Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 139 —- ändert angesehen werden. Wie wäre es möglich, daß die Fortschritte der Musik bei den europäischen Völkern nicht auch auf den Nigun der Chasonim gewirkt hätten? So mögen die Melodien der Gesangs-Stücke in den Pijntim und Selichot so alt sein wie diese selbst, also 500 bis 1000 Jahre; aber zum Beispiel von dem kurzen Stücke #3 ^>8 habe ich drei sehr von einander abweichende Varianten gehört; und wenn es mir sehr wahrscheinlich ist, daß die großen jüdischen Dichter in Spanien, wie es damals Sitte >var, ihre Lieder zugleich mit ihrer Komposition verbreitet haben: so kann ich mir doch nicht denken, daß ein Sabbath- Lied von Abraham ibn Esra aus Toledo, oder ein Trauer-Pismon von Salomo Gabirol nach sieben und acht Jahrhunderten an der Weichsel noch unverändert gesungen werde. — Aus Bulgarien, wo Nachkommen der Spanier wohnen, tönt die Klage über türkischen Singsang. Die Aussprache des Hebräischen ist nicht nur anders bei den Spaniern und den Deutschen, sondern auch anders bei den Nord- und bei den Süd-Deutschen, und wiederum anders in dem slavischen Osten, und zwar allemal gemäß der Sprache des Volkes, unter welchem die Juden leben. Der Jude aller Orten hatte auch das Recht zu diesen unbewußt vorgenommenen Aenderungen, wie heute noch die Direktoren unserer Synagogen-Chöre sich in ihrem vollen Rechte befinden, wenn sie, da sie die alten Gesänge in Noten bringen und nach musikalischen Gesetzen bearbeiten müffen, dieselben dabei nothwendig mehr oder weniger variiren. Daher kann es uns auch gleichgiltig sein, ob vielleicht die eine oder die andere Melodie geradezu der Kirche oder Moschee oder dem arabischen und deutschen Volksgesang entlehnt ist'); denn indem sie umgeändert ist, ist sie dem jüdischen Geschinacke, Geist und Gefühl angeeignet worden. Vielfach war, und scheint heute noch, unter den Vorbetern die Ansicht verbreitet, als wären unsere Melodien vorherrschend weinerlich. Das sind sie aber keineswegs, und wenn ich am Jom Kippurim Kaddisch die Worte „baagolo“ und die folgenden in großer Rührung sprechen hörte, so fiel mir aus meiner Kindheit ein, wie viel besser dieselben Worte vielmehr im Tone festester Zuversicht gesungen wurden. Es ist ja richtig, daß unsere Gebete und unsere Melodien sehr häufig dem Schmerz des Volkes über seine traurigen Schicksale und Verhältnisie lebhaften Ausdruck geben; doch haben die Juden zu keiner Zeit aufgehört, sich der Fest-Tage und ihrer Religion und der göttlichen Allmacht, Weisheit und Güte zu freuen, und haben niemals aufgehört, auf Gott und eine herrliche Zukunft mit unerschütterlichem Vertrauen zu hoffen. Ich fühle nun wohl die Pflicht, die jüdischen Melodien in ihrem Hanpttheil — dem Chasonus — etwas zu charakterisiren. Leider ') Dukes, Jellinek und Steinschneider haben „die Rezeption fremder Musik" bei den Juden erwiesen. „Den hebräischen Texten wurden in den Synagogen des Ostens arabische und türkische, in denen des Westens romanische, germanische und flavische Gesangsweisen untergelegt". Wenn L. Löw (a. a. O. S. 313) hinzufügt, daß die Juden in Polen sogar christlichen Kirchengesang in die Synagoge verpflanzten, und daß der 1640 verstorbene polnische Rabbiner Joel Särkes dies damit gerechtfertigt habe, daß jene Gesänge Erzeugnisse der musikalischen Kunst und nicht des christlichen Kultus seien: so muß ich daran erinnern, wie sehr auch von christlicher Seite geklagt worden ist, daß die Kantoren auf den Orgeln der Kirche profane Musik-Stücke vorgetragen haben. Unter Kirchen-Mustk verstehe ich das protestantische Kirchenlied und die großen Kompositionen von Bach u. s w In Paris aber habe ich zum Beispiel in einer Krypte ein Lied gehört, dessen Strophen vom Geistlichen vorgetragen wurden, während die Gemeinde mit dem Refrain Viens 6 esprit d’amour, Entre dans notre äme einfiel, dessen Melodie nur den Charakter eines Gesellschafts-Liedes hatte. Ich Hörle ein Salvum fac regem, dessen Melodie zu gepaßt hätte. fehlt mir hierzu die Kenntniß der wiffenschaftlichen Theorie vollständig. Ich muß aber folgende Bemerkungen machen, die zwar nur ganz laienhaft sind, aber, wie ich glaube, bedeutende Punkte berühren. Unsere Gebete sind im wesentlichen Theil Tag für Tag dieselben; am Sabbath, Fest-Tag, den jomim nauroim dieselben wie am Wochentag. Die Melodie aber, der Nigun, für dieselben Gebete ist je nach dem Tage verschieden, und zwar angemeffen der Bedeutung des Tages. So sind für dasselbe Gebet allemal mehrere Melodien vorhanden. Es braucht im Allgemeinen nicht aufzufallen, daß dieselben Worte mit verschiedenem Gesang verbunden werden. Das Eigenthümliche des Chasonus beruht aber darauf, daß derselbe Gedanke in verschiedener Lage der Menschen, also auch an verschiedenen Tagen, ob Wochen- oder Fest-Tagen, anders ans das Gemüth wirken und nach anderer Ausdrncksweise drängen. Jin Chasonus wird nicht etwa blos dasselbe Gebet an Festtagen feierlicher, das heißt mit künstlicherer Melodie und stärkern musikalischen Mitteln vorgetragen als an Wochentagen, wie in der katholischen Kirche geschieht; sondern die andere Lage des Gemiiths fordert anderen Gesang. Das Elaubens-Bekenntniß „Höre Israel" tönt anders an den ernsten Tagen des Neu-Jahrs als an einem Freudenfeste — anders, aber nicht gerade künstlicher. Wir sprechen täglich: „wir haben gesündigt, o Gott verzeih!" Aber sprechen dasselbe anders am Versöhnungs-Tage. Weil nun wirklich das religiöse Gefühl an jedem Tage von einem besonderen Eindruck beherrscht wird und der Gesang der Gebete danach sich bestimmt, so ergiebt sich hieraus, daß die Melodien eines bestimmten Festes einen gemeinsamen Charakter haben; daß wenigstens die Melodien der frohen Feste durchgehend sich von denen der ernsten scheiden, und daß auch von jenen jeder Tag an einer bezeichnenden Stelle eine auszeichnende Melodie besitzt. Dadurch erhält jede Melodie einen verstärkenden Widerhall durch alle andern desselben Tages. Aber nicht nur dies: auch die Tageszeiten haben im Vortrag der Gebete ihren besonderen Charakter. Das Abendgebet ist in der melodischen Stimmung verschieden vom Morgen- und vom Nachmittags-Gebet, und zwar wiederum jedes verschieden für Wochentag und Sabbath und Festtag. Ja noch mehr: am Sabbath und an den Festtagen haben die Theile des ausgedehnten Morgen-Gottesdienstes ihre melodische Eigenthümlichkeit. Gesungen, meist nur recitativisch und Parlando, wird da manches von Anfang bis zur ersten Kednscho, aber mit den nun folgenden Worten „leeil borucli“ ändert sich die Tonart so entschieden, daß einem zu Muthe wird, wie (nach einem kabbalistischen Bilde) wenn die Thür aus dem Vorzimmer zum Empfangssaal geöffnet würde; nun tritt man ja mit dem Bekenntniß „Höre Israel" und dem eigentlichen Gebet „schemaune esrei“ vor Gott. Der Vorbeter, der es nicht verstünde, diesen Wechsel merken zu lassen, wäre nicht Herr des Chasonus. Selbst der Trop, die Cantilene beim Vorlesen der Bibel, war nicht bei allen Büchern derselben der gleiche; das scheint selbstverständlich. Abermals aber wurden die Bücher Mose an den ernsten Festen anders gelesen als am Sabbath und den frohen Festen. Natürlich mit ganz anderer Erregung las und hörte man am Neujahr, wo das Schicksal jeder Person, also auch der eigenen, bestimmt wird, wie der Allgütige Sara's gedachte, als an dem Sabbath, an welchem diese Erzählung eben nur zu allgemeiner Erbauung vorgetragen wird, weil dieselbe an der Reihe ist, in der 3idro steht. Beim Vorlesen der Thora wurden auch hin und wieder Verse besonders betont, nämlich dadurch, daß sie in der höheren Skala vorgetragen wurden, z. B. der Satz (2. M. 14, 14): „Gott wird für euch kämpfen, ihr aber sollt still sein"; ebenso das Zehnwort von