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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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129? friedigung an dem geschaffenen Werke: „Und Gott sah, daß es gut sei"? Weil am zweiten Tage die Scheidung der Gewäffer vor sich s ging und Gott die Scheidung nicht ausdrücklich gut heiße» mochte, s Auf dem Blatte, auf welchem die Vereidigung der verdächtigten I t Frau geschrieben stand, wurde durch die „bitteren Wasser" auch der Name Gottes mitausgelöscht (4. B. Dt. Kap. 5 B. 23). In dem T Gesetz über die eheliche Scheidung <5. B. M. Kap. 24 V. 1—3) | wird der Name Gottes vermieden, während anderseits der Gottesj» name gebraucht wird zur Erweckung des Gewiffens, um Ungetreue zu ihrer Pflicht zurückzurufen, wie beispielsweise in der Erzählung von den Schicksalen des Joseph, der zur Frau des Potiphar spricht: „Wie sollte ich dieses große Unrecht thun und sündigen gegen Gott." In der anderen Hauptstelle (Kap. 2. V. 17) konnte der Verfasser das Gefallenfinden der Esther in den Augen des heidnischen Königs mit der Folge ihrer Erhebung zu seiner Gemahlin nicht direkt Gottes Wirkung zuschreiben, da er dann nach dem fünften Buche Moses Kap. 7 V. 3: „Du sollst dich nicht mit ihnen (den Heiden) verschwägern, deine Tochter gieb nicht seinem Sohne" — Gott mit sich selbst in Widerspllch gesetzt haben würde. Keineswegs durste er diese Verheirathung mit einem Heiden, selbst wenn diese eine gezwungene gewesen, als von Gott zu seinem Zwecke veranlaßt hinstellen, zumal da um die Zeit der Abfassung des im nationalreligiösen Geiste geschriebenen Buches der Esra'sche Ehepurismus von allem Heidnischen noch in voller Blüthe stand. Konnte nun der Gottesname an diesen Hauptstellen nicht genannt werden, so war dies an späteren Stellen, wie etwa am Beginn des 6. Kapitels, wo die Schlaflosigkeit des Königs als von Gott bewirkt hätte bezeichnet werden können, nicht gut möglich, da der Leser die Nennung Gottes als des Urhebers dieses Zustandes sofort auch auf die anfänglichen Zustände beziehen mußte. Aus diesen Gründen mußte der Verfasser die Nennung des Gottesnamens ganz und gar vermeiden. Das Buch Esther ist demnach weder „für Leser geschrieben, denen der Glaube an ein direktes Eingreifen der Gottheit abhanden gekommen", noch auch ein merkwürdiges „Denkmal unprophetischen Geistes, am allerwenigsten aber „von allem religiösen Geiste verlaffen", sondern im Gegentheil, weil es von echt religiösem Geiste erfüllt ist, hat es bei der eigenthümlichen Entwicklung der Begebenheiten gerade aus feinem, religiösem Takte den Gottesnamen vermieden, dabei zugleich auf die Einsicht der Leser vertrauend, aus welcher dieselben in den Begebenheiten dieses Buches die göttliche Leitung deutlich erkennen würde». Nahet und die Juden. für die Anschauungen, welche Rahel Varnhagen von den Juden hatte, dürften die beiden folgenden Briefe von hohem Interesse sein. Sie sind heute wieder fast aktuell, bleiben Uber für alle Zeit geschichtliche Dokumente von bedeutendem Werth. Der erste Brief ist von Varnhagen v. Ense an den edlen Moritz Veit gerichtet und lautet: Varnhagen an M. Veit. Verehrtester Herr und Freund! In einer Angelegenheit, die vielleicht unwichtig scheint, mir aber doch sehr am Herzen liegt, wend' ich nlich vertrauensvoll an Sie, wobei mir der Umstand, daß Sie bei der Sache, außer Ihrer wesentlichen Theilnahme, auch zufällig — als Verleger — betheiligt sind, noch besonders zu Hülfe kommt. Ich habe in diesen Tagen gelesen, was Hr. Riesser in seinen „Jüdischen Briefen" über Rahel sagt. Ueber seine Neigung oder Abneigung habe ich mit ihm nicht zu rechten, um so weniger, als auch da, wo ich mit ihm gar nicht übereinstimme, ich ihn noch immer als redlichen und billigdenkenden Mann gern anerkenne. Nur eine thatsächliche Beziehung möcht' ich aufklären und berichtigen, die vermeinte Gleichgültigkeit Rahel's gegen ihre Stamm- und Volksgenossen! Wenn in dem Buche Rahel in diesem Betreff nicht öftere und erregte Aeußerungen Vorkommen, so ist dieser Mangel ein rein zufälliger; er war mir nie aufgefallen, ich hörte wohl sogar den leisen Vorwurf, manches dahin zu Deutende würde besser weggeblieben sein Bei näherer Betrachtung find' ich nun allerdings, daß das Meiste, was ich in obigem Betreff noch hätte mittheilen mögen, allzu nahe in das Persönliche der Familie verflochten war, und deshalb aus Rücksichten wegblieb, die nicht meine waren, noch Rahel's hätten sein können. Viel Andres ist verloren gegangen, weil es an die nächsten Verwandten gerichtet war, und von diesen die meisten Briefe Rahel's nicht aufbewahrt worden sind; ich bedaure in diesem Betreff besonders eine Reihe von Briefen, die an M. Th. Robert gerichtet waren, über gewisse Reformen im jüdischen Gottesdienste, an denen er Theil nehmen wollte, und deren ganze Grundlage Rahel bestritt. — Statt alles dessen kann ich nun schlichthin nur meine Versicherung ertheilen, daß es keine Zeit gegeben hat, in welcher Rahel nicht mit vollem frischen Herzen den wärmsten, den heftigsten Antheil an dem Geschick und Zustande der Juden genommen hätte, keine Verhältnisse, in denen sie das Volk verläugnet, im Ganzen oder im Einzelnen nicht nach Kräften vertheidigt, Unheil und Druck nicht immerfort für dasselbe mitgefühlt hätte! Wie sehr dies Letztere auch dann noch Statt fand, als die eigenen Verhältnisse Rahel's und ihrer Angehörigen keinen äußeren Zusammenhang mehr mit dem Judenthum hatten, bezeugt ein Brief an ihren Bruder Ludwig Robert, der hierin mit ihr übereinstimmend fühlte und dachte. Diesen Brief, der mir gerade vor kurzem wieder vor Augen kam, und daher eben günstig im Gedächtnisse stand, als ich die Schrift des Hrn. Riesser las, bin ich so frei. Ihnen, Berehrtester, hier in Abschrift mitzutheilen, Ihrem Gutdünken überlassend, ob Sie das Blatt an Hrn. Riesser senden wollen, und seinem Ermessen anheimstellend, ob er davon, etwa zum Äehuf einer nachträglichen Anmerkung, irgendwie Gebrauch machen möge! Verzeihen Sie, Verehrtester, meine Belästigung, und bleiben Sie der innigen Hochachtung und Ergebenheit versichert, in der ich die Ehre habe zu verharren Ihr gehorsamster Berlin, den 26. Januar 1842. Varnhagen von Ense- Rahel an Ludwig Robert in Karlsruhe. Baden, Sonntag Mittag, den 29. August 1819. Ich bin gränzenlos traurig: und in einer Art, wie ich es noch gar nicht war. Wegen der Juden. Was soll diese Unzahl Vertriebener thun! Behalten wollen sie sie: aber zum Peinigen und Verachten, zum „Judenmauschel" schimpfen; zum kleinen dürftigen Schacher, zum Fußstoß und Treppenrunterwerfen. Die Gesinnung ist's, die verwerfliche, gemeine, vergiftete, durch und durch faule, die mich so tief kränkt, bis zum herzerkaltendsten Schreck. Ich kenne mein Land! Leider! Eine unselige Kassandra! Seit drei Jahren sag' ich; die Juden werden gestürmt werden; ich habe Zeugen. Dies ist der Deutschen Empörungsmuth. Und wie so? Weil sie das gesittetste, gutmüthigste, friedliebendste, Obrigkeit ehrendste Volk sind; was es zu fordern hätte, weiß es nicht: nur Unterrichtete unter diesem Volke möchten es ihm lehren: unter Liesen sind aber viele Ungebildete, mit rohen Herzen; in denen auch Raum für Neid ist, gegen eine große Zahl solcher — Juden, — die man, kraft Religionsauswüchsen, als untergeordnete Wesen hassen, verachten und verfolgen durste. Einige weise Fürsten Deutschlands, und lange Zeit, in der immer Jrrthümer untergehen, hatten dieser Ausrede ein Ende gemacht. Die gleißnerische Neu-Liebe zur christlichen Religion (Gott verzeihe mir meine Sünde!), zum Mittelalter, mit seiner Kunst, Dichtungen und Gräueln, hetzt das Volk zu dem einzigen Gräuel, zu dem es sich noch, an alte Erlaubnisse erinnert, aufhetzen läßt! Judensturm. — Die Insinuationen, die seit Jahren alle Zeitungen durchlaufen; die Professoren Fries und Rühs, und wie sie heißen; Arnim, Brentano, „Unser Verkehr", und noch höhere Personen mit Vorurtheilen. Es ist nicht Religionshaß: sie lieben ihre nichts wie wollten sie andere hassen! — Wozu die Worte, die ich ohne Ende hänfen kann! Es ist lauter Schlechtes; in That und Motiv, und nicht die Thal des Volks, dem man Hepschreien lehrte. Richtig! - Noch ist's in Berlin ruhig: dort wär's am meisten zu fürchten: dort

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