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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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131 der Liebenden nieder. . . Gedämpfte Ruderschläge vom .See und die melodischen Liebesklagen der Nachtigall waren die einzigen Laute, welche man an diesem wunderbar schönen, Hellen, stillen Sommerabend hörte. Rachel und Holger gingen stumm neben einander unter dem wogenden Blumengewölbe in den schattigsten Gängen des Parks, wo Niemand sie sah als die Vögel auf den Zweigen. . . Ihre Hand lag auf seinem Arm, und er liebkoste nur daun und wann still diese kleine, weiße Hand, welche sich ihm fürs Leben anvertraut hatte. Sie setzten sich auf eine Bank am Waffer. Die Rnderschläge erstarken in der Ferne und das Boot verschwand am Horizont. Nur die Nachtigall ließ noch dann und wann ihre schmelzenden Töne hören. „Heute Abend vermißt Du Dein liebes Italien doch nicht?" fragte er leise, indem er liebkosend über ihr Haar strich. „Nein, mein Holger." Bei seiner Frage legte sich jedoch ein Schatten über ihr Gesicht, welches hell und klar wie der Sommerabend gewesen war. Sie gedachte bei seinen Worten Roms und des Anderen, — seiner, der ihr durch seine Verrätherei einmal so bittere Thränen ausgepreßt hatte. Eine lange Pause folgte — die Nachtigall schmetterte lauter als vorher. . . Sie sah mit zusammengezogenen Brauen über das Wasser hin. . . War die Wunde auch geheilt, so gab es doch Augenblicke, wo sie wieder aufbrach und blutete. „Wovon träumst Du, Rachels" fragte Holger zärtlich, indem er mit ihrem kleinen Finger spielte. „Ich habe Dir etwas zu beichten, Holger — etwas, das ich Dir schon früher hätte sagen müssen, aber Du, der Du so hochsinnig bist, wirst mich nicht mißverstehen." Sie war so bleich geworden, daß er, von heimlicher Angst ergriffen, ihre Hand fest in die seinige nahm. Dann erzählte sie ihm, abgebrochen, bewegt und verwirrt ihren kurzen italienischen Roman mit dem traurigen Schluß, als ihr kindliches, junges Herz sich in Roms Herrlichkeit zum ersten Male dem Zauber der Liebe erschlossen, um getäuscht zu werden und zu leiden, wie die Blume, welche sich an einem kalten Apriltage zu früh dem Licht öffnet. Er küßte mit unsäglicher Herzlichkeit die Thränen fort, welche die peinliche Beichte in ihre schönen Augen gelockt hatte. „Armes Kind! — Das hat Dein reines Gewissen drücken können? — Als ob ich es nicht schon längst durch meine Mutter erfahren hätte! Es ist doch nicht Deine Schuld, daß es Schurken wie Baron L. giebt? — Wir wollen nie wieder seinen Namen nennen. Er ist sür uns so wenig vorhanden, als hätte er niemals existirt, nicht wahr, meine Rachel?" Er küßte sie aufs Neue, während sie erleichtert mit glückseligem Vertrauen das Haupt an seine Brust legte. Durch das Bekenntuiß war ihr ein Stein vom Herzen gefallen. Die Nachtigall sang jetzt doppelt melancholischer als vorher, Blumen und Gras waren frischer und duftiger und der Abendsonnenscheiu erschien ihr doppelt so schön wie früher. Jetzt hatte sie nichts, gar nichts mehr vor ihm zu verbergen. Holger erzählte ihr darauf die kleinen Ereignisse seines Lebens, welches ruhig und alltäglich ohne romantische Episode dahingegaugen war. — Er schilderte seine Kindheit und die verschiedenen Hauslehrer, welche er gehabt, und wie sehr er einen derselbe» geliebt, einen jungen, schwärmerische» Kandidaten aus Jütland, der stes von Idealen sprach und Schiller citirte. Dann schilderte er seine Trauer um den Tod seines Vaters und wie er - sich seit jener Zeit mit doppelter Liebe an seine Mutter angeschlossen, er erzählte von seiner frohen Studentenzeit und dem Stolz der Mutter, als er nach glücklich bestandenem Examen heimgekehrt war von seiner ersten Reise nach I Paris, und seiner Schwärmerei für eine kleine rothwangige Predigertochter, deren Vater vor vielen Jahren in der Nachbarschaft gewohnt hatte. „Und Baroneffe Dagmar?" fragte Rachel schelmisch. „Von ihr sagst Du ja kein Wort." Sie zog ihn scherzend am Ohrläppchen. Er lachte herzlich. „Die kleine Gans! Du hast wohl schon längst gemerkt, daß sie mir nie etwas anderes als ein guter Kamerad gewesen ist. Ich habe sie sehr gern, obgleich sie so verschroben und närrisch ist. Sie ist iin Grunde ein sehr braves Mädchen und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Hast Du ihr kleines Hcrzensgeheimuiß übrigens nicht schon längst entdeckt? — Sie ist in Anders verliebt — „In den Malers" — „Jawohl. Es fing schon im letzten Sommer an,- also lange bevor ich so glücklich war, Dich zu kennen. Ein solcher toller kindischer Künstler paßt auch am besten für sie." Rachel mußte an Holgers Mutter denken, der diese Künstlerliebe Dagmar einen schlimmen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Die Kammerherrin war auch nicht besonders liebenswürdig gegen den Maler, obgleich er ihr naher Verwandter war. Seine Rücksichtslosigkeit und sein Mangel an Formen verletzten oft ihre aristokratischen Gefühle. „Wenn Anders in einem Salon ist," sagte sie einmal, „habe ich immer dasselbe Gefühl, als wenn ein großer Hund in ein Blumenbeet gerathen ist und sich darauf herumwälzt. Man muß iinmer davor zittern, daß er Dummheiten macht." Anders vergalt ihre Antipathie von Herzen. Er ahmte ihre Sprechweise nach und machte ihre Schwächen lächerlich, für die er einen scharfen Blick hatte. „Aber Dein Vetter?" fragte Rachel. „Erwiedert er Baronesse Dagmars Zuneigung?" „Und das fragst Du?" rief Holger, indem er das linke Auge zusammenkniff: „Armer Anders!" Man rief jetzt vom Wohnhause nach ihnen. Es war Zeit zum Thee. Sie erhoben sich zögernd und gingen unter den blühenden Obstbäumen, die leise im Abendwinde rauschten, dem Wohnhause zu. Er hatte den Arm um sie geschlungen und sie lehnte sich vertrauensvoll an ihn. — Sie hatte das wonnige Bewußtsein, daß nunmehr die Vergangenheit zu Grabe getragen sei und eine Zukuirft, hell und blüthenreich wie dieser Sommerabend, ihr bevorstände. Vor dem größten Rosenbeet vor der Veranda, in dessen Mitte ein Springbrunnen mit einem nackten Amor sein Wasser empor sandte, stand sie still, indem sie sich untersuchend über die Pflanzen beugte. Nur grüne Blätter waren daran — nicht einmal eine Knospe. — Holger ging schnell in das Treibhaus und brach eine prachtvolle tiefdunkle Rose, die er ihr gab, ohne ein Wort zu sage», während sein Auge deutlich seine Gefühle vercieth. Sic steckte sich lächelnd die Rose vor die Brust. „Rosengaard", flüsterte sie, „Reich der Rosen und des Glücks!" und plötzlich erinnerte sie sich der ersten Unterhaltung, welche sie mit ihm geführt hatte. Oben in der von den Damen verlaffenen Veranda stand, vom Laube verborgen, der Maler allein als Zuschauer dieser kleinen Liebesidylle. . . Trotz der Kouplets und der Cigaretten der Baronesse Dagmar hatte er sich in Svaledal gelangweilt und war unter irgend einem Vorwand schnell zurückgekehrt. Mit Thränen in den Allgen und zitternden Lippeir betrachtete er Rachel, als sie die Rose aus Holgers Hand empfing. . . Seine ganze Seele lag in diesem langen, traurigen, halbtrotzigen Blick. «Fortsetzung folgt.

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