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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-23 · Heft 12 (23.3.1894) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
Seite 141 (sequence 9)
Language
German
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in der Ursprache dem der Klassiker aller Zeiten und Länder gleichkommt, wo nicht ihn übertrifft. Man könnte da vielleicht mit einigem Recht. entgegenhalten, daß das eine Art von subjektivem Luxusgenuß sei. ohne den selbst ein gebildeter Mann existiren könne und müffe. Aber welchen positiven, objektiven Nutzen hebräische Sprache und Litteraturkenntniß den Vertretern der gelehrten Stände unmittelbar für ihre historischen Studien bringt, davon wisien Mediziner, Mathematiker, Philosophen u. A. zu berichten. Bei der große» Rolle, die für die Erhaltung und Weiterentwickelung der Wissenschaften gerade in der stellenweise trostlosen Zeit des Mittelalters Juden gespielt haben, wird schließlich derjenige, der seinen Beruf nicht banausisch ausübt, sondern sich in höherer Auffaffung auch ein wenig um die Entwickelungsgeschichte seiner Disziplin kümmert, nothwendigerweise hier und da auch auf jüdische Geschichte und Litteratur rekurriren müssen. Dem Historiker der Medizin, Philosophie u. s. w., der der hebräischen Kenntnisse bar ist, bleiben erkleckliche Theile seiner Wiffenschaft eine terra incognita, ein verschlossenes Gebiet. Zur Bekräftigung dieser These nehme man das seit Mai vor. I. nach langjähriger Arbeit der Oeffeutlichkeit unterbreitete monumentale Lebenswerk unseres Veteranen, des Profeffors Moritz Steinschneider zur Hand, „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher" betitelt. Doch ich bitte die geehrten Leser um Verzeihung, wenn ich nunmehr erst nach dieser weitschweifigen Einleitung zu meinem eigentlichen Thema übergehe. Obiges habe ich nur voraufgeschickt, weil mir daran lag, als Freund zweier scheinbar so feruliegender und doch, wie ich genügend angedeutet zu haben glaube, innig zusammenhängender Dinge, nämlich Geschichte der Wissenschaften und hebräische Litteratur, für den bildnerischen, ethischen und praktischen Werth der hebräischen Sprachkenntuiß öffentlich einzutreten, ferner weil die nachfolgenden „Purim-Reminiscenzcn" auch meinen Blick in das Vaterhaus zurücklenken auf einen Mann, an dessen Seite ich lange Jahre hebräischen Studien obliegen biirfte, dem ich dafür mehr Dank schulde, als wenn er mir Schätze an Geld und Geldeswerth hinterlaffen hätte. Mein seliger Vater — ich darf diese kurze Notiz bei dieser Gelegenheit einflechten — ein Schüler der einst bedeutenden, jetzt geschloffenen Hochschule (Jeschiwah) in Woloczin unter R. Jizchak, dem Sohne des sehr bekannten R. Chajim Woloczin (über ihn vergl. Fürst und Graetz XI, p. 593), war seit 1850 in segensreichster, wenn auch bescheidenster Weise als sogenannter Schazmaz in einem hinterpommerschen Städtchen 35 Jahre lang thätig und bei aller persönlich gegen sich selbst strengen Frömniigkeit als Kenner griechischer Philosophie (nach hebräischen Uebertragungen) durchaus liberalen Anschauungen zugäugig und tolerant gegen Andersdenkende als er. In dem bekannten Buche Esther Kap. 6, B. 13 heißt es: Und Haman erzählte seinem Weibe Seresch und allen seinen Freunden seine Erlebnisse. Da sprachen zu ihm seine Weisen und sein Weib Seresch: „Wenn aus jüdischem Samen dieser Mordechai stammt, vor dem du angefangen hast zu fallen, dann wirst du ihm nichts mehr anhaben können, sondern immer weiter stürzen." Hierzu bemerkt ein s. Z. berühmter Prediger und Kommentator — wenn ich nicht irre, Jakob Dubno (Verfasser von „Kol Jakob", Erklärung zu den fünf Megilloth): An sich bietet der Paffus für das Verständniß in grammatikalischer und text kritischer Beziehung keine Schwierigkeiten. Trotzdem genügt uns der Text nicht. Wir vermissen noch etwas. Wie ist die Situation? Haman merkt offenbar nach dem unerwarteten Triumphritt des Mordechai, daß er diesem gegenüber eine Niederlage erlitten habe. Darüber ist er selbstverständlich tief deprimirt, ja ganz kopfscheu (ebapbuj rosch). Er sehnt sich nach einer Art von Familien-Kriegsrath, um zu hören, wie die Scharte wieder glatt zu wetzen ist. Sollten Hamans schlaues Weib und seine Berather in dieser kritischen Lage sich da wirklich mit der bloßen Resignation begnügt habe», da ja nun doch Alles verloren sei? Sollte damit Haman allein gedient sein? Das ist nicht gut anzunehmen. Vielmehr haben wir zwischen den Zeilen doch auch noch einen positiven Rathschlag herauszulesen bezw. können wir diesen zwanglos ergänzen, wenil wir den gedachten Passus anders interprctiren, wozu der Schlußtheil eine bequeme Handhabe bietet. Jakob Dubno schlägt nun vor, die Worte von „Io suclial“ bis „lephanaph“ also zu übersetzen: du wirst nicht anders über Mordechai siegen können, als wenn (statt Irr demnach zu lesen ki im) du vor ihm fällst, das heißt Bescheidenheit und Unterwürfigkeit heuchelst. Wisie nämlich, so läßt Dubno die Seresch und Hamans Schergen argumentiren, die Juden sind ein barmherziges Volk, sie handeln nach dem Grundsatz der alten Römer: parcere subjectis et debellare superbos. Wirst du dich also deinem Feinde Mordechai gegenüber fortab freundlicher erweisen, so wird auch er dich voraussichtlich zu hassen aufhören. Dabei kann es ihm denn, deni „ben kiscli isch jemini“ genau so gehen wie seinem Ahnen Saul, dem falsch angebrachtes Mitleid (bei der Bekämpfung deines Urahnen Amalek) bekanntlich den Thron kostete. — In derThat, meint Dubno weiter, habe diese raffinirte Argumentation dem Haman durchaus eingeleuchtet, und wer weiß wie die Dinge sich gestaltet hätten, wenn er Zeit gefunden hätte, den Rath zu befolgen. Indessen, o Wunder, der Stein war zum Glück schon ins Rollen gekommen, die Katastrophe unabwendbar; denn wie es unmittelbar darauf in Vers 14 heißt, in demselben Moment, wo sie mit einander sich besprachen (odam medabberim immo) erschienen bereits die Eunuchen und beeilten sich (wajawhilu), Haman zur königlichen Tafel zu ziehen, wo bekanntlich der Umschwung sich vollzog. — Soll man sich aus dieser geistreichen Interpretation für die heutige Zeit eine Lehre ziehen, so würde es unzweifelhaft die sein, daß man keinem judenfeindlichen Buben Pardon geben, sondern wo es die Verhältniffe wünschenswerth machen, mit allen gesetzlichen Mitteln auch offensiv und aggressiv Vorgehen solle, weil Schonung nur auf unser Haupt zurückfallen könnte. Ein Zweites aus demselben Buche Esther: Der Eunuch Charbonah gilt bekanntlich als Judenfreund. In der schönen Purim-Hymne „Schoschanath Jacob" wird ja zum Schluß seiner in gutein Sinne gedacht. Diese gute Meinung über Charbonah rührt aus Kapitel 7 Vers 9 her, wo erzählt wird, daß Charbona den Ahasver auf den ursprünglich für Mordechai bestimmten Galgen aufmerksanr gemacht hat. Gerade dieser Vers ist aber nach der Meinung unseres biederen Gewährsmannes Dubno für Charbonah im entgegengesetzten Sinne belastend. Woher weiß CH., daß der Galgen 50 Ellen hoch ist? Woher kennt er diese und einige andere Einzelheiten, Zweck, Standort des Galgens rc? Offenbar doch nur, weil er zu den ursprünglichen Mitwiffern des Komplots, zu den Eingeweihten gehörte; sonst Hütte er unmöglich von allen diesen Dingen so genaue Kenntniß haben können. Dubno giebt dazu eine Parabel aus dem Leben: Ein blinder Bettler, der seinen Schatz — sagen wir einen Beutel mit 50 M. — allnächtlich in seinem Bette verwahrte und vor seinem Führer sorgfältig verheimlichte, vermißt eines Morgens nach dem Erwachen sein Geld. Der Schrecken ist natürlich groß. Vergebens appellirt der Blinde an seinen Führer. Dieser will nichts gesehen haben, von nichts wisse». Als aber die Lamentationen des verzweifelten, »>» seine mühsamen Ersparnisse gekommenen Almosen-Empfängers immer heftiger werden und kein Ende nehmen, fühlt der Begleiter des Greises endlich ein menschliches Rühren, und indem er scheinbar sich nochmals suchend stellt, ruft ec plötzlich aus: „Ah, eben habe ich

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