festpredigt des Herrn Rabbiners Dr. Blumenthal knüpfte an das Schriftwort an: „Und Mose sah das ganze Werk und sie hatten es gethan ganz so, wie das Ewige es geboten, und Mosel segnete sie." Am Abend fand eine größere Festlichkeit statt, bei welcher der Vereinsvorsitzende Stadtrath Grünwald die Festrede hielt und der Verein von Herrn Hugo Schück namens des Gemeindevorstandes begrüßt wurde. * Halberstadt, 16 März. Auf Veranlassung des hier bestehenden deutschen (antisemitischen) Reform-Vereins fand am Dienst ig eine öffentliche V olksversammlung statt, zu der Herr Professor Dr Förster, aus Friedenau das Referat über „Die geschichtliche Entwickelung und die Zwecke und Ziele der antisemitischen Bewegung" übernommen hatte. Redner entwarf im ersten Theile seines Vortrags eine geschichtliche Entwickelung der antisemitischen Bewegung, wurde aber vielfach durch Beifall, höhnische Bemerkungen, Zwischenrufe, Pfuirufe u. s. w. unterbrochen, so daß es mancher Pausen bedurfte, ehe die Ruhe wieder hergestellt wurde. Der ganze Verlauf des Abends war dem Radau gewidmet. Im ersten Theile gebrauchte der Redner gelinde Worte, im letzten Theile jedoch wurde er beleidigend gegen die Juden, was verschiedenfach bei den Zuhörern Mißbilligung, hervorrief und, wie schon gesagt, Radau verursachte. Nach der 21/4 ständigen Rede trat eine Pause von fünf Minuten ein, worauf die Diskussion begann. Herr Mälzereibesitzer Bötticher bat die Anwesenden mit kurzen Worten, das gute Einvernehmen, welches in hiesiger Stadt zwischen den christlichen und jüdischen Einwohnern herrsche, sich nicht von Fremden zerstören zu lassen und wünschte daß der Reformverein keinen Boden hier finden möge. Herr Kaufmann Krüger trat verschiedenen Ansichten des Herrn Professor Dr. Förster entgegen und wünschte ebenfalls, daß das gute Einvernehmen zwischen den Einwohnern bestehen bleibe möge Herr Professor Dr. Förster entgegnete beiden Rednern in seiner scharfen Weise, ohne aber auf die Anwesenden Eindruck zu machen. Danach erbat und erhielt Herr Kaufmann Benjamin Hirsch das Wort. In sachlicher Weise widerlegte er mehrere Punkte des Redners und trat auch der Behauptung entgegen. daß Juden für das Vaterland auf dem Felde der Ehre .nicht gefallen seien. Hier aus Halberstadt seien im Jahre 1870 zwei jüdische Einwohner gefallen, ein bedeutend größerer Prozentsatz als bei den christlichen Einwohnern. Er wünschte und bat, daß das bis jetzt geherrscht habende gute Einvernehmen immer bewahrt bleiben möge, denn wenn ein Jude etwas verbrochen habe, so können nicht sämmtliche Anhänger dieses Glaubens dafür verantwortlich gemacht werden. Hätte Einer etwas verbrochen, ob Jude oder Christ, so habe er allein seine Strafe zu erdulden. Zum Schluß brachte Redner auf seine alte Vaterstadt ein Hoch aus, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten. Herr Professor Dr. Förster sprach dem Vorredner das Recht ab, Halberstadt als seine Vaterstadt bezeichnen zu dürfen. Da kam er aber bei den Anwesenden schön an. Es erhob sich ein gewaltiger Tumult; man warf dem Redner Unwissenheit (wenn nicht Schlimmeres) vor, da er sich als Fremder ein Urtheil über die Verdienste des Herrn Hirsch um die Stadt gar nicht erlauben könne. Der Tumult wuchs, als der Redner den sich mit dem Hute bedeckenden Herrn Hirsch (Herr Hirsch hatte aber die Absicht, den Saal zu verlassen und deshalb den Kopf bedeckt) darauf aufmerksam machte, er befände sich nicht in der Synagoge. Das war das letzte Wort, welches er an die Versammlung richten konnte, denn der Skandal wurde so allgemein, daß der Vorsitzende sich dazu verstehen mußte, die Versammlung zu schließen. M. Hamburg, 18. März Vor Kurzem starb hier der Privatier Ephraim Edwards, eine durch ihre Wohlthätigkeit auch in weiteren Kreisen wohlbekannte Persönlichkeit. Dank der Wohlthätigkeit des Verstorbenen, welcher seiner Zeit 150,000 Mk. spendete, gelang es in Gemeinschaft mit einem anderen Vermächtniß, das hiesige „Altenhaus" ins Leben zu rufen. Auch das jetzt veröffentlichte Testament zeigt den Verstorbenen als Wohlthäter. In demselben vermacht er seiner Schöpfung dem „Altenhaus" die Summe von 20,00t) Mk.; außerdem erhalten mehrere hiesige Wohlthätigskeitvereine und Institutionen, unter ihnen die Talmud-Thoraschule", die „Israelitische Stistungsschule von 1815", das Waisenhaus der Deutsch Israelitischen Gemeinde, der Tempelverband re. je 500 Mk. Auch seiner Geburtsstadt Pyrmont hat der Verstorbene gedacht, indem die dortige jüdische Gemeinde 3000 Mk. erhält, deren Zinsen zur Erziehung armer jüdischer Waisenkinder verwandt werden sollen. Mehrere dortige Wohlthätigkeitsvereine erhalten ebenfalls je 500 Mk. Die jüdische Synagoge zu Curacao (Süd-Amerika), wo sich der Verstorbene längere Zeit aufgehalten, erhält auch 500 Mk. Im Ganzen beträgt die Summe der im Testament ausgesetzten Legate 44,000 Mk. — Durch die Mnnificenz eines edlen Menschenfreundes ist es hier gelungen, eine der schönsten Wohlthätigkeitseinrichtungen ins Leben zu rufen. Derselbe übergab nämlich der Deutsch-Israelitischen Gemeinde die Summe von 30,000 Mk als Grundkapital für eine Stiftung, welche den Zweck haben soll, kranken Glaubensgenossen die Mittel zu gewähren, zur Heilung ihrer Leiden einen ärztlich vorgeschriebenen Kurort aufsuchen zu können. Als Grundbedingung hat der Stifter gemacht, daß die Stiftung zum Andenken an seine verstorbene Mutter den Namen „Theresien-Stiftung zur Unterstützung kurbedürftiger Israeliten" führe. Eine weitere Grundbestimmung ist, daß die Deutsch-Israelitische Gemeinde hier die Stiftung mit einem Betrage bis zu 1000 Mk. subventionire. In voller Würdigung der Initiative des edlen Wohlthäters hat sich denn der Vorstand der Deutsch- Israelitischen Gemeinde in Gemeinschaft mit dem Repräsentanten-Kollegium bereit erklärt, die obige Summe beizusteuern. Der Vorstand der Theresien-Stiftung besieht aus sieben Personen, unter denen sich zwei hiesige angesehene Aerzte befinden. Als achtes Vorstandsmitglied ist ein Mitglied der Armen-Kommission der Deutsch-Israelitischen Gemeinde delegirt. Es ist dem Vorstand bereits gelungen, mit Direktionen, Aerzten und Badeverwaltungen der wichtigsten und besuchtesten Heilquellen in Verbindung zu treten, um für seine Schützlinge nicht nur eine Reduktion der Kosten zu erlangen, sondern auch der ausreichenden Obsorge und Pflege der Kranken sicher zu sein. — Die Grundlage für das segensreiche Wirken der Stiftung bilden die Zinsen des Grundfonds, sowie die Subvention der Gemeinde; doch reichen diese natürlich nicht aus, dem humanen Zweck vollständig zu genügen. Der Vorstand wendet sich deshalb mit einem Aufruf an seine Glaubensgenossen, in welchen! er dieselben bittet, das gute Werk durch Zuwendung von Spenden und jährlichen Beiträgen zu unterstützen. Der Aufruf ist von 17 hiesigen Aerzten mitunterzeichnet, welche das Unternehmen als ein dringendes Bedürfniß empfehlen. Unter diesen Aerzten befinden sich