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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 11. Berlin, 16. Mar; 1894. Der Gemerndebote. Weikage zur „Attgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 15. März. Der frühere Stadtverordnete Louis Solon, der in den Jahren von 1875 bis Ende 1891 der hiesigen Stadtverordnetenversammlung angehörte und zu den verdienstvollsten Mitgliedern zählte, ist am 11. d. Mts. gestorben. Ein Schlaganfall veranlaßte ihn aus der Stadtverordnetenversammlung auszuscheiden, und wiederholten Anfällen ist er nun erlegen. Als Mitglied der städtischen Grundeigenthumsdeputation, des Kuratoriums der Markthallen- und Straßenreinigungsdeputation ist er vornehmlich thätig gewesen. Die Beerdigung fand am Mittwoch von der Leichenhalle des Friedhofes in Weißensee statt. W. Berlin, 10. März. Am 1. März d. I. beging der Verein der Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums im Hotel „König von Portugal" sein 6. Stiftungsfest durch einen Kommers. Der Vorsitzende, Herr Warschauer, eröffnete den Kommers nach akademischem Brauche mit dem Kaisersalamander und hielt, nach Abstngung des ersten Liedes, die Eröffnungsrede, in der er die wissenschaftlichen und geselligen Bestrebungen des Vereins charakterisirte und das Vereinsleben der letzten zwei Jahre schilderte. Er schloß mit einem Salamander auf das vivat, crescat, floreat des Vereins. Dann toastete Herr Poznanski auf das Lehrerkollegium und Herr Silberstein auf das Kuratorium der Anstalt. Für das Lehrerkollegium antwortete Herr Dr. Müller. Er besprach das Verhältniß zwischen Lehrern und Schülern der Anstalt und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Schüler immer, auch nach ihrem Eintritte ins Amt, mit ihren Lehrern im Geiste verbunden bleiben möchten. Herr Prof. Lazarus dankte für die dem Kuratorium gewidmeten Worte, machte zu gleicher Zeit einige die wissenschaftliche Thätigkeit des Vereins betreffende Vorschläge und schloß, mit einem Salamander auf den neuen Dozenten, Herrn Dr. Schreiner, mit dessen Eintritt in den Lehrkörper eine Lücke im wissenschaftlichen Leben der Anstalt ausgefüllt sei. Nachdem Herr Dr. Samuel im Namen des Vereins den Ehrengästen besonderen Gruß entboten hatte, erwiederte Herr Justiz-Rath Makower. In längerer Rede legte er, aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen schöpfend, vom Standpunkte des Publikums aus dar, welche Art der äußeren und inneren Vorbereitung dem Rabbiner eine gedeihliche Wirksamkeit sichern. — Fröhlicher Sang und muntere Rede hielten die Theiluehmer des Festes bis zu vorgerückter Stunde beisammen. * Berlin, 13. März. Infolge einer an das hiesige russische General-Konsulat gestellten Anfrage, ob nach Inkrafttreten des russischen Zollvertrages den Geschäftsreisenden aller Konfessionen der Eintritt in das russische Reich gestattet wird, ist dem „Confectionär" die Auskunft ertheilt worden, daß den Reisenden christlicher Konfession ein Paß auf die Dauer eines Jahres ausgestellt wird, wohingegen die Reisenden jüdischer Konfession nur einen Paß für die Dauer eines Vierteljahrs erhalten, jedoch kann auf Antrag dieser Paß stets auf ein weiteres Vierteljahr verlängert werden. fg. Berlin, 10. März. Die Tabakschneider Berlins sind nunmehr zu einem Fachverein zusammengetreten. Bemerkenswerth ist, daß die ganze Branche aus Juden, zumeist russischen, besteht. Die Tendenzen des Vereins sind Hebung der Arbeitslöhne, Unterstützung Arbeitsloser und Kranker und Arbeitsnachweis. Das Polizeipräsidium hat bereits die Statuten des Vereins genehmigt. — Der ebenfalls zumeist aus russischen Juden bestehende Verein „Bafra" (Verein der Cigarettenbranche) feierte kürzlich im Logenrestaurant sein 4. Stiftungsfest. Der Verein verfügt bereits über eine ansehnliche Zahl von Mitgliedern. Der Verein Bafra hat schon so manchem armen Cigarettenarbeiter die Ausstattung und Waaren zum Etablissement eines Cigarettengeschästes gegeben. L2 Berlin, 14. März. Vor der siebenten Strafkammer des Landgerichts I begannen am 12. d. Mts. die Verhandlungen im Prozeß Plack-Schwennhagen. Die Anklage lautet aus verleumderische, zum Theil wider besseres Wissen gethane Beleidigungen des Finanzministers Dr. Miquel und des Reichskanzlers Grafen v. Caprivi. Für uns bietet dieser Prozeß eigentlich nur wenig Interessantes. Die im Jahre 1893 erschienene, von Plack verfaßte Broschüre trägt den Titel: „Pharisäer und Heuchler". Die Broschüre richtet die ungeheuerlichsten Angriffe gegen den Finanzminister Miquel. Es wird u. A. behauptet, daß Herr Miquel an der Spitze eines jüdischen Konsortiums zur Beherrschung des Staats gestanden. Der wegen gemeiner Verbrechen vorbestrafte Herr Plack spielt sich in der Broschüre als eine Art Herkules auf, der die Pflicht habe, den Augiasstall „unseres verjudeten und vom Kapitalismus demoralistrten Gemeinwesens zu reinigen". Beide Angeklagte behaupten, daß Herr Miquel eigentlich Miguel, von portugiesischen Juden abstamme, ein „Agent des internationalen Judenthums", der Alliance Israelite sei und dergleichen Thorheiten mehr. Sollte der Verlauf dieses Prozesses noch weiteres Material von Interesse für unsere Leser bringen, so werden wir dasselbe in nächster Nummer miltheilen * Prenzlau, 9.März. Vorgestern fand hier eine antisemitische Versammlung statt, die von einem Mitgliede der deutsch-sozialen Reformpartei, Redakteur Wald aus Hamburg, einberufen war. Der nicht allzu geräumige Saal hatte sich bald gefüllt und zwar zwei Drittel mit Sozialdemokraten. Zum ersten Vorsitzenden wurde mit fast Stimmeneinheit ein hiesiger allseitig beliebter jüdischer Kaufmann gewählt, nachdem der hiesige Rabbiner Dr. Bähr die Wahl abgelehnt hatte. Die beiden Beisitzer waren zwei bekannte hiesige Sozialdemokraten. Man hörte es denn auch dem Redner an, daß es ihm bei einer solchen Stimmung nicht ganz geheuer war. Das angekündigte Thema: „Die Nothlage des Mittelstandes und über die Mittel zur Abhilfe derselben" wurde kaum gestreift, wie denn der ganze Vortrag auch nur die bekannten antisemitischen Behauptungen mit ihren ebenso bekannten Verdrehungen, Verleumdungen enthielt. Nach diesem Vortrag, der auch nicht an einer Stelle von Beifall unterbrochen wurde, verstand es Rabbiner Dr. Bähr in beredten Worten, die verleumderischen Behauptungen zu widerlegen, was die Versammlung durch wiederholten Beifall während des einstündigen Vortrages, wie auch am Schluffe desselben lohnte. Besondere Heiterkeit rief es hervor, als Herr Dr. Bähr vorschlug, der Referent möchte sein gutes Herz für die minder Bemittelten doch damit bethätigen, daß er den Ertrag des Abends, welcher aus dem Eintrittsgelde 20 Pfg. pro Person — bestand, den Armen Prenzlaus überweisen möchte. — Nachdem noch von.Seiten der Sozialdemokraten einige Angriffe auf ihre Partei zurückgewiesen wurden, entstand nochmals ein Wortgefecht zwischen dem Referenten und Herrn Dr. Bähr, welches nur noch zur Vergrößerung des Fiaskos der Antisemiten beitrug. Die Versammlung nahm denn auch am Schluß eine Resolution an, in welcher sie sich mißbilligend über die Ausführungen des Redakteur Wald aussprach und sich mit denselben durchaus nicht einverstanden erklärte. F. Braunschweig, 6. März. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt am gestrigen Vereinsabend Herr- Professor Dr. Lazarus aus Berlin einen Vortrag. Zum Thema seines Vortrages hatte Professor L. gewählt: „Aus meinen Braunschweiger Tagen vor fünfzig Jahren " Redner erinnerte daran, daß er vor gerade 60 Jahren als etwa 20 jähriger Jüngling das hiesige Gymnasium besucht habe, nun wolle er aus jener Zeit manches Selbsterlebte, das für einen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur Interesse haben dürfte, uns vorführen. Die höchst interessanten Ausführungen wurden angeknüpft an die im Jahre 1844 in hiesiger Stadt stattgehabte erste deutsche Rabbinerversammlung. Als Gründe, die gerade Braunschweig geeignet erscheinen ließen, jene Versammlung bei sich aufzunehmen, führte Redner an, daß Braunschweig gewissermaßen „klassischer Boden" für eine derartige Versammlung gewesen sei: Im Braunschweiger Lande hatte ein Lessing gelebt und gewirkt, hatte Präsident Jakobsohn seine Erziehungs¬ und Unterrichtsanstalt in Seesen und dessen Verwandter die Samson-

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