Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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ein Jude überfahren worden sei. Als er wieder zurück ins Palais kehrte, befahl er einem Bediensteten, ihm unverzüglich Bericht übet Öb§ Befinden des Verunglückten zu bringen. Als der Bote mit der Meldung zurückkehrte, daß dem Manne nur unbedeutende Verletzungen zugestoßen seien, äußerte der Monarch seine unverhohlene Freude hierüber — Der Verein „Union" erließ dieser Tage einen Aufruf an alle jüdischen Gemeinden Oesterreichs, daß jeder einen Vertreter nach dem in Wien einberufenen Kongreß entsende Der Zweck dieses Kongresses ist, außer die Interessen des Judenthums auch die Bekämpfung des stetig vnwachsenden Antisemitismus zu berathen. * Jnsbrrrck, 11. März. Es ist erfreulich, daß auch in unserer unruhigen Zeit und trotz der ungünstigen Strömung gegen unsere Glaubensgenossen Verdienste nach Gebühr gewürdigt werden. In der Landeshauptstadt Tirols bekleidet der Kaufmann Herr Wilhelm Dannhäuser seit Jahren eine Reihe von Ehren- und Bertraueüsämtern: seit 22 Jahren ist er Gemeinderath, seit 16 Jahren Mitglich der Handels- und Gewerbekammer und seit ungefähr 6 Jahren Mitglied des Staatseisenbahnrathes. Im vorigen Jahre hatte Tirol bekanntlich eine Landesausstellung, die in jeder Beziehung einen günstigen Verlauf nahm. Dannhäuser war Obmann der Finanzsektion und in seinen Händen lag ein schwieriger Theil der Geschäfte. Vor einigen Wochen wurde er von dem Kaiser von Oesterreich für seine „verdienstlichen Leistungen", wie der offizielle Ausdruck lautete, durch Verleihung dys goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone ausgezeichnet. Schweden. R. Gothenburg, 9. März. Heute fand das Leichenbegängniß des am 6. d. M. nach langem, schwerem Leiden verschiedenen Kantors Baer statt. Sechsunddreißig Jahre lang hat der Verstorbene segensreich iin seiner Gemeinde Gothenburg gewirkt. Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue find die hervorragenden guten Eigenschaften, die dem Verblichenen nachgerühmt werden müssen. Aber nicht nur in und für seine Gemeinde hat Herr Baer gelebt und gewirkt. Aus Liebe zu seinem Berufe mÄ> geleitet von der Einsicht, daß die jungen Kantoren oft rathlos dastehen den mannigfachen Verschiedenheiten des jüdisch - liturgischen Gesanges sowohl, als auch anderen den Kantoren obliegenden Pflichten gegenübW, unterzog sich Herr Baer der Mühe, sowohl die altjüdischen polnischen, als auch die neueren Weisen zu sammeln, und die Früchte seiner langjährigen Thätigkeit der jungen Kantorenwelt in seinem Werke „D§r praktische Vorbeter" zu unterbreiten. Sein Name wird daher noch lange genannt werden. Alle, sowohl diejenigen, die mit Baer in persönliche Berührung gekommen find, als auch die, die nur sein Werk kennen, wissen, was der Todte seiner Gemeinde, was er dem Judenthum gewes^r. ist. Erst vor kurzer Zeit meldete Kantor Baer in der „Allgemeines Zeitung des Judenthums" das Erscheinen der dritten Auflage seinw Werkes an, in der Zeit, da er eine kleine Erleichterung seiner Schmerzest verspürte. Bald aber kehrte sein Leiden zurück und warf ihn von NeueP aufs Krankenlager, von welchem er sich nicht wieder erheben sollte. Un^ so war denn heute die Gemeinde zahlreich an der Bahre des theuren Tobten erschienen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Der Damenchc« der Synagoge im Verein mit etwa vierzig Schülern und Schülerinne« sangen unter Harmoniumbegleitung dem Verblichenen den GrabgesanK während Herr Rabbiner Dr. Wolfs die Trauerfeier abhielt an dein Grabe dessen, der über ein halbes Menschenaller mit ihm an derselben Stätte in Treue gewirkt hat. Ehre seinem Andenken! Rußland. J F. Kiew, 6. März. Am 14. Februar wurde der jüdische Schriftsteller Jehuda Löb Elkind zur letzten Ruhestätte gebracht. Elkind, welcher im 50. Lebensjahre stand, wurde durch seine Uebersetzung des N Shakespeareschen Dramas „Die Widerspenstigen" und andere Arbeiten populär. Von Nah und Fern. | ----- Dr. med. Sander, Direktor der städtischen Irrenanstalt zu Dalldorf, ist zum Geheimen Medizinalrath ernannt worden. Dr. Sander ist im Nebenamte Mitglied des Medizinalkollegiums der Provinz Brandenburg. — Der Bankier Julius Guttentag hat als serbischer EhreU generalkonsul das Kommandeurkreuz des Takowaordens erhalten. — Der im 82. Jahre verstorbene frühere Lehrer und Seelsorger der jüdischen Gemeinde.Müncheberg, Wolf Alexander, der hochgeachtet von allen seinen Mitbürgern vierzig Jahre lang sein Amt verwaltete, ist gestorben und am 7. d. Mts. unter großer Betheiligung zu Grabe getragen worden. - Die Strafkammer zu Görlitz verurtheilte den Premierlieutenant a. D. Winter, ein eifriges Mitglied des deutschsozialen antisemitischen Vereins, wegen Sittlichkeitsverbrechens zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust. — Dem Privatdozenteu in der medizinischen Fakultät der Universität Halle, Dr. Emund Leser, ist der Titel „Professor" verliehen worden — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Leuß will nach einer Meldung der „Köln. Ztg." sein Mandat in Eschwege-Schmalkalden niederlegen. Er war bekanntlich vor einiger Zeit in Hannover von einem andern Antisemiten derart geprügelt worden, daß er seine Wunde verbinden lassen mußte. — Der antisemitische Verein in Osnabrück hat jüngst einen Situationsplan herausgegeben, auf welchem die jüdischen Häuser und Geschäfte derart eingezeichnet waren, als ob ein Drittel der Stadt in jüdischem Besitz sei. Senator Dr. Hilkenkamp hat diese Aufstellung als eine arge Uebertreibung gekennzeichnet. Die Markirung des jüdischen Besitzes sei so ausgedehnt vorgenommen worden, um den Nichtkenner zu täuschen. Bis 1848 waren nur drei jüdische Familien anwesend und ortsstatutarisch auf diese Zahl beschränkt. Jetzt zählt Osnabrück durch Zuzug aus den anliegenden preußischen Orten unter 42,000 Einwohnern nur 500 Seelen israelitischen Bekenntnisses. — Auf dem Westfälischen Provinzial-Handwerkertag zu Ibbenbüren äußerte sich der Schreinermeister Mertens aus Münster dahin, daß die Handwerker fernerhin Juden unter ihren Innungen nicht dulden würden. Nach Beendigung des Delegirtentages wurden an allen Schaufenstern und Gebäuden grüne Zettel aufgeklebt: „Kauft nicht bei Juden!" — In der letzten Sitzung der Petitions-Kommisston des Landtages in München wurde eine neuerliche Petition um Verbot des Schächtens nach längeren Reden des Referenten Pfarrers Dr. Franck und des Regierungs-Vertreters einstimmig abgelehnt. - Das Schwurgericht zu Nürnberg verurtheilte den antisemitischen Redakteur Weber aus Fürth wegen Vergehens wieder die Sittlichkeit, begangen durch die Presse, zu 3 Monaten Gefängniß. — Wie die „Wiener Zeitung" meldet, hat der Kaiser dem Bezirksausschüsse der Innern Stadt Leopold Sch oftal in Anerkennung seiner gemeinnützigen Thätigkeit den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. — Der Redakteur Ben Jehuda und sein Schwiegervater aus Jerusalem sind, wie aus Jaffa gemeldet wird, von dem Appellationsgericht in Beirut am 7. d. Mts. völlig freigesprochen und aus der Haft entlassen worden. Bravo!" - Bezüglich der vielfach erwähnten Sendschirli-Ausgrabungen ist die Nachricht durch die Blätter gegangen, daß sie auf Kosten des deutschen Orientkomitees geschähen. Von maßgebender Seite erfahren wir, daß das Orient-Komitee mit der jetzigen Expedition nach Sendschirli nichts zu thun habe. Die Kosten trägt die preußische Staatsregierung, ledoch nur soweit es sich um die Bergung der früheren Funde handelt. Um jedoch eine erneute Ausgrabung in der Richtung auf den verschütteten Königspalast vornehmen zu können, hat sich eine Anzahl Berliner Herren bereit erklärt, dem Leiter der Expedition, Doktor F. von Luschan, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen. — Der Forschungsreisende Dr. Eduard Glaser ist auf der Rückkehr von seiner vierten arabischen Reise begriffen. Er bringt von dieser eine reiche Ausbeute mit heim, bestehend in 800 neuentdeckten Inschriften, 250 arabischen Handschriften und einer Reihe kleinerer wichtiger arabischer Denkmäler. Die Zahl der neu entdeckten Inschriften ist Dank eines gelungenen neuen Versuches von Glaser so beträchtlich ausgefallen. Er hat es verstanden, anstelligen Beduinen die Technik des Abklatschens beizubringen. Diese Männer gehen auf die Suche nach Inschriften aus und gerade in solchen Gegenden, die für den Europäer gegenwärtig gar nicht oder nur mit Lebensgefahr zugänglich sind. — In Rio de Janeiro ist ein Lepra-Hospital und ein Laboratorium zum Studium des Aussatzes errichtet worden. Zum Leiter dieser ist vr. med. Wolf Havelburg, ein' deutscher Arzt, bestellt worden, vr. Havelburg, der aus Pommern stammt, hat in Berlin studirt und ist seit etwa zwölf Jahren in Brasilien als Arzt thätigfrüher in Santos, jetzt in Rio. Während dieser Zeit kam er mehrfach nach Berlin, wo er wiederholt über seine Beobachtungen in Brasilien auch für unser Blatt berichtet hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.