Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 12. {Berlin, 23. Mär; 1894. Der Gemrindrvote. Weikage zur „Aktgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 20. März. In der letzten am 18. staltgehabten Sitzung der Repräsentanten wurde das von der betreffenden Kommission ausgearbeitete Statut für das neue vom Moritz Mannheimerschen Ehepaare gestiftete Siechenhaus nach ausführlichem Referat des Herrn Heilmann mit einigen unwesentlichen Modifikationen genehmigt. Die Anstalt wird danach den Namen führen: „Hospital der Jüdischen Gemeinde". Des Weiteren wird die Anstellung eines zweiten Assistenten für die Station für innere Krankheiten bewilligt, nachdem der Referent, Herr Martin Simon, dargelegt, wie der Bestand an Patienten im Vergleich zu den voraufgegangenen Jahren sich durchschnittlich um 20 Kranke vermehrt habe. — Der Etat der im Potsdamer Viertel belegenen dritten Religionsschule wird auf 5100 Mark pro 1894,95 festgestellt. Der hierdurch benöthigte Zuschuß von 2600 Mark wird bewilligt; ebenso erklärt sich die Versammlung für die Bewilligung von 500 Mark zur Herstellung einer Laubhütte für die Synagoge in der Lindenstraße Eine längere Diskussion knüpft sich an den Antrag, dem von Herrn Justizrath Mako wer begründeten Erziehungshaus für jüdische Mädchen einen Jahresbeitrag von 3000 Mark zu bewilligen. Wie bereits in dem Ausschuß, wo drei zu drei Stimmen sich gegenüberstanden, so erregte der Antrag auch in der Versammlung eine heftige Opposition. Dieselbe machte vor Allem geltend, daß, wie viel des Wohlwollens man dem Unternehmen selbst auch entgegenbringen möge, doch hier ein Präjudiz geschaffen würde, aus welchem Andere ein gleiches Recht für die Erhebung gleicher Ansprüche herleiten könnten. Diesen Bedenken hatte Herr Mannheimer bereits im Ausschuß Ausdruck gegegeben und sich deshalb gegen den Antrag erklärt, und als Referent präzistrte er nun seinen Standpunkt in dem gleichen Sinne, während die Herren Landsberger und Leonhard Sachs sich mit außerordentlicher Wärme für die Bewilligung aussprachen Das Ergebniß der Debatte war die Bewilligung der Forderung mit 9 gegen 6 Stimmen. Den Schluß der öffentlichen Sitzung bildete eine Vorlage, welche die Verlegung der Mädchenschule betraf. Ein prinzipieller Beschluß wurde nicht gefaßt, vielmehr begnügte sich die Versammlung damit, zunächst nur die nöthigen Mittel zur Herstellung von Zeichnungen, für das Grundstück Kaiserstraße 29 berechnet, zu bewilligen, und werden zu dem Zwecke 2000 Mark bereit gestellt. — Herr W. Hagelberg hat, wie der Vorsitzende in dieser Sitzung bekannt gab, eine weitere Zuwendung von 20,000 Mk. der von ihm zu Gunsten der Waisen ins Leben gerufenen Clara Hagelberg-Stiftung gemacht Berlin, 21. März. Der Minister des Innern hat die Regierungspräsidenten darauf hingewiesen, daß Anträgen auf Abänderung von Familiennamen nicht ohne hinreichende Gründe stattzugeben ist, und daß derartige Anträge in der Regel als hinreichend begründet nicht anzusehen sein werden, wenn es sich z. B. wesentlich darum handelt, zum Zwecke des leichteren Fortkommens oder mit Rücksicht auf die antisemitische Bewegung einen die jüdische Abstammung kennzeichnenden Namen mit einem andern zu vertauschen. — Wir freuen uns, daß der Gesinnungslosigkeit, die sich zumeist in der Aenderung der Namen kundgiebt, nunmehr Riegel vorgeschoben werden. Aber woher kommt es wohl, daß Leute glauben, sie hätten „leichteres Fortkommen", wenn sie keinen, „die jüdische Abstammung kennzeichnenden Namen" trügen? — Berlin, 21. März. Gegen den Rechtsanwalt Wronker, der bei der Beerdigung des Rechtsanwalts Moll auf dem jüdischen Friedhofe eine kurze Grabrede gehalten har, ohne die behördliche Erlaubniß dazu eingeholt zu haben, ist von der Amtsanwaltschaft Berlin II ein Strafbefehl in Höhe von zwanzig Mark erlassen worden. Er wird gegen den Strafbefehl Einspruch erheben und auf richterliche Entscheidung antragen. (Siehe den Artikel „Aus der Berliner Gemeinde" im Hauptblatt.) * Berlin, 20. März. Unsere Leser finden unter den heutigen Inseraten einen Aufruf für die Wittwe des verstorbenen volkswirthschaftlichen Schriftstellers, Prof. Dr. H. Contzen, der als Schriftsteller wie als Redakteur stets mit aller Entschiedenheit für das gute Recht der Juden ihren Angreifern gegenüber eingetreten ist. Wir empfehlen diesen Aufruf der Theilnahme aller Menschenfreunde auf das Wärmste. GD Posen, 15. März. Der Verein zur Förderung de's Handwerks unter den Juden hielt am 4. d. Mts. in seinem Vereinslokale, Judenstraße 16, seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Ziegeleibesitzer Leo Ephraim, eröffnete die Versammlung und gedachte des in diesem Jahre verstorbenen langjährigen Vorsitzenden Herrn Julius Glück st ein mit anerkennenden Worten. Aus .dem gedruckt vorliegenden Jahresberichte p. a. 1893 ist Folgendes hervorzuheben: Die Milgliederzahl betrug am 1. Januar 1893 451, eingetreten find 35, ausgeschieden 18, so daß am 31. Dezember 468 Mitglieder dem Vereine angehörten. Die Beiträge derselben betrugen 1923.85 M. (gegen 1843.95 M. im Jahre 1892). Darlehen in Höhe von 30 bis 300 M. wurden insgesammt 8260 M. gewährt. Auch im laufenden Geschäftsjahr mußte der Verein, um den Ansprüchen zu genügen, Kredite in Anspruch nehmen, von denen noch 900 M zu decken sind. Die Rückzahlungen seitens der Darlehnsnehmer sind im letzten Jahre nicht schlechter als bisher gewesen, doch sind einige Außenstände im Betrage von 367.70 M. uneinziehbar geblieben. Für die Förderung der Handwerkslehrlinge wurden in baaren Unterstützungen 917 Mark verausgabt, für Bekleidung und Reisekosten 127.85 M. Der Verein war zum ersten Mal in der Lage, für die Fortbildung von jungen Leuten zu sorgen, die von ihm während ihrer Lehrzeit unterstützt wurden. Die Zahl der unterstützten Lehrlinge betrug Ende 1892 16, es schieden 8 Lehrlinge aus, während 3 hinzugekommen, so daß 11 Lehrlinge zu unterstützen verblieben Von diesen sind: je 2 Schneider, Bildhauer, Schuhmacher und Uhrmacher und je 1 Konditor, Tapezierer und Lithograph. Die Lehrlinge hatten auf Veranlassung des Vorstandes Probearbeiten geliefert, die in der Generalversammlung zur Ansicht ausgestellt waren. Die Arbeiten lieferten den Beweis, daß das Handwerk auch unter den Juden immer mehr Freunde und leistungsfähige Vertreter findet. Der Jahresbericht schließt mit der Bitte, die Bereinsbestrebungen durch thatkräftige Unterstützung fördern zu wollen. Nach dem Kassenbericht für 1893 betrugen die Gesammteinnahmen 11,642.33 M., die Gesammtausgaben 11,583.40 M. Das Vereinsvermögen beträgt 8585.56 M. (abz. obiger 367.70 M) In das Kuratorium wurden mittelst Stimmzetteln einstimmig wiedergewählt die Herren Rechtsanwalt Salz, Kaufmann und Stadtverordneter Paul Borchert und Kaufmann D. B. Cohn. In den Vorstand wurden wiedergewählt die Herren: Leo Ephraim, S. I. Cohn, M. Ehrenwerth, Ignatz Goldschmidt, Israel Neumark, Stadtverordneter I. Schleyer und Manasse Werner. — Kürzlich fand im Gollau'schen Saale in dem Posener Vororte Jersitz eine polnisch-antisemitische Versammlung statt. Es sollen über 600 Personen aus Jersitz, Winiary, St. Lazarus, Gurtschin und Wilda daran theilgenommen haben. Den Vorsitz führte Kaufmann Do lack i aus Jersitz, welcher die Versammlung mit einem Hoch auf den Papst und den Kaiser eröffnete. Der bekannte Antisemit, Herr Knap owski aus Posen, gleichzeitig Mitglied der polnischen Volkspartei, brachte in seinem Vortrage die üblichen Beschuldigungen gegen die Israeliten vor 'und forderte die Anwesenden auf, bei keinem Juden, sondern nur bei Christen zu kaufen. Diese Aufforderung fand die bekannte „lebhafte Zustimmung". Alsdann sprach auch ein Herr Bukowsky aus Wilda, ebenfalls Mitglied der polnischen Volkspartei, und beantragte eine Resolution, welche dahin gerichtet war, daß dem verderblichen Einflüsse des Judenthums gegenüber die Verbreitung des Antisemitismus berechtigt sei. Nachdem diese Resolution angenommen worden war, wurde die Versammlung geschlossen. — Leider