Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 schule zu Wolfenbüttel gegründet; ferner war Braunschweig das erste Land, welches die Emancipation der Juden durchführte, die jüdische Gemeinde Braunschweig eine der ersten, welche schon unter dem bedeutenden Talmudgelehrten und für seine Person streng religiösen Rabbiner Sabel Egers und später unrer dem äußerst strebsamen, rastlos thätigen Professor Dr. Herzfeld zeitgemäße gottesdienstliche Reformen eingeführrt hatte. Dazu kam, daß Lessings Geist der Toleranz nicht nur unter der jüdischen, sondern auch unter der nichtjüdischen Bevölkerung von damals, unter Geistlichen, Schuldirektoren, Lehrern, Verwaltungsbeamten und Laien waltete. An der Hand dieser kurz angedeuteten Hauptpunkte wurden die Ausführungen des Vortragenden, geschmückt mit vielem Selbsterlebten, zu einem höchst interessanten Stück Kulturgeschichte, wobei es nicht ausbleiben konnte, daß mancher Vergleich mit der Gegenwart gezogen wurde, welche leider zu Ungunsten der letzteren ausfallen mußte. (Nur ein Beispiel sei hierzu erwähnt: Beim Tode eines Mitschülers, Sohn eines evangelischen Kantors, wurde von den Primanern Lazarus zum Halten der Grabrede auf dem evangelischen Friedhofe erwählt; weder der Gymnasialdirektor, noch die Geistlichkeit, noch die Eltern hatten hiergegen etwas einzuwenden, ja letztere ließen die Rede sogar durch den Druck vervielfältigen. Das geschah damals in Braunschweig. Als einige Jahrzehnte später der jüdische Professor Traube dazu erwählt wurde, seinem intimsten Freunde, Professor Gräfe in Berlin, die Grabrede zu halten, durfte dies auf Betreiben der Geistlichkeit nicht auf dem evangelischen Friedhofe geschehen, sondern fand außerhalb der Friedhofsmauern statt. („Drinnen auf geweihtem Boden die profane Intoleranz — draußen auf profanem Boden die heilige Nächstenliebe!"). Nachdem Redner noch die Hauptpersonen jener Rabbin?rversammlung kurz charakterisirt hatte, beantwortete er die Frage nach den Leistungen jener Versammlung dahin, daß deren Hauptwerth nicht etwa darin liege, was sie „abgeschafft" habe, sondern in den Anregungen, die sie den kommenden Geschlechtern gegeben; die Entstehung der Rabbiner-Ausbildungsanstalten in Deutschland, Oesterreich und Amerika, ja, selbst die erfreulicher Weise jetzt überall in Deutschland gegründeten Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur erklärte Redner für eine Folge des neuen Geistes, der durch die Rabbinerversammlungen in das Judenthum gekommen sei. Reichen Beifall lohnte die hochinteressanten Ausführungen des berühmten Redners. Möchte es uns vergönnt sein, denselben auch im nächsten Jahre wieder in unserer Mitte begrüßen zu können, und zwar in gleicher körperlicher und geistiger Frische und Rüstigkeit wie heute. Zu Ehren des werthen Gastes schloß sich an die Vereinsversammlung noch ein Festessen an, welches, wie wohl nicht anders zu erwarten, durch manches geistreiche Wort gewürzt wurde und die Theilnehmer noch lange beisammen hielt. k. Hannover, 1J. März. Am 7. d. Mts. hielt Herr Professor Dr. M. Lazarus im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur einen Vortrag, dessen Thema lautete: „Der Weinberg zu Jabne". Die zahlreich erschienene Versammlung folgte den Ausführungen des geistreichen Redners mit gespannter Aufmerksamkeit und zollte ihm am Schluffe lebhaften Beifall. Mit Genugthuung können wir konstatiren, daß der Verein bereits über 150 Mitglieder zählt und mit der Zeit hier festen Boden gewinnen wird, wenn er treu seinen ersten Grundsätzen sich frei von allen religiösen Parteifärbungen hält. — Die Reihe der hochherzigen Männer und Frauen, die stch durch Stiftungen ein Denkmal in unserer Genwinde gesetzt haben, ist durch den vor Kurzem verstorbenen Kommerzienrath Blumenthal vergrößert worden. Der Verstorbene hat testamentarisch ein Kapital von 120,000 Mark zu milden Zwecken ausgesetzt und seinem Neffen, Herrn Baron Rosenthal in Amsterdam, die nähere Verwendung und Bestimmung überlassen Unter Zuratheziehung des Herrn Landrabbiner Dr. Gronemann sind nun die erforderlichen Anordnungen getroffen und ein Kuratorium, bestehend aus den Herren Landrabbiner Dr. Gronemann, Direktor Rechtsanwalt Benfey I, Dr. med. S. Lessing, Senator Fink und Bankdirektor Lücke — die beiden letzgenannten Herren find Christen — ist bereits ernannt. In richtiger Würdigung der Verhältnisse werden die 4200 Mk. betragenden jährlichen Zinsen zur Aufbesserung und Hebung bestehender, zum Theil nothleidender Anstalten verwandt, und zwar erhalten je 600 Mk. die Lehrer-Wittwen- und Waisen-Kasse,!as israelitische Krankenhaus, die Bildungsanstalt für jüdische Lehrer, die Simon'sche Erziehungsanstalt in Limmer-Ahlem, die Rosenthal'sche Stipendienstiftung für Hörer der hiesigen polytechnischen Hochschule (dieses Stipendium kann jedoch auch für Beflissene eines Kunstgewerbes verwandt werden), die Kinderheilanstalt und der letzte Theil von 600 Mark ist zur Vertheilung an jüdische und christliche Arme, auch in einer größeren Summe zur Aufbesserung einer Nothlage, bestimmt. Ehre dem edlen Stifter und auch zugleich dem Herrn Baron Rosenthal, der seiner Vaterstadt ein stets warmes Interesse bewahrt hat. — Der vierzehnte Jahresbericht des Vereins zur Unterstützung der Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover (vom 1. Oktober 1892 bis 30. September 1893), der in diesen Tagen ausgegeben worden, weist in erfreulicher Weise Die segensreiche Wirksamkeit des Vereins nach. Während des ganzen Jahres sind dauernd 30 Schüler der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in der Verpflegungsanstalt des Vereins unterhalten worden; an Beiträgen und Geschenken gingen von 302 hiesigen und 498 auswärtigen Mitgliedern im Ganzen 6887 Mk. 50 Pf. ein, sowie an Zuschüssen für die Unterhaltung der Schüler und aus Stipendien 6989 Mk 80 Pf. Die Ausgaben für Beköstigung und Verpflegung, Heizung und Hypothekenzinsen beziffern sich auf 11,453 Mk. 41 Pf. An außergewöhnlichen Gaben wird die Schenkung von zwei Freunden des Vereins für die Professor Frensdorff-Stiftung im Betrage von 1000 M., sowie der gleiche Betrag zu einer Louis Kann-Stiftung seitens der Frau Wittwe Kann in Erinnerung an ihren Gatten, den langjährigen Vorsitzenden des Vereins, aufgeführt. Eine Vielen gewiß willkommene Einrichtung ist es, daß der Verein bei Zuwendung eines Geschenkes von mindestens 250 Mark die Verpflichtung übernimmt, an einem von dem Geschenkgeber zu bestimmenden Tage regelmäßig Kaddisch sagen und ein Licht in der Synagoge anzünden zu lassen. 62 solcher Jahrzeitstage sind schon im Gedenkbuche verzeichnet. 6. Hagen, 10. März. Gin unabsehbarer Zug bewegte sich heute dem jüdischen Friedhofe zu. Die Spitzen der Behörde, die Direktoren der höheren Schulen, die Stadtverordneten, die Kaufleute und Fabrikanten, die gesammte jüdische Gemeinde, alle waren sie erschienen, um Herrn Abr. Levy die letzte Ehre, den letzten Liebesdienst zu erweisen, der zu den edelsten und geachtetsten Bürgern unserer Stadt zählte. Biederkeit des Charakters, strenge Redlichkeit im geschäftlichen Verkehr und Liebenswürdigkeit im Umgänge machten ihn beliebt bei allen Konfessionen. Die Bürger ehrten den Verstorbenen durch seine Berufung zum Stadtverordneten, welches Amt derselbe mehr als ein Vierteljahrhundert bekleidete. Herr Abr. Levy bekleidete seit einer langen Reihe von Jahren das Amt des Repräsentanten-Vorstehers. Reiche Gaben des Herzens und des Geistes, vereint mit dem innigsten Interesse für Alles, was unsere erhabene Religion anbetrifft, befähigten ihn dazu. Sein Tod bringt in unserm Gemeindeleben eine kaum zu ersetzende Lücke hervor. Der Verstorbene war ein echter treuer Bekenner des Judenthums, der nimmer seines Glaubens sich schämte, sondern wo es Jemand wagte, unseren Glauben anzugreifen, mit seltener Geistesschärfe für denselben einzutreten wußte. F. Münster, im März. Im verflossenen Monat haben die vier. Abiturienten der Lehrerb ildungsanstalt derM.-Haindorf'schen Stiftung die Elementarlehrerprüfung am Königlichen Lehrerseminar zu Soest gut bestanden. Die Themata der schriftlichen Arbeiten waren dieses Mal besonders schwieriger Natur. Namentlich gilt dieses von der geschichtlichen Arbeit, welche in der Darstellung der Entwickelung des Heerwesens in Deutschland von Arminius bis auf die Gegenwart bestand. — Das günstige Resultat der Prüfung erscheint um so erfreulicher, als die Prüflinge das Examen vor einer ihnen ganz fremden Kommission machen mußten, während andere Abiturienten von ihren eigenen Lehrern geprüft zu werden pflegen — Hiermit ist zugleich der Beweis erbracht, — wenn es eines solchen überhaupt bedürfte — daß die M.-Haindorf'sche Stiftung nach wie vor ihre Aufgabe voll und ganz zu erfüllen im Stande ist. Um so wünschenswerther erscheint es, daß von Seiten wohlthätiger Glaubensgenossen dieser Stiftung, der ältesten ihrer Art in Deutschland, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werde. Möchten doch namentlich diejenigen unter den einflußreichen Persönlichkeiten Rheinlands und Westfalens, welche bestrebt sind, bessere Zustände im Kultus und in der Schule herbeizuführen, bedenken, daß alle Reformen gegenstandslos bleiben müssen, so lange es an tüchtigen, religiös und pädagogisch gründlich geschulten Lehrern fehlt. g Köln, 9. März. Antisemitische Blätter und nach diesen einige katholische Zeitungen (z. B. die Rheinische Bolkszeitung) verbreiteten vor einer Woche die Mittheilung, zwei Juden, die aus einer Landstraße