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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-23 · Heft 12 (23.3.1894) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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137 satzes müßte darum, wenn man gerecht sein will, die gesammte christliche Landbevölkerung außer Betracht bleiben. Aber diese ganze Art mechanischer Vertheilung der Konfessionen auf die verschiedenen Berufszweige ist verwerflich. Mit demselben Rechte wie aus dem Justizdienste könnte man die Juden mit diesem Maßstabe auch aus dem ärztlichen Berufe, aus allen liberalen Fächern, ja auch aus Handel und Gewerbe verdrängen. Dann allerdings würde bald das Ideal des Antisemitismus erreicht sein! Erinnerungen an Ludwig August Frankl. Von Dr. Joel Müller. f er theure Mann hat ein Alter von 84 Jahren erreicht. Ihn hat wohl die geistige Rührigkeit so lauge erhalten. Ich erinnere niich noch des ersten Eindruckes, den er im Jahre 1848 auf mich machte, als ich nach Wien kam, um dort das Obergymnasium zu besuchen, und mich ihm, all den ich Empfehlungen besaß, vorstellte. Damals stand er auch politisch im Ansehen und kam mit den angesehensten Männern in die illnigste Berührung. Als der Sturm vorübergezogen war, hatte er Muße, mir Freulldlichkeiten zu erweisen, unb auch später, als ich, nach Vollendung meiner Studien ein Amt in der Provinz übernahm, blieb mir seine Theilnahme nicht fern. Jahre lang bediente ich mich bei meinen Spaziergängen in Wald und Flur eines Stockes, welchen der Dichter aus Palästina mitgebracht hatte, wo er im Aufträge einer edlen Dame eine wohlthätige Anstalt gründete. Dort im Lande unserer Ahnen hatte, er erfahren, daß die Toleranz unb die Duldung, von welcher er durchdrungen war, nach allen Richtungen geübt werden müssen, wenn sie sich im Volksleben als erfolgreich erproben füllen. Später, als ich ein Amt in Wien erhielt, sprachen wir oft davon. Ich erinnere mich, L. A. F. in früher Morgenstunde bei mir gesehen zu haben, als er mir in frellndschaftlicher Gesinnung persönlich die Mittheilung überbrachte, ich sei von der jüdischen Gemeinde in Wien, deren Sekretair Frankl war, zu einem Amte designirt worden. Bei dieser Gelegenheit entwickelte er wohl seine überaus freisinnigen Ansichten, gab mir aber doch zu, daß es erforderlich sei, die Jugend in die Kunde der hebräischen Sprache einzuführen und sie fähig zu machen, die herrlichen Erzeugnisse unserer alten Litteratur im Urtext zu lesen. Freilich wollte er keine Halbheit. Wir haben später manche Stunde über ernste Fragen des Lebens und des Glaubens gesprochen, und auch von Berlin aus kam ich mit ihm in Verbindung. Als ich vor drei Jahren in Prag einen Vortrag über „König Saul" zu halten hatte, sandte er mir zwei Gedichte, von denen ich das zweite benutzte. Das erste ist dis jetzt nicht bekannt. Ich bringe die Gedichte des theuern Verblichenen als eine Erinnerung an sein poetisches Schaffen hier zum Abdruck. Rönig Davids Rlagelied um Saul. Und als zu Davids Ohr nach Ziklag kam Von Saul und seiner Heldenschaar die Kunde, Zerriß sein Kleid er, und in tiefem Gram Es floß ein Klagelied von seinem Munde, Er sprach: die Kinder von Jehuda lehrt Den Bogen spannen. Es erlag dem Schwert Dein Schmuck, o Juda, auf den Bergen allen; Wie sind die Helden dort gefallen. Die Kunde bringet nicht nach Gath davon Und in die Straßen nicht von Askalon, Daß der Philister Töchter sich nicht freuen, Der Heiden Töchter Jubel nicht erneuen. Ihr Berge Gilboa's! nicht soll es regnen Auf euch, und Thau nicht eure Aecker segnen. Zerschellt ward dort der Helden Schild in Streit, Sauls Schild, als wär' er nicht in Oel geweiht. Gefehlt hat nie von Jonathan der Bogen, Und niemals ist von Saul das Schwert Von Feindesblute leer zurückgekehrt. Vom Fett der Helden war es vollgesogen. Saul, Jonathan, holdselig schön hienieden, Der grimme Tod selbst hat euch nicht geschieden, Ihr wart wie Löwen stark, wie Adler leicht. Und doch hat euch der Tod so schnell erreicht. Ihr Töchter Judas, weint um Saul in tiefem Leid, Gekleidet hat er euch in Purpur und in Seid' Und euch geschmückt mit goldenem Geschmeiß'! Die Helden sind gefallen in der Schlacht, Erschlagen Jonathan durch Feindesmacht. Leid ist mir um Dich, Bruder Jonathan! Mir ist so leid um Dich, mein Bruder Jonathan, Wie sehr warst Du mir süß. Mehr wohlgethan Hat deine Liebe mir als die der Frauen, Ich werde nie so schönen Freund mehr schauen. Die Helden liegen auf den Höh'n erschlagen. Sie sind dahin, zerschmettert Roß und Wagen! Gaul. Aus Gilboa die Helden sind erschlagen, Die leicht wie Adler, stark wie Löwen waren. Der König Saul liegt zwischen seinen Schaaren, Bis plündernd sich zu ihm die Sieger wagen. Sie reißen vom gesalbten Haupt die Krone, Und Schild und Spieß aus den erstarrten Händen, Als Schmuck an ihrer Götzen Tempelwänden Zu glänzen, Israel zum ew'gen Hohne. Den Leichnam lassen sie zum Fraß den Geiern, Da nahen heimlich Nachts des Königs Treuen, Und auf die Schultern laden sie den Leuen, Sein Todtenamt nach heil'gem Brauch zu feiern. „Morgenlicht grauet. Den Holzstoß bauet. Den gefallenen Helden zum Lohn, Leget die bleiche Königsleiche Auf den ragenden Scheiterthron. Werft nun die Brände Zwischen die Wände, Daß sich der Holzstoß entflammt! Spezereien Duften und weihen Das heilige Todtenamt. Jetzt die Gesäuge, Die Posaunenklänge Laßt schallen durch die Luft! Die Gluthen werben. Es soll ihn nicht erben. Den Helden, die finstere Gruft. Seht die entzügelten. Golden beflügelten Flammen schlagen hervor, Brausen und tragen. Als purpurner Wagen, Den Königshelden empor." Die indischen Melodien. Von Prof. Dr. H. Steinthal itter der wichtigsten Züge im religiösen Leben der Juden ist der, daß man bei uns den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien nicht kennt. So lange der Tempel stand, gab es allerdings Priester, diese waren aber keine Geistlichen. Ihnen gegenüber galt in Bezug ans den Altardienst jeder Israelit als ->s als Fremder, d. h. als davon durch das Gesetz ausgeschlossen; aber auch die meisten Propheten und Gelehrten waren in dieser Hinsicht Andere, und doch wahrlich nicht Laien, und galten noch weniger etwa gar für profan. So bedeutsame Züge können nur ans dem innersten Wesen und der gesammten Geschichte eines Volkes erklärt werden; aber es lasten sich auch einzelne Seiten aus dem Leben und dem Temperament eines Volkes angeben, welche solche Züge gefördert und zu voller Wirksamkeit gebracht haben. Und so meine ich, daß die Liebe der

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