Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS 1 ji ist, wird dies nicht leugnen können. Einen Juden aber, der das Gegentheil behauptete und das Hindrängen seiner Glaubensgenosten zur Justiz als einen Uebelstand sür dieselbe ausgeben sollte, könnte man wohl kaum als einsichtig bezeichnen. Was dagegen den ersten Grund anbetrifft, den der Verfasser für die Neigung der Juden, in die „Justizkarriere" einzutreten, herausgefunden, so ist derselbe allerdings vollkommen zutreffend, wie er | denn auch schon von anderen betheiligten und unbetheiligten Beob'- f achtern längst entdeckt und öffentlich ausgesprochen worden ist. Es gehörte allerdings kein allzugroßer Scharfsinn zu dieser Entdeckung. Die Thatsache und ihre Wirkungen liegen vor Aller Augen. Es bedarf darum auch keines großen Aufwandes von Logik, um das rechte Mittel zu finden, durch welches die beklagte Ueberfüllung der preußischen Justiz mit jüdischen Elementen abgewendet werden kann. Man öffne den Juden die ihnen gegen Gesetz und Verfassung versperrten Schleusen, und man wird bald gewahr werden, daß der künstlich in ein enges Bett eingezwängte Strom nach allen Seiten hin abgelenkt und vertheilt wird! Warum scheut sich der Verf., auf dieses naheliegende, sich fast von selbst aufdrängende Ausknnftsmittel hinzuweisen, wenn er den übermäßigen Hindrang der Juden zur Justiz als einen Uebelstand empfindet? Statt besten schlägt er vor, das enge Bett noch mehr einzuengen! Das ist mindestens unlogisch und unpraktisch. Aber auch ungerecht! Denn wie werden die Vorschläge des Verfaffers motivirt? Mit denselben fadenscheinigen Argumenten, die in antisemitischen Versammlungen bis zum Ueberdruß abgedroschen sind, hier uud da mit etwas buntem Flitter aufgeputzt! „Nur wer dem Volke, in dem er Richter sein soll, völlig angehört, kann das Recht dieses Volkes ganz verstehen imb anwenden." Aber wo besteht denn dieses nrgermanische Volksrecht, Herr Landrichter? Wiffen Sie nicht, daß das in Deutschland geltende Civilrecht, abgesehen von wenigen Bestandtheilen, rezipirtes römisches Recht ist? Und das sollen die Juden nicht so gut verstehen und anwenden J können wie die Christen? Was hatten denn die klassischen römischen s Juristen, die großen Meister und feinen Meißler des Civilrechts, auf deren Gedankenarbeit noch heute das geltende Privatrecht in Deutschland zumeist beruht, mit dem Christenthum zu schaffen? Aber selbst das eigentlich germanische Recht ist vom Christenthum wenig oder gar nicht beeinflußt. Das sollten Juden nicht begreifen lernen, nicht anwenden können? Dafür sollte es ihnen an Sinn und Verständniß fehlen? Das erinnert wieder an Atta Troll: „Denn den Sinn für Stil, für strenge Plastik der Bewegung fehlt Jener Raffe, fie verdürben Den Geschmack des Publikums." | Aber, sagt der Verfaffer, die Juden sind in gewissem Maße | noch ein fremdes Element unter den Deutschen, denn ihre religiösen I und ethischen Anschauungen haben andere Wurzeln, ihre besonderen i Festtage, ihre eigenen Speisegesetze, ihre speziellen geistigen urtb körperlichen Eigenschaften und ihr internationaler Zusammenhang als Glaubensgenoffen trennen sie von dem innersten germanischen Volksgeist dermaßen, daß ein vollständiges gegenseitiges Ergründen und Begreifen der innersten Tiefen und Empfindungen für Christen und Juden nur selten möglich erscheint! Bei dieser ganzen Phraseologie ist zunächst nicht zu erkennen, worauf denn der Verfaffer das Gewicht des Gegensatzes legt, auf die Abstammung oder auf den f Glauben, denn er spricht bald von jener, bald von diesem. Legt er '• aber auf beides dasselbe Gewicht, wie cs den Anschein hat, so muß er auch in dem Christen jüdischer Abstammung den gleichen Gegensatz gelten lasten und in gewiflem Maße auch dann, wenn es sich um einen Christen gemischter Abstammung handelt. Ob er diese, von den reinen Antisemiten freilich längst gezogenen Konsequenzen billigt, darüber läßt er den Leser im Unklaren. Doch mag dies dahin gestellt sein. Die ganze Begründung wimmelt von Jrrthümern uud Fehlschlüssen. Die Juden in Deutschland sind Deutsche, Kinder desselben Vaterlandes, wie die Germanen, nicht blos nach dem Gesetz, sondern auch nach ihrer Gesinnung. Die Assimilationsfähigkeit der Juden ist größer als die irgend eines anderen Volksstammes. In allen Ländern, wo sie nach ihrer Exilirung festen Fuß gefaßt, haben sie sich mit den Jntereffen ihres neuen Vaterlandes identifizirt. So in Spanien (bis zu ihrer Vertreibung), in Frankreich, in den Niederlanden. wohin man auch blicken mag, und nicht zum wenigsten in Deutschland, wo sie schon in den Freiheitskriegen ihr Grit und Blut für das deutsche Vaterland geopfert haben, wie später auf den Schlachtfeldern von Schleswig-Holstein, Böhmen lind Frankreich. Und seit nahezu einem Jahrhundert haben die deutschen Juden, Anfangs noch unter dem größten Drucke lebend, sich hervorragend an der deutschen Kulturarbeit betheiligt, auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst, der Heilkunde, der Technik, des Handels und der Industrie. Namen zu nennen ist überflüssig, denn wer sie nicht kennt, hat von der deutschen Kulturentwickelung keine Ahnung. (Schluß folgt.) Fesefrüchte. Mitgetheilt von Karl Emil Franzos. us dem, was ich lesen muß — es ist mehr, als mir lieb ist — pflege ich mir zu notiren, was mir bemerkenswerth erscheint. Diesen Notizen entnehme ich hier Einiges, was Juden und Judenthum betrifft, bezeichnend ist und sonst wohl unbeachtet bliebe. Ausgeschloffen ist Alles, was eine ganz bestimmte Tendenz für oder gegen die Juden hat oder wovon ich annehmen kann, daß es ohnehin viel bemerkt worden ist. Also Entlegenes, Zufälliges, gleichsam in Haß oder Liebe Unbewußtes, — und darum meines Erachtens Charakteristisches. * Fran Mazuranic ist ein bekannter kroatischer Dichter. Nach seinen deutsch erschienenen „Schattenbildern" (Berliii, Cronbach) zu schließen, sind die Kroaten in ihren Ansprüchen an ihre Dichter ein bescheidenes Volk. Nachahmungen von Turgenjew's Gedichten in Prosa, nur politisch zugespitzt, das Talent dünn, wie ein Geheimrathsthee in der Derfflinger'ftraße. Das Beste daran ist noch ein gewiffer Wirklichkeitssinn. Aber da findet sich auch das folgende Bildchen, „Der Slovake" überschrieben: „Folgendes hat uns der Herr General bei Tisch erzählt: „Ich war in Ober-Ungarn in Garnison. Oesters — wenn ich über die Brücke ritt — sah ich, wie die Bauern allerlei zum Verkauf in die Stadt trugen, und wie ihnen ein lahmer Jude (er nahm das Mautgeld ein) die Sachen zum halben Preise abnimmt. Mancher sträubt sich und giebt nichts. Aber der Jude läßt nicht nach, bis er es hergiebt. Einmal sah ich, wie dieser Schwächling einen riesenhaften Bauern würgte und ihm die Sachen — gleichsam mit Gewalt — wegnahm. Der Bauer giebt nichts her. Bei Gott, der. Jude schlägt ihn sogar! — Aber Mann Gottes, sagte ich zu dem Bauern, — schämst dn dich denn nicht, daß dich der Jude schlägt, du bist doch stärker als er?!