Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228052--50665-3273485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

123 - — mit der Ueberschwemmung mit russischem Roggen verglich; das hängt ganz von Angebot und Nachfrage ab. Der lästige Staub dringt ohne Nachfrage durch alle Löcher. Der Jude macht sich ganze Dorfschasten dienstbar. Darauf wird man bei anderer Gelegenheit zurückkommen. Ich möchte die Regierung bitten, uns besser gegen die Juden zu schützen und sich dabei zu stützen auf das feste Fundament des Staates, auf die landwirlhschaftliche Bevölkerung. Abg. v. Hammerstein (dk.) verweist auf den Fall eines jüdischen Kultusbeamten, dem in. Preußen die Naturalisation nicht ertheilt wurde, der aber als in Elsaß-Lothringen naturalisirt nach Preußen zurückkehrte. Solche Dinge müssen bedenklich machen, dem Artikel 1 zuzustimmen. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Bachem (Ctr.): Im Namen meiner ganzen Partei muß ich gegen die Ausführungen des Abg. Liebermann v. Sonnenberg, die der Würde des Hauses nicht entsprechen, Verwahrung einlegen. (Lärm rechts). Wir bedauern es im höchsten Maße, daß in einem solchen Geiste hier gesprochen werden darf, der in hohem Maße mit den Grundsätzen der christlichen Liebe in Widerspruch steht. (Oho! rechts; Zustimmung im Centrum und links.) Abg. Richter: Ich kann mich dieser Aeußerung nur anschließen. Herr v Liebermann kennt allerdings nur eine Melodie; über etwas Anderes versteht er überhaupt nicht zu sprechen. (Heiterkeit.) Ich habe das Wort nur ergriffen, um im Namen des Abg. Lenzmann, der am Erscheinen verhindert ist, zu erklären, daß über seine Aeußerungen zum Artikel 1 in der Kommission Berichte in die Presse gerathen sind, auch in liberale Blätter, die den Thatsachen nicht entsprechen; solche Aeußerungen sind nicht von ihm, sondern von konservativer Seite in Bezug auf die russischen Juden gethan worden. Abg. Schall (kons., mit Unruhe links empfangen): Ich habe die allerschwersten Bedenken gegen § 1 des Vertrages, weil dadurch das jüdische Element verstärkt wird. Das jüdische Element ist es, das unsere Presse beherrscht und unser Christenthum verwüstet. (Lachen links.) Wir sind es gewohnt, daß dieses in der Mehrzahl begriffene jüdische Element sich in unsere christlichen Einrichtungen mischt. (Lärm links.) Präsident v. Levetzow: Ich erinnere an den Handelsvertrag. Abg. Schall (fortfahrend): Die Juden überwiegen oft auf dem Gebiet der Rechtsprechung (Andauernder Lärm links. Zurufe: Artikel N) Dagegen sehen wir, wie in Rußland unsere christlichen Stammesgenossen verfolgt werden. Ich bedaure, daß es nicht möglich gewesen ist, unseren Glaubensgenossen in Rußland die Freiheit des Bekenntnisses zu verschaffen. Deshalb habe ich die schwersten Bedenken gegen den Vertrag aus christlichem Herzen, ebenso wie aus agrarisch - landwirthschaftlichem Herzen. (Beifall rechts, Lachen links.) Abg. Freiherr v Heereman (Ctr.): Auch ich bin kein Freund der Ueberwucherung. aber ich bin auch kein Antisemit, und die Art und Weise, wie hier die Juden angegriffen werden, muß ich entschieden verurtheilen. (Beifall im Centrum und links.) Deshalb thue ich nicht mit und bedaure auf das Lebhafteste, daß in solcher Weise, wie es hier geschehen ist, Angriffe gegen eine einzelne Glaubensgenossenschaft vorgebracht werden. (Beifall im Centrum und links.) Bei der Abstimmung haben sümmtliche Antisemiten geschlossen gegen den 8 1 gestimmt. Die loyalen Erklärungen der Centrumsführer Bachem und v. Heereman werden sicher überall warme Anerkennung finden. ❖ Auch selbst im preußischen Herrenhause haben die Antisemiten keine gute Woche gehabt. Auf der Tagesordnung der letzten Sitzung stand wieder eine Petition, welche die staatliche Prüfung der jüdischen Geheimgesetze beantragt. Die Petition war von einem Buchhändler Gocksch und Genossen in Liegnitz eingegangen; die Kommission hatte die Petition für nicht geeignet im Plenum erachtet und beantragte auf Grund des 830 der Geschäftsordnung, dieselbe ohne Diskussion für erledigt zu erklären. Das ist denn auch geschehen unti kein Mitglied des Herrenhauses hat von dem ihm zustehenden Rechte Gebrauch gemacht, die nochmalige Verweisung au die Petitionskommission zu beantragen. Damit ist diese Petition begraben. Das Herrenhaus hat aber einen Rückzug angetreten, der nicht verfehlen wird, Aufsehen zu erregen. Dieselbe Petition hat bereits in der vorigen Session das Herrenhaus beschäftigt und erfuhr damals eine andere Behandlung. Die von verschiedenen Seiten eingegangenen Petitionen wurden damals „der Staatsregierung zur Prüfung und Berücksichtigung überwiesen " Auf diesen Beschluß ist dem Herrenhause von der Staatsregierung der Bescheid zugegangen, daß dieselbe nichts veranlaßt habe, weil der Beschluß nach der Auffassung der Staatsregierung undurchführbar erscheine. Damit haben sich die hohen Herren zufrieden gegeben und jetzt scheinen sie geneigt, alle Querulanten mit der Fabel von den „jüdischen Geheimgesetzen" einfach abzuweisen. * Aus Wien kommt die traurige Kunde von dem Hinscheiden Ludwig August Frankl's, des Nestors unserer Poeten. Frankl hat ein hohes Alter erreicht, aber bis in feine letzten Tage sich die geistige Frische und die rege Theilnahme an allen jüdischen Angelegenheiten bewahrt. Oesterreich verliert in ihm einen seiner besten Schriftsteller, das Judenthum aber einen Dichter, der sein ganzes Lebenlang dasselbe in der Poesie zu verherrlichen bestrebt war. Wir kommen auf dieses thaten- und liederreiche Leben des theuren Mannes, der auch unserem Blatte ein treuer Freund war, ausführlich zurück. Ehre seinem Angedenken! Gesetz oder Willkür? Bon Justizrath M. Levp. „Ja sogar die Juden sollen Volles Bürgerrecht genießen, Und gesetzlich gleichgestellt sein Allen anderen Sängethieren. Nur das Tanzen aus den Märkten Sei den Juden nicht gestattet, Dies Amendement, ich mach' es Im Interesse meiner Kunst." ijj Atta Troll. hätte die ewig denkwürdigen Worte des genialen Tanz- .baren vergessen, mit denen Heinrich Heine vor länger als j 0 fünfzig Jahren Kern und Wesen der Geistesrichtung gekennzeichnet hat, welche in Deutschland leider schon lange heimisch ist, aber erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter der geschmackvollen Firma „Antisemitismus" weitere Verbreitung gefunden hat? Und wer die Worte vergeffen hätte, würde sich ihrer leicht erinnern, wenn er die neuesten Herzensergießungen eines preußischen Landrichters in den „Preußischen Jahrbüchern" über die' Juden im preußischen Justizdienste liest/) Mit einer beweglichen Klage über das „übermäßige Hindrängen der Juden zur preußischen Justizkarriere" wird hier nicht mehr und nicht weniger verlangt, als daß Juden in Zukunft — etwa unter Einhaltung einer gewissen Uebergangszeit — nur im Verhältniß des Prozentsatzes ihrer Bevölkerung zu der Gesammtbevölkerung des preußischen Staates zum Justizdienst zugelassen, mit anderen Worten, nicht nur vom Richteramte und der Staatsanwaltschaft, sondern auch von dem Referendariat, der ersten Stufe des Justizdienstes, mithin auch von der Advokatur und dem Notariat insoweit ausi) „Der preußische Juristenstand". Von Carl Kade. Landrichter. „Preuß. Jahrbücher", Februarheft 1894, S. 242. Wir entnehmen diesen bedeutenden, antisemitische Prätenstonen mit schwerwiegenden sachlichen Argumenten zurückweifenden Aufsatz des verehrten Autors, der in der juristischen Welt verdientes Ansehen genießt, der „Nation". Die Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.