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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-23 · Heft 12 (23.3.1894) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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Die Kirchenthür schloß sich hinter Beiden — sie stand draußen wie eine Verstoßene. Sie, deren heißester Wunsch es war, jeden Gedanken und jedes Gefühl mit dem Manne ihrer Liebe zu theilen, mußte jetzt zu ihrem Kummer erkennen, daß es ein Gebiet gab, auf dem sie eine Fremde war, und in welches sie nicht eindringen konnte — sein religiöses Leben. Ihre Wege trennten sich schon, und zwar dort, wo sie am innigsten vereint sein sollten. . . Was würde die Folge sein? Begann schon der kleine Rassen- und Glaubenskrieg? Sollte sie mit Holger aufs Reue alle Kämpfe durchleben, welche sie mit dem Andern früher in Rom bestanden hatte? Sie schauderte bei der Erinnerung. Sie war nahe daran, dieses Sonntags-Schisma als das Symbol kommender Disharmonie in ihrem künftigen Zusammenleben zu betrachten. Wie war diese Kluft auszufüllen? — Sie konnte nicht zu seinem Glauben übertreten, und zwar aus dem Grunde, weil sie überhaupt keinen Glauben hatte. Aber sie tonnte nicht ohne bitteren eifersüchtigen Schmerz daran denken, daß seine Seele reiche, fromme Gefühle barg, welche sie niemals kennen lernen und welche er allein durch das irdische Leben tragen und mit hinüber in die Ewigkeit nehmen würde. Zitternd fragte sie sich selbst: „Wenn ihn das Schicksal einmal in die Lage bringt, zwischen seiner Mutter und mir, zwischen ihrem Glauben und meinem Glaubensmangel zu wählen, wird dann seine Liebe so stark sein, daß er auf meiner Seite steht?" Sie ahnte schon, daß es noch einmal zu einem Bruch zwischen seiner Mutter und ihr koinnien würde. Sie schloß ihre Schreibmappe, denn es war ihr unmöglich, heute ihren Brief an Judith zu vollenden, und ging hinunter, um sich etwas Lektüre zu suchen. Der Inhalt des Bücherschranks war leider sehr dürftig und zeugte nicht von litterarischen Jntereflen. Rachel gedachte der Verhältnisie in England, wo jedes Bürgerhaus seine wohlgeordnete Bihliothek hat, welche für die Behaglichkeit der Familie ebenso nothwendig ist als das Badezimmer. Hier, auf einem großen Gute, bei einer hochadeligen Familie, fand sie nur einige landwirthschaftliche Schriften nebst einigen alten Romanen von Jngemann und Frau Gyllembourg, unter welche sich, als einziger Repräsentant der modernen Litteratur, ein Drama von Ibsen verirrt hatte. Sie steckte das kleine aufrührerische Werk, welches sie übrigens schon gut kannte, in die Tasche und ging, ohne ihre auf der Veranda sitzende Tante aufzusuchen, nach dem Garten. Sie hatte ihren Hut aufgesetzt, aber keinen Umhang umgeuommen, weil der Tag warm, beinahe schwül war. Im Schatten der alte» Linde setzte sie sich auf die grüngestrichene Bank und öffnete das Buch. Heute hatte sie aber keine Gedanken für die tragischen Menschenschicksale, welche der Dichter grau in grau, ohne einen Sonnenstrahl der Hoffnung, gemalt hatte — ihre Seele war bei Holger in der kleinen Dorfkirche mit dem Storchnest auf dem Thurm, die inmitten einfacher grüner Gräber mit Holzkreuzen lag. Jetzt war der Gottesdienst wohl bald zu Ende — sie sah nach der Uhr — es war gleich zwölf. Pastor Sanfts Predigten waren nie lang. — In zwei Stlinden konnte Holger zurück sein. Ob er sich wohl ebenso sehr nach ihr gesehnt hatte, wie sie sich nach ihm? Plötzlich schrak sie zusammen. In der Allee tauchte ein Malerschirm auf, deffen Träger Anders Thambs war. In ihrer jetzigen Stimmung hatte sie keine Lust, mit ihm zu sprechen. Schnell schlich sie unter die Bäume und eilte Uber das Feld in ein ärmliches Häuschen, welches ihr auf ihren Spaziergängen aufgefallen war. Sie hatte sich schon oft darüber gewundert, daß eine so armselige Hütte in unmittelbarer Nähe des prächtigen Herrenhofes lag. Das Innere des Häuschens war ärmlich, aber sonntäglich festlich eingerichtet. Ein Feldblumenstrauß stand in einer Bierflasche auf dem Tische und an der Wand hing ein Schillingsbild Friedrichs VII. Die junge Häuslerfrau, welche ohne nationales Gepräge wie eine einfache Arbeiterin gekleidet war, empfing das gnädige Fräulein bescheiden und mit einem tiefen Knix. „Wo ist denn Ihr Mann?" fragte Rachel, indem sie versuchte, die Kinder zu liebkosen, welche sich ihr scheu entzogen. „Er mußte in diesem Jahr leider wieder zu den Soldaten," — die Frau führte die Schürze an die Augen, als wäre sie dem Weinen nahe. „Es ist ja ein großes Unglück für uns. ... Wenn der Versorger fort ist, geht immer Alles verkehrt.... Es wird nichts verdient und die kleinen Mäuler" — sie sah zärtlich auf ihre Kinder, „wollen doch jeden Tag gefüttert sein, gleichviel woher man es nimmt." „Bekommen Sie denn keine Unterstützung von der Herrschaft, wenn Ihr Mann fort ist und seiner Dienstpflicht genügt?" „Nein, gnädiges Fräulein, keinen Oere. Wenn mein Mann Soldat ist, kann er ja seine Arbeit auf dem Hofe nicht verrichten, dann verdient er nichts und hat also auch nichts zu fordern.... Der Verwalter ist außerdem so strenge und hart." „Also keine Hilfe und kein Geld! — Das ist ja ganz unglaublich. — Aber Ihr Mann gehört doch mit zu den Gutsleuteu?" „Nein, Geld kriegen wir nicht. Ich habe, wie gesagt, noch keinen Oere gesehen. Mamsell Petersen ist aber manchmal so freundlich, uns ein bischen Essen zu schicken. In einem so großen Hause fällt ja immer etwas vom Mittag ab." „Aber wovon leben Sie denn?" fragte Rachel mit jener echten Theilnahme, welche unwillkürlich Sympathie und Vertrauen erweckt. „Wie leid thun Sie mir, Aermste! Außer dem Hause können Sie wohl nicht arbeiten, weil Sie die kleine.n Kinder haben?" „O ja, ich muß wohl; die Kleinen muffen sich selbst warten. Liesbeth wird zum Herbst schon sechs Jahre und ist sehr vernünftig für ihr Alter. Ich verdiene ein Bischen dadurch, daß ich im Garten helfe und in der Ernte zur Hand gehe. Die Paar Schillinge, die ich dafür bekomme, reichen aber nicht weit, wo es gilt, eine ganze Familie satt zu machen. Wir gehen manchen Abend hungrig oder mit einem Schluck dünnen Kaffee zu Bett. Wieder führte sie die Schürze an die verweinten Augen. Rachel zog ihre Börse heraus, in welcher sie zwischen der kleinen Münze ein Zehnkronenstück fand, welches sie mit freundlichem Lächeln der Frau in die Hand drückte. Dann strich sie den widerstrebenden Kindern über das Haar und verließ, ihre baldige Wiederkehr verheißend, dies Häuschen, von dem Dank und den Segenswünschen der armen Häuslerfrau begleitet. «Fortsetzung folgt.)

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