Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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an der Mosel ein steinernes Kreuz gewaltsam zertrümmert hätten, seien in Koblenz gefänglich eingeb^acht worden. Die dabei ausgesprochene Entrüstung wäre eine gerechtfertigte und jeder unserer Glaubensgenossen würde solch eine Frevelthat verdammen, wenn sie sich jemals ereignet hätte. Auf eine von Köln nach Koblenz gerichtete Anfrage wird nun mitgetheilt, daß weder in der Stadt Koblenz noch im Gefängniß daselbst von der Einlieferung solcher Uebelthäter etwas bekannt sei. Die ganze Geschichte ist also erfunden, wie man sich denken kann, und zwar in böswilliger Absicht X München, 8. März. Ueber das Leichenbegängniß unseres Rabbiners Dr. Perles ist Folgendes zu berichten. Am 6. d. Mts Vormittags 11 Uhr wurde in der Synagoge ein Trauergottesdienst abgehalten, bei welchem Herr Dr. Groß, Rabbiner in Augsburg, die Trauerrede hielt, der des Verblichenen Herzensgute, Pflichttreue und Liebe zur Familie hervorhob. Im gleichen Sinne sprachen bei der am Nachmittag 3 Uhr statlgehabten Beerdigung der gegenwärtige Vertreter des sel. Dr. Perles, Herr Dr. Mayer, ferner die Herren Rabbiner Dr. Groß, der erste Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde Herr H. Müller, Herr Rabbiner Dr. Cohn, Jchenhausen, Herr Rabbiner Dr. Frank, Köln, und Herr Dr. Ehrentreu, der hiesige orthodoxe Rabbiner; ferner noch im Namen verschiedener Vereine Herr R. A. Ofner, und Namens der Schüler Herr R A. Oppheimer. Es waren noch verschiedene zur Beerdigung hier anwesende Rabbiner zu Reden vorgemerkt, die aber wegen vorgerückter Zeit nicht mehr sprechen konnten. Zu beiden Feierlichkeiten hatte sich eine überaus große Anzahl Leidtragender eingefunden. Es waren unter Andern anwesend der erste Bürgermeister, Magistratsräthe und Gemeindebevollmächtigte, der Polizeidirektor und andere distinguirte Persönlichkeiten, da Dr. Perles sich hier großer Beliebtheit zu erfreuen batte. 6. Fürth, 11. März. Die Wahlen zum mittelfränkischen Landrath, einem die Interessen des Kreises wahrenden Institute, fanden in Fürth und Nürnberg von den je zu einem Wahlkörper vereinigten gemeindlichen Kollegien heute statt. Unter den in Nürnberg gewählten Landräthen befindet sich Fabrikant und Magistratsrath Herr Michael K o h n, als Ersatzmann wurde Magistratsrath Herr Ernst Tuchmann gewählt. In Fürth wurde als Ersatzmann Kommerzienrath Herr Siegfried Ullmann gewählt. H. Karlsruhe, 9. März. In der Zusammensetzung des Großherzoglichen Oberrathes der Israeliten, unserer obersten Kirchenbehörde, sind nachfolgende Veränderungen eingetreten: Herr Oberrath Millstätter, der frühere Rabbiner Karlsruhes, welcher seit 1875 Mitglied und gleichzeitig Sekretär des Oberrathes war, wurde mit Rücksicht auf seine leidende Gesundheit und sein hohes Alter in Ruhestand versetzt An Stelle des jüngst verstorbenen Herrn Oberrathes David Aberle in Mannheim wurde Herr Simon B ens heim, Vorsitzender des Synagogenrathes in Mannheim, in den Oberrarh berufen; ferner wurden zu Mitgliedern dieser Behörde ernannt: Herr Dr. Albert Seeligmann, prakt. Arzt in Karlsruhe, und Herr Rechtsanwalt Dr. Standecker , in Mannheim. Orstrrrrich - Ungarn« Ll Wien, 12. März. Seit dem plötzlichen Hinscheiden des Bürgermeisters Dr. Prix beschäftigt man sich allgemein mit der Persönlichkeit des künftigen Stadtoberhauptes, und während die Bevölkerung Wiens in dem Dr. Albert Richter den geeignetsten Mann für diesen schwierigen Posten steht, der aber, wie wir hören, das Amt ablehnen will, versucht die antisemitische Fraktion, ihr Oberhaupt, den streitbaren Dr. Lueger auf den Platz des Bürgermeisters, oder — da dies nicht leicht möglich — auf den Vizebürgermeisterposten zu bringen. Die antisemitische Bewegung weist hier in der letzten Zeit Erscheinungen auf, die die vollste Aufmerksamkeit herausfordern. Seitdem die „Reichspost" in Wien erscheint, hat nämlich die klerikale Unterströmung in der antisemitischen Bewegung an Stärke gewonnen Das genannte Blatt, hinter dem einige Prälaten stecken und das den Zweck hat, dem Volke den Klerikalismus durch die antisemitische Sauce mundgerecht zu machen, steht auf völlig römischem Standpunkte und behandelt demgemäß auch diese Frage aus rein ultramontanem Gesichtspunkte. Das Tragikomische bei der ganzen Sache ist, daß die leitenden Redakteure der „Reichspost" zwei getaufte Juden sind, ein gewisser Weimar- Spitzer und ein Herr Schlesinger. In Wien selbst findet diese klerikale Agitation im antisemitischen Gewände natürlich keinen empfänglichen Boden Die Wiener Bevölkerung ist für rein klerikale Transaktionen eben nicht zu haben. Bezeichnend in dieser Beziehung ist die Thatsache, daß der antisemitische Verein „Christliche Familie", der von einem Kooperator mitbegründet wurde, diesen sofort kalt gestellt hat, als er es versuchte, rein klerikale Tendenzen in diesen Verein hineinzutragen. Auf dem flachen Lande ist indessen die Möglichkeit einer klerikalen Ueberfluthung näherliegend. Am Sonntag Vormittag fand im Kapellenhose der Alserkaserne die neuerliche Eidesleistung der im Monate Februar dieses Jahres zum Präsenzdienste, beziehungsweise zur militärischen Ausbildung eingerückten Mannschaften in Gegenwart sämmtlicher Vorgesetzten statt. Dem feierlichen Akte ging ein Gottesdienst voraus, und zwar für die israelitische Mannschaft um halb 9 Uhr im Tempel in der Seitenstettengasse. — Seit einer Reihe von Jahren wirkt im Bezirk Favoriten ein Komitee zur Veranstaltung einer Christbaumfeier für arme Kinder. Wie erfolgreich dieses Komitee thätig gewesen, das beweisen die Ziffern der jedes Jahr betheiligten Schulknaben An 900 bis 1000 arme Kinder sind alljährlich mit Kleidern und Schuhen beschenkt worden und 30 kleinen Meistern konnte zur Weihnachtszeit ein bescheidener Verdienst zugewendet werden. Das Unglück dieses Komitees war es, daß seine Mitglieder Männer des Fortschrittes sind. Unausgesetzt haben die Antisemiten die Hetze gegen dieses Komitee geschürt, den Obmann und die einzelnen Funktionäre verdächtigt und verleumdet, bis es ihnen gelungen ist, das Komitee müde zu machen. Dasselbe hat nun den Beschluß gefaßt, seine Thätigkeit für alle Zukunft einzustellen. Wie lange noch wird die Bevölkerung in Wien dem Treiben dieser „Freunde des redlich arbeitenden christlichen Volkes" geduldig zusehen? — In Budapest fand in der gedeckten Reitschule der Honved-Kavalleriekaserne zwischen den Reserveoffizieren, Kaufmann Borosz und dem Buchhalter der Bodenkreditanstalt Joseph Hofmann, ein blutiges Pistolen-Duell statt. Die Bedingungen waren dreißig Schritte Distanz ohne Avance, dreimaliger Kugelwechsel. Zwei Gänge verliefen resultatlos, im dritten Gange stürzte Hofmann von einer Kugel in die rechte Wange unterhalb der Schläfe getroffen, bewußtlos zusammen. Borosz blieb unverletzt. Der Verwundete wurde mittelst Tragbahre ins Lazareth geschafft. Sein Zustand ist lebensgefährlich. Borosz machte persönlich nach dem Duell der Polizei die Anzeige Die Veranlassung znm Zweikampfe ist in folgendem Vorfälle zu suchen Auf einem jüngst stattgefundenen Balle hatte sich Hofmann über Borosz, der Jude ist, in verletzender Weise geäußert. Dieser suchte Hofmann am nächsten Morgen in Begleitung zweier Offiziere auf, verlangte Aufklärung und als Hofmann ohne Weiteres die Bemerkung zugab, insultirte ihn Borosz thätlich. Es kam hierauf zum Duell, das den obengeschilderten Verlauf nahm. R. Prag, 10. März. Die alte Meiselsynagoge, welche seit einem Jahrzehnt unter der Leitung des jetzigen Vorstehers Herrn Philipp Beck steht (dessen Vorgänger war der K. K. Finanzrath Dr. Koretz, jetzt in Brünn), ist für ihre Gemeinde zu eng geworden. In aller Stille haben die Mitglieder die Mittel zum Umbau gesammelt und letzten Samstag fand zum letzten Male im alten Hause, dessen Rabbiner bekanntlich Herr Dr. Kisch ist, Gottesdienst statt. Am Montag begann die Demolirung. Das Haus, welches jetzt 390 Herrensitze faßt, wird um die Hälfte vergrößert. Die Front und der Eingang wird nach der Westseite verlegt, die nach der bevorstehenden Regulirung der Josephstadt an eine Hauptstraße kommt. In einer im vorigen Jahre erschienenen Monographie des Rabbiners Dr. Kisch über die Meiselsynagoge hat derselbe nachgewiesen, daß dieses Gotteshaus in seiner ursprünglichen Gestalt diese neue Größe und Gestalt hatte. Tg Budapest, 13. März. Als unser Kaiser hier weilte, besichtigte er auch das hiesige jüdische Krankenhaus. Unter denjenigen, die Audienz bei ihm hatten, fand sich eine größere Anzahl von unseren Glaubensgenossen ein. Als der Vorsteher des Krankenhauses den Kaiser um die Erlaubuiß bat, das Krankenhaus nach seinem Namen nennen zu dürfen, dankte der Kaiser huldreichst und ertheilte die Erlaubniß, das Krankenhaus von nun an „Franz-Joseph-Hospital" zu nennen. Auch drückte er wiederholt seine Freude über die in dem Krankenhaus herrschende Reinlichkeit aus. Auch besuchte Seine Majestät sämmtliche Krankenzimmer und fragte viele der Patienten nach ihrem Befinden. — Vorige Woche, Sonnabends, als der Kaiser ausfuhr, hörte er, daß