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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-23 · Heft 12 (23.3.1894) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 Deinen Beutel mit 50 M. gefunden!" „Oh", sagt da der kluge Alte, Du verräthst Dich eben selbst als Dieb, denn woher kennst Du denn mit einem Male den Inhalt des Beutels?!" Ei» Drittes, angeblich von dem bekannten R. Elija Wilna (dem sogenannten Wilnaer Gaon) herrührendes Puriin-Bonmot: Ahasver hatte 127 Länder unter seinem Szepter. Frage: Wieviel festländische Territorien und wieviel Insel»? Antwort (»ach Elija Wilna): Vergleiche Vers 1 des 10 Kapitels. Dort heißt es BÜ3 das heißt nach dein Zahlenwerth der Buchstaben 100 pixn ) zu Lande und "XI das heißt 27 cm zu Wasser. Probatum est. r- 1- — l|-9 MlllvMilM s IMliKMUKXä I mWMWM | 711 Ji iiimimnmmir?? | lIMMMIW | FEUILLETON W.WW'i!»!ElEc "-H - - --- —II-» Are Jüdin. Erzählung von John Paulse». (Fortsetzung.) X. s war Sonntag. Die Kammerherrin wollte nach L.strup, um ihren lieben Pastor Sanft predigen zu hören. Leider war ihre Gesellschafterin krank und sie bat deshalb Holger, sie zu begleiten. Es war von diesem Kirchenbesuch so lange die Rede gewesen. daß Holger seine Mutter nicht durch eine Weigerung betrüben wollte. Anders war ausgegangen, um zu malen; er respektirte nichts, nicht einmal die Feiertage, behauptete die Kammerherrin. „Du kommst ilatürlich nicht mit?" sagte sie zu Rachel. Rach langer Ueberwindung hatte sie sich entschlosien, die Verlobte ihres Sohnes mit dem traulichen „Du" zu nennen. Rachel schwieg. Ohne daß die Kammerherrin es wußte, lag etwas Impertinentes und Hochmüthiges in dem Ton ihrer Frage. „Was sollte Rachel da?" fragte Tante Rebekka in streitsüchtigein Ton, roth vor Zorn bis unter den grauen Scheitel. „Soviel ich weiß, ist dort ja keine Synagoge." Die Kammerherrin beugte sich mit ihrem kleinen schiefen Lächeln über das elegante Gesangbuch, welches sie in der Hand hielt. „Nein, Synagogen können wir Ihnen hier auf dem Lande leider nicht bieten, mein bestes Fräulein Levy, und zwar aus dem Grunde, weil alle Bewohner der Umgegend Christen sind." Sie knöpfte ihren Handschuh zu. „Komm, Holger!" Der Wagen hielt schon vor der Thür. Rachel stand mit gesenktem Haupt und sah verstimmt aus. Tante Rebekka knurrte wie ein bissiger Hund, ohne indessen ihren Zorn in Worten Luft zu machen. Ein bedeutungsvoller Blick Rachels hatte sie rechtzeitig gewarnt. Holger konnte seine Mutter nicht begreifen. Was ging heute mit ihr vor? War es Gedankenlosigkeit, Mangel an Takt, oder wollte sie absichtlich seine Braut kranken. „Wenn .Du Dich allein nur nicht zu sehr langweilst, mein Liebling," sagte er, und sein trauriger, liebevoller Blick leistete ihr eine stumme Abbitte für seine Mutter. „Ich bin ja bei ihr," sagte Tante Rebekka, die in Kriegerlaune war. „Entschuldiget!" „Mache Dir keine Sorgen um mich, Holger," erwiederte Rachel sanft, „ich werde mir schon die Zeit vertreiben. Ich muß einen Brief an Judith schreiben, und nachher gehe ich mit Tante in den Garten." Er hielt zum Abschied ihre Hand so lange und so fest, als sollten sie sich nicht für einige Stunden, sondern für die Ewigkeit trennen. Als der Wagen weggefahren war, konnte Tante Rebekka sich nicht länger mäßigen. „Die hochmüthige Kreatur! — Möge sie von ebenso vielen Plagen heimgesucht werden, wie sie Ahnen hat!" Tante Rebekka hatte wahrhaft merkwürdige Rachegelüste. „Ja, sie verbittert mir den Aufenthalt hier nur! Es ist eine Gnade, daß sie uns erlaubt, unter demselben Dach mit ihr zu athmen! Mein bestes Fräulein. Ja, ja, — sie sieht in ihrem Herzen auf uns Beide herab. Rachel, das kannst Du glauben. Unsere Rasse, die älteste und edelste der Welt, ist ihr nicht fein genug. Alles an ihr beleidigt mich, selbst ihr Schweigen, wenn sie nichts sagt und mich nur ansieht. Ich fürchte, daß ich mich noch einmal vergesse und dieser adeligen Scharteke gehörig den Text lese. Sonst ärgere ich mir noch die Gelbsucht an den Hals." Rachel fing an zu weinen. „Du denkst gar nicht an mich, Tante, und an meine schwierige Stellung. . . Weshalb beherrschest Du Dich nicht besser. Es wäre viel richtiger gewesen, ich wäre allein hierher gereist, wie es anfangs bestimmt war." Tante Rebekka schlug auf einmal einen andern Ton an. Sie war ganz geknickt, sie konnte Rachel durchaus nicht weinen sehen. „Sei doch ruhig!" bat sie zärtlich und klagend. „Weine doch nicht mehr! Ich will sanft wie ein Lamm sein, das verspreche ich Dir, ich will mich schuhriegeln lasten wie einen Dienstboten, wenn Dn nur zufrieden bist! Liebste Rachel, lache doch einmal wieder Deine alte Tante an, die soviel von Dir hält. Ich bin ja ein bischen hitzig, aber das liegt mir nun einmal im Blute. Mich nicht mitnehmen wollen, sagst Du! Unsinn! Wer hätte Dich dann gegen die Alte vertheidigen sollen, wenn es ihr einfällt, Dir was zu Leide zu thun. Sie ist zu Allem fähig. Hast Du ihre Augen bemerkt, sie sind unheimlich kalt, kalt und blau wie Eis? — Es ist auch gegen die Ordnung der Natur, daß sie mit jedem Tage jünger wird. Dafür hat sie die Schminkdose! — Ich bin überzeugt, sie trägt auch eine Perrücke, denn so dickes blondes Haar habe ich noch nie bei einer alten Frau gesehen. — Und der jugendliche Hut, den sie heute wieder auf hatte — blauer Tüll mit Maiglöckchen. — Man sollte glauben, sie wäre verrückt." „Es ist Holgers Mutter!" sagte Rachel, Tante Rebekka damit fertigend, und dann ging sie auf ihr Zimmer, um zu schreiben, ab Tante Rebekka ging nun in die Küche, um Mamsell Petersen, die Wirthschafterin, zu begrüßen, mit der sie Freundschaft geschloffen hatte. Sie wollte gern wiffen. was man zu Mittag essen würde. Tante Rebekka war. im Gegensatz zu Rachel, nicht wenig orthodox. Sie hiel strenge alle Sabbath-, Fast- und Trauertage und erfüllte alle Verordnungen und Pflichten, welche das strenge jüdische Cereinoniell vorschrieb, sie hatte einen Abscheu vor Speisen, welche von der Schrift als unrein bezeichnet werden. Mamsell Petersen hatte schon öfter als einmal besondere Speisen für Tante Rebekka bereitet. Der Speisezettel war heute nach ihrem Geschmack und mit beruhigtem Sinn setzte sie sich mit ihrem Strickzeug in die Veranda. Die schönen Strümpfe, an denen sie strickte, waren für den Maler bestimmt, der ihr einmal anvertraut hatte, daß er der unsoliden Strümpfe überdrüssig sei, die man in den Läden kaufte und die gleich entzwei gingen und gestopft werden müßten.

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