Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Anfang bis zu Ende. In dem Siegesliede Mose'S klangen einzelne Berse mit besonderem Jubel. Und so haben endlich, aus allem Vorhergehenden folgend, die jüdischen Melodien auch die Aehnlichkeit mit dem Volksgesang, daß es bei denselben wie bei diesem, schwer ist zu sagen, ob sie schön sind. Wie ein Nationalgericht bei dem betreffenden Volke beliebt ist, ohne Gewähr, daß es auch von Andern gern gegeffen werde, weil es nicht blos mit dem Gaumen geschmeckt wird, sondern vorzugsweise mit dem Gemüth, so sind auch die Nationalgesänge für das Volk, dem sie gehören, wohlgefällig, weil sie, in das Leben verflochten, ihre Stellung nur halb in der Kunst, halb aber in der wirklichen geistigen Bethätigung haben und nicht blos vom Ohr ausgenommen werden, sondern von der ganzen Seele. So wird auch das jüdische Lied, der Niggun. nicht blos gesungen und gehört, sondern es hängt daran im Herzen das gesammte Gefühl des Festes nach dessen Bedeutung; und selbst die Sinnlichkeit wirkt mit: Solch „I,eolw-I1audi-Liedchen hat den Geruch und Geschmack des Freitag- Kuchens und hängt an dem Gefühl der ganzen Vorfeier des Sabbaths und der Nachfeier der Arbeitswoche. So ist wohl zu fürchten, daß alle Diejenigen, welche den Freitag und den Sabbath und all die Feste mit ihren Feiern und Vorfeiern, Sitten und Gebräuchen nicht in sich durchlebt haben, von der Wirkung der jüdischen Melodien nicht soviel und auch nicht das erfahren, wie und was der Jude, der an seiner Religion hängt. Lol nidre im Konzertsaal oder im Kurgarten, von einer Kapelle aufgeführt, klingt anders als an dem von dieser Melodie benannten Abend in der Synagoge im Ohr des frommen Juden. Indessen lehrt doch die Erfahrung, daß es im Ganzen mit dem jüdischen Gesang nicht so schlecht steht, wenigstens wird doch das Lol nidre für schön genug erfunden, um in öffentliche» Konzerten neben den schönsten Kompositionen als ebenbürtig vorgetrageu zu werden. (Schluß folgt.) Nurirn-Reminiscenzen. Bon Dr. I. Pagel. ie jüdischen Festtage sind fast ausschließlich historische Gedenktage. Zur Erinnerung an große geschichtliche Momente Israels (Auszug aus Aegypten. Offenbarung u. s. w.) fest- | gesetzt, sollen unsere Feiertage die Tradition lebendig erhalten und haben daher als solche nicht lediglich k ul tu eile, sondern unzweifelhaft in viel höherem Grade kulturelle Bedeutung. Denn nur ein Mensch, der mit Plan, Zahl, Maß, Berechnung, genauer Zeitkenntniß und Zeitbestimmung operirt, der da weiß, was jeder s! einzelne Augenblick seines Lebens für ihn und seine Umgebung Werth ist, nur Jemand, der sich über Vergangenheit, Gegenwart lind Zul kunft stets Rechenschaft abzulegen im Stande ist, mit eineni Wort, s nur ein solches Individuum, in dem historischer Sinn vorhanden f ist, hat Anspruch auf das Prädikat „gebildet". Wie vonr Einzelnen, gilt dies von dem Berufs- und Volksleben. Es ist hier nicht der? Ort, diesen Gedankenfaden weiter auszuspinnen. Für den Juden » haben aber seine Fest- und Fasttage, wie überhaupt sein ganzes l religiöses und ceremonielles Leben noch einen besonderen, nicht zu d unterschätzenden Nebengewinn. In erster Linie und zu allernächst § schweift die Erinnerung gerade an solchen Merk- und Marktagen s besonders gern in das elterliche Haus zurück. - Wozu in die Ferne schweifen? * Sieh, das Gute liegt so nah! In der That. bevor man seine Gedanken auf längst verschwundene „Epochen und Katastrophen" lenkt, liegt es näher, dem Feste eine besondere innerliche Weihe dadurch zu geben, daß Jeder da anknüpft, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. — Man sieht, wie sich die Begriffe „Pietät" und „historischer Sinn" nicht blos decken, sondern auch aus einander entspringen und gegenseitig sich beeinfluffeu. Mutatis mutandis ließe das bekannte Wort: „en am haarez chasid“ sehr gut die Deutung zu, daß nur da wahre Pietät waltet, wo Kenntniß der Vergangenheit besteht und Gemüth und Herz wenigstens mit einigen Fasern und Atomen an ihr hängen. Und je mehr Beziehungen dieser Art in solchen Erinnerungsmomenten vor dem geistigen Auge auftauchen dürfen, je mehr Anknüpfungspunkte zwischen Eltern und Kindern, zwischen Vater und Sohn durch die Gemeinsamkeit gewiffer Studien, gewisser Erzählungen und Traditionen, gewisser Bräuche aus der Vorzeit u. s. w. existircn, desto inniger gestaltet sich das Band und desto größer das Glückseligkeitsgefühl, das diese wahren „Stunden der Andacht" bereiten. Wcr will läugnen, daß gerade unser altes Judenthum mit seinen zahlreichen „minhogim“, mit seinem eminent patriarchalischen Charakter, mit seinen spezifischen, zum Theil düstere» und trübseligen, bis in das Mittelalter, in die Zeit unserer schwereil Leiden zurllckreichenden Reminiscenzen sowohl durch die zeitliche Länge wie durch die eigenthümliche Art dieser Faktoren eine solche Kette und Fessel (hier in gutem Sinne gemeint) bildet? Selbstverständlich nur für denjenigen Juden, der über solche Erinnerungen verfügt. Wie wahr singt doch einer der gemüthvollsten deutschen Dichter, Simon Dach: 'Trübsal, Verfolgung, Bedrängniß und Pein Soll uns'rer Liebe Verknotigung sein! Was dabei die Kenntniß der hebräischen Sprache, das Studium der Litteratur und Alterthümer an der Quelle und aus den Quellen leisten, wie sehr diese das Band zu befestigen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken geeignet sind, bedarf wohl für Kenner keines besonderen Beweises. Um an anderen Genossenschaften zu exempliflziren, so weise ich nur darauf hin, daß die Nachkommen der Refugies in Berlin mit aller Macht, wenigstens in den besseren Kreisen, an ihrem Französisch als ihrer zweiten Muttersprache, sowie an dem französischen Gottesdienst festhalten, ebenso die Polen bezüglich der Erlernung des Religionsunterrichts in der Muttersprache u. s. w. Und dies mit Fug und Recht. Man wende nicht ein, daß solche Bestrebungen dem Deutschthum feindlich sind. Für die Juden, die keine politische Rolle mehr erstreben, ist das gerade Gegentheil der Fall. Nur die treuen, zähe» und starken Charaktere können allein gute Patrioten sein und ihre patriotischen Pflichten bewußt würdigen. Die Konvertiten, die feilen Ueberläufer um äußerer materieller Bortheile willen, gleichen den Windfahnen; bei ihnen wird man sich am ersten dessen versehen können, daß sie in Zeiten der Noth aus Feigheit und Streberthum dem fremden Sieger zujubeln werden, weil sie für ihr liebes Ich dabei am meisten zu gewinnen hoffen dürfen. Anstatt also die wahren konservativen Regungen des historischen Lokal - Partiknlarismus, wenn ich mich so ausdrücken darf, gewaltsam zu unterdrücken, handeln m. E. Staaten und Regierungen gerade im Interesse der Loyalität und Selbsterhaltung klüger, wenn sie Pietät und Treue fördern, Männer von Charakter stützen. — In modernen israelitischen Kreisen freilich predigt man damit nur tauben Ohren. Alles Hebräische ist ihnen — selbst in deutscher Uebersetzung — direkt verfehmt und verpönt. Was würde es aber, frage ich, dem begabten jüdischen Kinde schaden, wenn es frühzeitig schon auch mit dem hebräischen Idiom vertraut würde? Ich will von dem allgemein bildnerischen Werthe nicht reden, auch davon nicht, daß der Genuß z. B. der Bibellektüre