Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 138 - Juden zum Gesangs) einen bedeutenden Einfluß darauf geübt hat, daß jener verderbliche Gegensatz zwischen Geistlichen und Laien unter den Juden nicht aufkommen konnte. Bei aller Hochachtung vor Gelehrsamkeit, welcher man die Entscheidung in allen zweifelhaften Fällen überließ, machte man doch zum Vorbeter viel lieber einen Mann mit wohltönender Stimme als den blos gelehrten. Die Trennung der Thätigkeiten des Rabbinen und des Vorbeters ließ den ausschließlichen Vorrang keines von Beiden aufkommen. Keines von Beiden, sage ich. Denn die Neigung zum schönen Gesang hätte leicht ihre Gefahr in sich getragen. Schon der Name „Chason" kan» dies bezeichnen, welcher in früherer Zeit ein höheres Amt bedeutet hatte, etwa das eines Vorstehers, während der Vorbeter ursprünglich TQ2£ Gemeindebeamter hieß. Wie nahe es lag. die Stellung desselben über das Volk zu erheben, ihn zum Geistlichen zu machen, wie leicht der Vorbeter zum Fllrbitter wird, mag ein Satz beweisen, der sich im Gebete der Vorsänger befindet. Da heißt es: „Sie führen dein Volk an dir, o Gott, vorüber und sie schreiten vermittelnd zwischen dir und ihm. Die Augen deines Volkes hängen an ihnen, und ihre Augen schauen harrend zu dir . . . und dein Volk birgt sich hinter ihnen, wie hinter einer Mauer." Dieses Gebet ist denn auch in unsere neuen Gebetbücher nicht ausgenommen worden. Die Bedeutung, welche Gelehrsamkeit und sittliche Würdigkeit in den Augen der Juden zu allen Zeiten hatten, bildete der möglichen Ueberhebung des Sängers gegenüber ein entscheidendes Gegengewicht. Für die drei ernsten Feiertage, die „jomim nauroim“, wählte man mit Vorliebe geachtete Mitglieder der Gemeinde zu Vorbetern, den „baal tefillo“, und überließ nur das „Mußaf" dem Chason; am Wochentage aber gestattete man Jedem vorzubeten. Also gerade weil das Amt des Vorbeters für so wichtig galt, war es dem bloßen Sänger für die wichtigsten Gelegenheiten entzogen. Man sieht aber, wie die Vereinigung von Rabbinat und Vorbeterwürde auf denselben Häuptern den Geistlichen erzeugt hätte. Die Chasonim alten Schlages waren oft sehr geschmacklos. Ohne Ahnung über das wahre Wesen des Gesanges, meinten sie, sie müßten den musikalischen Instrumenten nachahmen und dieselben ersetzen, und da sie am meisten die Violine liebten, so ward die Diskant-Stimme bevorzugt. Wenn nun etwa, wie sehr oft geschah, ein Trio sang, so war der Chason der Tenor oder Bariton, der Diskant hieß der „Singer", „rnesebanrer“, und zu Beiden kam der Baß. Diese Drei sangen aber nicht etwa dreistimmig, sondern Singer und Baß unterstützten den Chason derartig, daß sie diejenigen Theile der Arie sangen, welche für den Chason zu hoch oder zu tief lagen. Die jüdischen Melodien sind nicht ausschließlich synagogal; sie sind zum Theil für die religiöse Ceremonie im Hause bestimmt, wie „Moaus zur“, „Eil benei“. Wenn sie aber auch sämmtlich religiös sind, und oft recht ernst oder trübe, so tragen sie doch, wenn ich nicht irre, niemals den Charakter der Kirchenmusik. Dazu kommt, was noch wichtiger sein mag, daß sie nicht streng auf die Silben paffen, und der Text so gesprochen werden niuß, daß bald mehrere Wörter zusammen unter einen oder sehr wenige Töne fallen, bald die Melodie ohne Worte fortgesetzt wird; ja, oft liegt der bei weitem größte Theil der Arie zwischen den Wörtern. Solcher Gesang ohne ') Kein schlagenderer Beweis für die Liebe des jüdischen Volkes zum Gesang als „Der Triumph der Musik über ihre Gegner" in des außerordentlich gelehrten und auch geistvollen Leopold Löw, die Lebensalter in der jüdischen Litteratur, 805 ff. Ich bin auch überzeugt, daß das von Anbeginn auch von hohen Autoritäten gemißbilligte Kol-Nidre seine beispiellose Verbreitung nur seiner Melodie zu verdanken hat. Worte erfordert aber die höchsten Gesangskünstler; für unsere heutigen Chasonim und unser heutiges Gefühl ist derselbe unmöglich. Singer und Baß sangen die Melodie, insoweit dieselbe zwischen den Worten lag; dem Chason fiel das Wort zu. Auf Deutlichkeit der Wortartikulation, den Chittuch hadibbur, wurde sehr geachtet; und ich würde auch heute beim Vorbeter viel lieber auf die Kunstgercchtigkeit des Gesanges verzichten, als auf die Dcllttichkeit der Aussprache des Textes. Als charakteristisch ist auch hervorzuheben, daß in der Synagoge nnr der Vorbeter sang; die Gemeinde sprach (resp. schrie) immer nur. Man muß drei Arten von jüdischen Melodien unterscheiden: erstens der kantilenenartige Vortrag der heiligen Schrift; zweitens das Chasonus, d. h. die für bestimmte Gebete feststehenden Melodien; drittens die der Freiheit des Sängers überlassenen Gebetstücke. Fragt man nach dem Alter, so sind die Melodien des Vortrags der Bibel entschieden die ältesten; das Chasonus dürfte aus dem Mittelalter vom 8. bis 15. Jahrhundert stammen; die freien Gesänge aus der neuern Zeit sind womöglich von gestern und heute. Aus der Zeit des Tempels besitzen wir, streng genommen, gar keine Melodie. Es scheint zwar recht natürlich, anzunehmen, daß Einiges, wie der Priestersegen <das Ducbon) oder die Prozession (die haqofo mit dem hauschano) mit Wort und Melodie uns aus dem Alterthum überliefert sei. Hier muß ich aber eine Bemerkung machen, die für unser Thema wichtiger ist als die rein chronologische Frage- Die jüdischen Melodien tragen insofern den Charakter echter Volkslieder, als sie niemals schriftlich, in Noten, fixirt waren und darum dem Belieben jedes Vortragenden anheim sielen. Was nämlich nicht schriftlich fixirt ist, wird nicht unverändert bewahrt, wenn nicht die sorgfältigsten Einrichtungen des Lernens getroffen werden. Solche Einrichtungen bestanden in Israel für die nicht geschriebene Vokalisation der Bibel und für das gesammte mündliche Gesetz etwa bis in das fünfte und sechste Jahrhundert; für Alles aber, was Gesang heißen kann, bestand dergleichen nicht. Daher sind zwar die Neginoth und die Vokal-Zeichen der Bibel fest geblieben, Aussprache und Gesang derselben aber sind es nicht, und die östlichen und die westlichen Juden haben verschiedene Aussprache der Vokale und einen verschiedenen Trop beim Vorlesen der Bibel; Anfangs nur kleine Variationen, welche hier und welche dort in Gang kamen, wichen immer mehr von einander ab. Daher meine ich, annehmen zu dürfen, daß der Trop, diese gesangartige Weise., des Vortrags der Bibel, an sich wirklich aus hohem Alterthum stamme, sagen wir: aus Esra's Zeit. Denn nur in solchem halben Sang vollzog und vollzieht man heule noch im ganzen Orient öffentliche Rezitation. Wie aber dieser Trop in der Zeit des Tempels und der talmudischen Schulen geklungen hat, wissen wir nicht mehr. Wohl hängt also zwar die Weise, wie wir heute den Pentateuch in der Synagoge vortragen hören (wie wir „leinen“) mit der Weise Esra's zusammen; denn sie ist aus dieser entstanden; aber wie weit sie davon abweicht und ob die deutsche oder die portugiesische Weise die alterthümlichere ist, können wir nicht sagen. Vom Duehon habe ich zwei verschiedene Varianten gehört; mag die eine wie die andere aus dem Tempel stammen, in jeder sind die alten Töne geändert. Und was will dies sagen gegen die Thatsache, daß schon wenige Generationen nach der Zerstörung des Tempels über den schmetternden oder gebrochenen Ton des Schofars ungelöster Zweifel bestand?) Ebenso aber müssen auch unsere ältesten Gesänge, das älteste Chasonus, aus welcher Zeit es auch stammen mag, als vielfach veri) Vgl. L. Löw a. a. O. S. 301.