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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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- 130 haben die Juden im Kriege gedient; die Hälfte ist getauft, und mit Christen verehelicht; da hätte es nimmermehr gut gethan. Alle Zeitungen sprechen unwürdig davon: die Allgemeine perfid, die Berliner noch a,rn besten: daß man nicht viel sagt, ist gut. Aber, wie „gesagt" die Prediger, die Pfarrer, die Diener der Religion sollten reden: in dem kleinen baierischen Ort, wo man die Synagoge stürmte, das alte Testament zerriß rc., hätte ein Geistlicher vortreten sollen, und vorstellen, was das Alte Testament ist, und was alle Religion bedeutet: ich weiß, das Volk hätte seinen Frevel gefühlt und gleich unterlassen. Was will man th^p, wenn die Juden, die auch lesen, ihre Verfolger kennend, die Paar aufsuchen, und — da es ihnen doch an Gut und Blut geht — ihre Rache an diesen nehmen! — Ich bin hoch betrübt: und kann weder dies noch meine Gedanken einem Papier ganz mitgeben. Eine herrschende Religion taugt nicht, das ist unreligiös; dies war auch der faule Fleck, dies dje Politik in dieser Religion. — Ich bin alt, und das ganze Treiben müde. Es war niemals ganz gut; es wird noch ferner drunter und drüber gehen. Ich sehe aber alles — das Dasein — aus sehr großen wunderbaren Gesichtspunkten an. Die großen Fragen an und über Gott! — Ich werde mich schon ducken, und weinen, wenn ich muß, und hoffe doch immerfort! — Rahel. m — i ---1 i.... - -^ -1 -T? UMlEMllKSS llMLIMiW i pj FEUILLETON 9 Tg m —, i—i i -!i i—ii ÜB® Die Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) mache! wurde plötzlich freundlicher gegen den Maler -L inochke Holger ihr nun eine Schelmerei zugeflüstert haben oder war wv3 es eine Folge der Diplomatie ihrer Taute — und der Maler wurde von dieser erfreulichen Veränderung so bezaubert, daß er sie bei einem Zusammentreffen im Garten um die Erlanbniß bat, ihr Bild malen zu dürfen. Es würde ihn sehr glücklich machen, versicherte er. „Aber Sie sind ja gar kein Portraitmaler, Herr Thanibs! Die Bilder, welche ich bis jetzt von Ihnen ans der Ausstellung gesehen habe, stellen alle eine grüne Landschaft vor, mit einer rothen Kuh im Vordergrund. Diese rothe Kuh vergißt man nicht wieder..." „Ja, sehen Sie, ich hatte es mir so gedacht," stammelte er, „eine schöne Sommerlandschast, wie diese hier, mit blühenden Obstbäumen, und darin sollten Sie, wie jetzt, weiß gekleidet, im Vordergründe sitzen." „Ich sollte, mit anderen Worten, die rothe Kuh ersetzen," lächelte Rachel. „Ich bin Ihnen sehr verbunden." - Tante Rebekka näherte sich, und als sie den tragikomischen Ausdruck im Gesicht ihres Lieblings entdeckte, sagte sie gutmüthig drohend: „Habt Ihr Euch schon wieder gezankt? — Ihr seid doch wie ein Paar kleine Kinder. — Jetzt aber befehle ich, Eure Tante, daß Ihr Frieden schließt und Euch die Hände gebt! — Nun, wird's bald, Thambs?" Widerstrebend gehorchte er der Aufforderung: während Rachel ihm die Fingerspitzen reichte. Sie hatte ihn au seiner empfindlichsten Stelle, in seiner Künstlereitelkeit beleidigt. Er ahnte, was auch wirklich der Fall war, daß Rachel die Begabung wenig schätzte, welche dos Publikum und die Presse bei ihm anerkannte, und eine schmerzliche mit Aerger gemischte Bitterkeit durchzuckte seine Brust. Jetzt ertönten Hufichläge in der Allee. Baroneffe Dagmar kam in Begleitung eines Reitknechts in voller Karriere geritten. Sie hatte eine rothe Jockeymütze auf ihrenr kurzgeschnittenen schwarzen Haar und trug ein Paar große Handschuhe von gelbem Hirschleder. Sie ritt so schnell, daß der kleine Reitknecht ihr kaum zu folgen vermochte. Der Maler verließ Rachel und half der Baroneffe galant vom Pferde. Er hob sie in seinen starken Armen hoch empor, bevor er sie auf die Erde setzte. Sie stieß.einen kurzen, halblachenden Schrei aus und sah hübscher und weiblicher aus wie sonst. Der schnelle Ritt hatte ihre mageren Wangen mit einer lebhaften Röthe gefärbt und die ehrlichen dunkelgrauen Augen strahlten. „Aber lasten Sie mich doch los, Sie närrischer Mensch, Sie trete» ja auf mein Reitkleid!" — Sie reichte ihm lachend ihre beiden Hände, aber als er Miene machte, sie zu küffen, schlug sie ihn mit ihrer kleinen Reitpeitsche. „Sie werden doch mit jedem Jahr hübscher, Baroneffe! . . Ich muß Sie erst mal in Ruhe ansehen und bewundern. — Weg mit der Peitsche, sonst zerbreche ich sie." „Sie sind doch noch immer der alte Wildfang, Herr Thambs — gerade so ungezogen wie früher. — Es scheint, daß die Künstler H das Vorrecht haben, nicht so zu sein wie andere normale Menschen." Sie sah ihn lustig, mit beinahe zärtlichem Ausdruck an. „Nein, wie nett, daß Sie wieder hier sind. Wann sind Sie gekommen? Haben Sie Ihr Atelier schon wieder eingerichtet und bleiben Sie lange in Rosengaard?" „Vielleicht den ganzen Sommer." „Bravo! Dann geben Sie mir wieder Malunterricht wie im vorigen Sommer. Ich habe noch die kleine reizende Skizze, die Sie mir damals schenkten. Wir wollen auch oft zusammen reiten, nicht wahr? — Sie sind ja ein Bischen närrisch oder originell, aber deshalb gefallen Sie mir gerade so gut." Lachend und plaudernd gingen' sie in der langen schattigen Allee auf und nieder, während der Reitknecht die beiden Pferde hielt. Baroneffe Dagmar vergaß ganz, daß sie eigentlich der Familie von Brock einen Besuch machen wollte, und Anders war sichtlich angeregt durch ihre Gesellschaft. Zwei gleichgestimmte Seelen hatten sich gefunden. IX. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Die Kammerherrin und Fräulein von Pahlen saßen mit ihrer Handarbeit auf der Veranda. Erstere nähte eine neue rothseidene Schleife für Brillant, den alten Mops. Tante Rebekka saß aus ihrem Zimmer und schrieb Briefe nach Hause, und Anders war nach Svabelal, um den Eltern der Baroneffe Dagmar einen Besuch zu machen. Rachel und Holger gingen zusammen im Park am Ufer des kleinen Sees, der still, goldig und spiegelglatt in der untergehenden Sonne da lag und deutlich die grünen User und weißen Boote wiederspiegelte. Am jenseitigen Ufer stand eine Mühle, deren breite Flügel sich schwarz vom Horizont abzeichneten. Die Obstbäume standen in voller Blüthe, und die weiß- und rothgefärbten Kronen der Aepfel- und Kirschbäume stiegen wie ein kleines Meer von Hellen, schimmernden Blumenwogen zu dem blauen durchsichtigen Himmel empor, der im Westen von zartester rosenrother Schatlirung war. Die Luft hatte diesen besonderen nordischen Duft, der im Gegensatz zu demjenigen des Südens so leicht, rein und gesund ist, daß er erquickt, ohne zu berauschen. . . Dann und wann fiel ein verwelktes Blumenblatt von den Bäumen, wiegte sich eine Zeit lang kokett in der Luft und ließ sich dann auf die Häupter

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