Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Der Slovake schaute mich verwundert an, — daran hatte er noch nicht gedacht, daß auch er Jemanden schlagen könne! Und nun packt er den Juden am Kragen, wirft ihn zur Erde und haut auf ihn los. Er hätte ihn zu Tode geschlagen, wenn ich nicht gesagt hätte: „Genug!" „Die Slaven sind wunderliche Leute," schloß der Herr General. — „Ja, sehr wunderlich." Wie charakteristisch ist hier die Erfindung! Der Dichter — warum soll ich ihn nicht so nennen? es giebt ja auch schlechte Dichter — will den nicht eben neuen Gedanken zum Ausdruck bringen: „Es ist die Art des Slaven, das Aeußerste zu dulden, dann jedoch, einmal aufgestachelt, auch in der Abwehr bis zum Aeußersten zu gehen." Was soll er ihn nun als Aeußerstes erdulden lassen? Daß ihn ein Jude schlägt! Freilich, das kommt nie vor, und der lahme Jude, der den riesenhaften Bauer würgt, ist für Jedermann, der den Osten kennt, das Ungeheuerlichste an sinnloser Erfindung, was sich irgend erdenken ließe — aber was soll der Aermste thun, wenn ihm eben nichts Schmachvolleres einfällt, als von einem Juden geschlagen zu werden?! Man könnte über diesen mythischen lahmen Juden einen ganzen Essay schreiben, denn er hat in der Weltlitteratur Hunderte — was sag' ich — Tausende von Brüdern, die Alle auf dieselbe. Weise zum Leben gekommen sind. Aber wozu? Das weiß der Leser so gut wie ich. Die Andern jedoch — die wissen's freilich nicht. Ihnen ist und bleibt der General ein höchst vertrauenswürdiger Zeuge. * Unter jene Männer, die über Juden und Judenthum des Ostens genauesten Bescheid wissen, wird auch immer wieder Julius Eckardt gezählt, der Kulturschilderer der baltischen Provinzen. Wie sollte man ihn auch nicht dazu zählen?! Er ist im Osten aufgewachsen und hat Gelegenheit gehabt, die Juden genau kennen zu lernen; wo er auf jüdisches Leben zu sprechen kommt, gebietet er — in scharfem Gegensatz zu. den meisten christlichen Schriftstellern, die diesen Stoff behandeln — über eine Fülle von Einzelzügen, und dann, er ist ja stets so gewiffenhaft, er selbst sagt es immer wieder: er schreibt nur über Dinge, die er aufs Genaueste kennen gelernt, denn zu der scharfen Beobachtungsgabe ist ihm auch jener rastlose Fleiß beschieden, der allein vor Jrrthümern bewahrt. Ja, Julius Eckardt kennt die Juden des Ostens. Auch ich zweifle nicht daran. Eben darum bin ich ihm für die kurze Schilderung, die er in seinem Buche: „Die baltischen Provinzen Rußlands" auf Seite 95 von dem Leben einer kleinen Judenstadt in Polnisch- Livland entwirft, aufrichtig dankbar. Nur 24 Zeilen, aber wie viel habe ich daraus gelernt! Um auch Anderen die unverhoffte Belehrung, die mir geworden, zu vermitteln, setze ich einige Stellen hierher: „Fährt man (Freitag) Abends durch das Städtchen, so glänzt aus jedem Fenster, auch dem der ärmsten Hütte, das Licht des dreiarmigen silbernen Leuchters, um welchen ..." Aber halt! Ist nicht schon dies merkwürdig genug? Welches andere Bild haben wir von der Armuth in den kleinen russischjüdischen Städtchen! Freilich brennt da am Freitag Abend selbst in der ärmsten Hütte ein Licht, aber ein dünnes Talglicht im Thonleuchter, um welches die zwei oder drei Familien sitzen, die sich in die enge Hütte theilen, eng zusammengepfercht, enger, als die Polizei in irgend einem Arbeiterviertel einer Weltstadt dulden würde! . . . Und dies Bild ist kein ganz unrichtiges, von vielen dieser Nester trifft es zu; das muß ich sagen, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Freilich, an Julius Eckardt brauche ich deshalb doch nicht zu zweifeln, denn in Polnisch-Livland war ich nicht; da also ist es anders. Aber ich kann mich doch nicht daran freuen, denn dann waren ja jene Hunderte von Flüchtlingen aus jeyer Gegend, die wir in den letzten zwei Jahren nach Amerika geschickt haben, erbärmliche Heuchler. Wie haben sie uns vorgejammert: „Ueberall in Rußland ist's für den Juden fürchterlich, aber bei uns, im Witebsker Gouvernement, ist's doch am schlechtesten! Stets haben wir nur das trockene Brod gehabt, nun nicht einmal dies mehr!" Die Komödianten, wie sie weinten, und blaß geschminkt haben sie sich, daß man ihnen den Hunger glaubte! . . . Auch ihre kleinen, armseligen Bündelche» rührten uns, anscheinend waren nur etwas Wäsche und alte Fetzen drin, und in Wirklichkeit — die dreiarmigen, silbernen Leuchter! Und wozu die Komödie?! Habe» wir ihnen etwa so Gutes zu essen gegeben, wie sie's daheim gewohnt waren?! Man höre nur, was dieser genaue Kenner des östlichen Judenthums ferner erzählt: „. . . dreiarmigen silbernen Leuchters, um welchen die Familie sich versammelt hat, um das Weizenbrod und das Huhn zu verzehren, das die Hausfrau nach uraltem Brauch in Butter gesotten dem Hausvater vorsetzt." Welcher kulinarische Genuß, freilich auf Kosten der Speisegesetze! Huhn, in Butter gesotten! Und das ist nicht etwa eine neue Mode, sondern ein „uralter Brauch" in Polnisch-Livland. Wie merkwürdig! Und dann: anderwärts sind sie froh, wenn sie zum Freitag Abend rät Stückchen Fisch haben; freilich ißt auch um Dünaburg nur der Hausvater von diesem töstlicken Huhn. Denn nur ihm setzt es die Hausfrau vor; der nächste Satz lautet wörtlich: „Reinlich gekleidet umstehen Frau und Kinder den mit schwarzem, seidenglänzendem Rockelor geschmückten Hausherrn in ehrfurchtsvollem Schweigen." Sie essen also nicht mit, sondern seheit nur zu. Was Frau und Kinder esseti, sagt Julius Eckardt nicht. Wohl aber, was der Hausherr thut. nachdem er das Huhn verspeist: „Ist das festliche Mahl beendet, so schnallt sich der Hausherr die Tafeln mit den zehn Geboten an Stirn und Hände, wendet sein Antlitz nach Osten und spricht die Gebete." In Polnisch-Livland legt mait also am Freitag Abend die „Tefillin" an und spricht so den Segen. Aber auch eine andere höchst merkwürdige^Sitte giebt es dort, denn wieder der nächste Satz lautet: „Die Synagoge besucht der verheirathete Jude nie anders als im flatternden, orientalisch zugeschnittenen Sterbemantel." Anderwärts thut's bekanntlich der „schwarze seidenglänzende Rockelor" und der „Kittel" wird nur am Bersöhnungstag angelegt... Dies Alles erfahren wir aus 24 kurzen Zeilen. Ich bin überzeugt, wenn ein anderer, minder gewissenhafter, ntinder fleißiger Kulturschilderer einen ganzen Essay über die Inden in Polnisch-Livland schriebe, wir würden nicht so viel Neues daraus lernen. * Es ist sehr lehrreich, ab und zu in alten Zeitschriften zu lesen. Da lernt man so recht, wie aus Gegenwart Vergangenheit wird und gewinnt mühelos, ob man will, ob nicht, einen Einblick in das Wesen aller Geschichte. Da liegt ein vergilbtes Heft vor mir: „Monatshefte für Dichtkunst und Kritik", die Oskar Blumenthal redigirt hat; die litterarische Kritik besorgte Johannes Scherr in Form von Briefen an eine Freundin. Das Heft, das ich besitze, enthält eine Kritik meiner „Juden von Barnow", und ich habe es mir schon deshalb aufbewahrt, weil es mir ebenso viel Freude als Verdruß gemacht hat. Die Freude kam mir von Scherr allein, denn seine Kritik war die erste warme Anerkennung, die meinem Jugendbuch wurde, und der Verdruß theils von ihm, theils von einigen Lesern, die mir