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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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|| : 127 schrieben: „Schämen Sie sich nicht, von einem Judenfeind gelobt zu werden?" Der Vorhalt war thöricht, denn von wem er gelobt oder getadelt wird, dafür kann der Schriftsteller nichts, und ich kannte damals Scherr nicht einmal aus Briefen, geschweige denn persönlich, hatte ihm nicht einmal mein Buch geschickt. Dennoch verdroß mich das, was Scherr seiner Kritik an allgemeinen Bemerkungen beigefügt hatte, und verdrossen mich die Briefe. Denn Scherr schloß seine Kritik, wie folgt: „Wie eng ist diese Judenwelt und wie so voll doch von Leidenschaft und Neid! Die Bestie im Menschen schaut uns hier aus der Umgitterung durch die starr-jüdische Satzung zuerst ganz fremdartig an, aber bei näherem Zusehen zeigt sie uns Züge, die wir an uns selber kennen, oder wenigstens, so wir ehrlich gegen uns selber wären, kennen sollten. Und auch das Beste, was im Mensche», weiß der Verfasser schlichtweg und unaufdringlich an seinen jüdischen Männern und Frauen nachzuweisen.... Sie sollten das Buch lesen, obzwar Sie, wie ich wohl weiß, ein Aber, ein nur allzu sehr begründetes starkes persönliches Aber gegen die Juden und alles Jüdische haben, sogar gegen gedichtetes. Nicht aus religiösen Motiven, versteht sich. Ich mcinestheils habe dagegen, wie Sie mir ja schon oft neckend vorwarfen, ein entschiedenes Faible für die Juden, weil ich lieber mit gescheidten, als mit dummen Menschen verkehre. Und die Juden sind die gescheidtesten. Biegsam und schmiegsam wie ihr Erzvater Abraham, der Urgründer, haben sie dienend herrschen gelernt. Erinnern Sie sich, als ein Freund, der mir in Wien lebt, uns vor zwei Jahren am Mittagstisch im Quellenhof zu Ragaz weissagte: „Binnen hundert Jahren ist der Stephansdom eine Synagoge?" Ich glaube, es wird dazu keiner hundert Jahre mehr brauchen. Die Juden sind von jeher Realpolitiker im Superlativ gewesen, die besten Finanzer und dabei von einer Rührigkeit, Nüchternheit und Zähigkeit ohne Gleichen. Und wie selbstlos und uneigennützig! Wahrhaftig, ganz wie die Christen! Alles nur zur Mehrung des Nationalreichthums! Der Nationalliberalismus, dieser Liberalismus für Geschäftsleute, dieser Patriotismus nicht nur ohne Risiko, sondern auch mit Ermöglichung und Verbürgung von Gründerspesen und Spielertantiemen, welche einen deutschen Michel — namentlich so er ein national-kautschuklicher Hannoveraner ist — im Handumdrehen aus einem armen Schlucker in einen Millionär verwandeln — ja, dieser Patriotismus und Liberalismus ist wie für die Juden und Judengenoffen gemacht. Sie würden ihn erfinden, wenn er nicht schon erfunden wäre. Er gehört zum Juden vom guten Ton wie die brillantene Hemdnadel und der Nasenzwicker. Ein untrügliches Merkmal ihrer Ueberlegenheit scheint mir zu sein, daß sie wissen, was Humor ist, daß sie Spaß verstehen und auch vor der Selbstpersiflage keineswegs zurückschrecken. Kurz, es sind praktische Leute, wie unsere Zeit, deren Stiftshütte die Börse, deren Bundeslade der diebs- und feuerfeste Geldschrank, deren Typus und Evangelium der Kurszettel ist, ste will und braucht. Ein unbefangener Beobachter, wie unsereiner, muß daher an den Vorschritten des Judenthums in deutschen Landen seine wahre Freude haben. In der That, die Kinder Israels haben es so herrlich weit gebracht im Reichsgeschäst, daß man mitunter nicht mehr so recht weiß, ob die Firma, welche den Reichsmarkt beherrscht, Bismarck und Kompagnie heiße oder aber Sem und Söhne. Ich sehe und sage die Zeit voraus, allwo ein deutscher Reichskanzler vom Stamme Jffaschar oder Manaffe, Levi oder Naphtali die Herren vom Reichstag statt mit westphälischem Schinken und bairischem Bier mit Sabbathskuchen und Schalet bewirthcn und sie mittels Argumenten aus dem Talmud und mittels Sprüchen aus der Hagada in ihrem löblichen Kompromiß-Eifer bestärken wird." Diese Sätze sind 1877 geschrieben, vor achtzehn Jahren. Ich glaube nicht, daß irgend ein Leser ausrufen wird: „Schon 1877, schon vor achtzehn Jahren?!" Denn selbst dem Oberflächlichsten kann der Unterschied zwischen dieser Aeußerung und solchen aus unseren Tagen nicht entgehen. Wer aber tiefer blickt, wird vollends erstaunt ausrufen: „Erst vor achtzehn Jahren?!" Denn der Unterschied zwischen diesem idealistischen Poltron und einem Antisemiten von heute ist ein so ungeheurer, daß man aus dieser einzigen Aeußerung und einem beliebigen Gegenbild aus der Gegenwart eine Charakteristik der Anschauungen von Einst lind Jetzt konstruiren könnte. Die Aehnlichkeiten sind äußerlich, der Gegensatz der tiefste. Unzweifelhaft gehörte Johannes Scherr zu den nicht eben zahlreichen Judenfeinden seiner Zeit, Bildungsepoche nnd Partei; er war ja ein Achtundvierziger, ein humanistisch gebildeter Mann, ein Demokrat. Noch mehr: auch wenn man von seiner Partei absieht, haben Wenige sich damals so scharf über Inden und jüdisches Wesen geäußert. Und mm sehe man sich diesen offenen Judenfeind näher an! Ich will nicht erst das Aeußerliche betonen, so charakteristisch es ist: da erscheint das Buch eines jungen unbekannten Schriftstellers, der sich gleich in der Einleitung als Jude bekennt und es als seinen Zweck bezeichnet, für seine östlichen Glaubensgenossen eine gerechtere Beurtheilung zu erringen, und dieser Judenfeind liest, lobt und empfiehlt das Buch. Das thäten heute die wenigsten Judenfreunde. Noch mehr: sowohl die „Bestie im Menschen", wie das Gute versteht dieser Judenfeind genau so, wie die Schilderung gemeint ist: rein menschlich; nichts steht Scherr ferner, als etwa aus dem Schlimmen, was dieser jüdische Schriftsteller dem jüdischen Volkscharakter nachsagen muß, Kapital zu schlagen: im Gegentheil, das sind ihm „Züge, die wir an uns selber kennen, oder wenigstens, so wir ehrlich gegen uns selber wären, kennen sollten". Also Gerechtigkeit und keine Spur von Raffen-Haß gegen die armen Juden. Aber die reichen! Der Demokrat haßt den „Liberalismus für Geschäftsleute", der Idealist die „Realpolitiker" und den Tanz ums goldene Kalb, und da ihm beides im jüdischen Stamme verkörpert erscheint, so haßt er die Juden. Aber dieser Haß hat nichts Persönliches; die Juden sind „uneigennützig, wie die Christen", nur aber die „Gescheidtesten", und so ergiebt er sich in ihren vermeintlichen „Sieg". Es läßt sich viel Triftiges gegen diese Auffassung sagen, und als ich Scherr schrieb und ihm für seine Besprechung dankte, sagte ich es auch so höflich, aber auch so entschieden als möglich. Vor Allem versicherte ich ihn, daß sich sein Traum vom schaletfreudigen und talmudkundigen Reichskanzler nie erfüllen werde; der Mann werde sich taufen lassen, nach ehe er in die Verwaltungs-Karriere eingetreten, wahrscheinlich schon auf der Universität, um Korpsstudent werden zu können. Ebenso werde er mit der Stephans-Synagoge ein schlechter Prophet bleiben, weil seinen Glauben auszubreiten und Proselyten zu machen keinem Juden beifalle. Auch das Kompliment von den „gescheidtesten Menschen" lehnte ich aus innerster Ueberzeugung ab, die Wahrheit sei nur, daß die Juden für gewisse Vcrstandes- Bethätigungen begabter seien, für jene, die sie kraft ihrer Schicksale seit nahezu zwei Jahrtausenden im Kampf ums Dasein geübt. Einem Stamme, deffen einzige Waffe durch diese Jahrtausende das Geld gewesen, sei Streben nach Reichthum nicht zu verargen, aber für unsere kapitalistische Zeit die Juden verantwortlich zu machen, gehe doch vernünftiger Weise nicht an. Und was den „National- Liberalismus" betrifft, so seien wenige Juden Mitglieder dieser Partei, i i £

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