Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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^.■.: . ■ .‘; ~T. - 122 -! großen Güter und Majorate, in deren Bann diese Städte liegen, eine Spur Flitter und Glanz der inneren Armseligkeit aufgeklebt. An unserer Grenze giebt es Nester, von deren Erbärmlichkeit und Armuth sich der verwöhnte Westeuropäer kaum eine Vorstellung machen kann. Die Kultur, und zwar die deutsche Kultur, wird hier durch die Juden, welche die hervorragendsten Vertreter des Großhandels sind, repräsentirt. Die religiöse Norm, welche bei ihnen unter den ungünstigsten Verhältnissen den Verfall der Sitten, Aufgehen in der allgemeinen Entartung verhindert hat, war das Judenthum. Ohne seine unverwüstliche Kraft, die bereits Jahrtausende überwunden, altastatischen Despotismus und die moderne Barbarei Halbasiens gleicherweise überdauert, wären Widerstandsfähigkeit und Reproduktionskraft unter dieser im Elend lebenden Grenzbevölkerung längst dahin. Selbst ihre Gegner, wie F. v. Löher in „Rußlands Werden und Wollen", sagen von der unglaublichen Rührigkeit dieser Leute: „Ohne sie würde ein ansehnlicher Theil der Waaren, insbesondere der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, nickt halb so beweglich werden." Es ist wahr, und dieser Punkt dürfte auch dem Urheber des geflügelten Wortes „Landplage" vorgeschwebt haben, diese Menschen sind mit dem Kainszeichen eines despotischen Unterdrückungsspstems mitunter behaftet, allein sie streifen unter der Sonne der Kultur überraschend schnell auch die Merkmale alten Druckes ab. Gar Mancher, dessen Wiege noch in der Finsterniß eines halbasiatischen Ghettos stand, hat der Partei des Abgeordneten L, weil sie die Bahn des Lichtes und der Aufklärung beschreitet, mit allen Kräften in dem Lande seiner neuen Heimath unterstützt. Der freisinnige Abgeordnete Professor Möller - Königsberg hat in einer Artikelserie „Polnische Juden" in einem älteren Jahrgang der „Nation" sich energisch gegen die Ausweisungen ausgesprochen. Seitdem diese Maßregeln in bekannter Strenge, durchgeführt wurden, — die deutschen Landwirthe im Osten verlangten gar bald wieder nach ihren polnischen Landarbeitern — ist der Prozentsatz des russischen Elementes im deutschen Osten ein so geringer, daß die Gegner in Wahrheit gegen ein Phantom ankämpsen. Wer aber trotz aller jetzt entgegenstehenden Schwierigkeiten in Ostpreußen, Posen und Schlesien heute als Russe noch naturalisirt wird, der darf energisch gegen die „Landplage" protestiren. Moses Mendelssohn hob seine Glaubensgenossen bis tief nach Rußland hinein auf ein Niveau, das nicht nur eine geistige, sondern auch eine wirthschaftliche Annäherung an das Deutschthum in hohem Grade ermöglichte. Unsere deutsche Grenze hat in der That an den hier angeregten Fragen ein zu hervorragendes kulturelles und ökonomisches Interesse, als daß wir sie ganz umgehen können. Der Getreideimport, wie er jetzt nach Annahme des deutsch-russischen Handelsvertrages durch den deutschen Reichstag wieder in Wirksamkeit treten wird, bedient sich fast ausschließlich jüdischer Zwischenhändler, unter denen sich Firmen von Weltruf befinden. Durch den Grenzhandel mit landwirthschaftlichen Maschinen, Jndustriewerkzeugen, Kurzwaaren, kurz, allen jenen Produkten der deutschen Industrie, für die der Handelsvertrag mit Rußland geschlossen worden ist und wie er zum großen Theile durch Juden als Agenten vermittelt worden ist, ist ein großer Theil alter Firmen der Grenzstädte reich geworden. Wie immer, ist der „Jude" auch in der letzten Berathung über den Handelsvertrag der Prügelknabe für die Gegner des Vertrages gewesen. Sie alle kennen die Bedeutung dieser Vermittler, ohne die das russische Absatzgebiet wenigstens für den deutschen Osten ein verlorener Posten wäre. Man gehe an einem Sommerabend am Ufer der Weichsel oder des Niemen entlang an einer Stelle, wo die Wittinnen und Boydaks mit ihren ungeheuren Getreidelasten den Fluß herabkommen oder die Flöße aus den Wäldern Volyniens heranschwimmen, geleitet von dem deutsch sprechenden Juden, der als Schaffner die Ladung beaufsichtigt, und man wird es begreifen, warum in unseren Grenzstädten und gerade an den großen Plätzen unsere als Unternehmer auf diesem Gebiet wirkenden Glaubensgenossen zu den angesehensten Bürgern zählen, wird es aber andererseits auch begreifen, warum die agrarische Presse den Kampf um den Handelsvertrag als einen Kampf auf Tod und Leben mit dem „Judenthum" bezeichnet hat. Nie Woche. Berlin, 14. März. in mißglückter Versuch war es, am Sonnabend bei der Beratung des deutsch-russischen Handelsvertrages im Reichstage eine antisemitische Debatte im großen Stil zu provoziren. Das Geplänkel begann schon bei Artikel 1. Wir geben hier blos einen Auszug aus den Verhandlungen, da wir das Sachliche im Leitartikel besprochen haben. Abg. Hasse (nl.). Besonders müßte aufgeklärt werden, was unter „Polizei" im zweiten Absatz zu verstehen ist und ob die Regierung durch diesen Artikel unsere autonome Gesetzgebung gebunden hat, so daß sie gegenüber den Anträgen, welche dem Reichstage vorliegen, wonach die Einwanderung russischer Juden verboten werden soll, erklären könnte, wir sind durch den Vertrag gebunden, solche Einwanderung zu dulden. Staatssekretär v. Mars chall: Die deutsche Regierung hat durch diesen Vertrag freie Hand, russische Individuen vom Eintritt auf deutschen Boden abzuhalten bezw. sie wieder abzuschieben, auszuweisen. Es würde also aus diesem Grunde auch nichts im Wege stehen, ein Gesetz nach dem Vorschläge des Abg. v. Hammerstein zu erlassen, vorausgesetzt, daß diese Beschränkung eine generelle und nicht blos russische Juden betrifft. Bisher hat sich die russische Regierung prinzipiell geweigert, die jüdischen Auswanderer von Deutschland zurückzunehmen. Von jetzt ab sind die russischen Grenzbehörden verpflichtet, die von uns abgeschobenen jüdischen Auswanderer zu übernehmen, wenn jene Auswanderer sich nicht länger als einen Monat in Deutschland aufgehalten haben. Ist jene Frist verstrichen, so sind allerdings etwas umständlichere Formalitäten nothwendig. Abg. Lotze (Antisemit): Der Handelsvertrag wird nicht dazu dienen, den Frieden im eigenen Lande zu fördern. Das zeigt sich gleich bei dem Artikel 1. Rußland ist bemüht, seine Unterthanen jüdischer Abkunft abzustoßen; es liegt die Gefahr nahe, daß die Juden bei uns Unterkunft finden. Wir können die Zurücknahme derselben von Rußland verlangen, wenn sie noch nicht länger als vier Wochen bei uns gewesen sind. Aber das wird meist der Fall sein. Wir werden die Juden behalten und der Antisemitismus wird wachsen und schließlich die Sozialdemokratie, aber nicht weil der Antisemitismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist, sondern weil das Judenthum und seine Gebahrung zur Sozialdemokratie führt. Der Bund der Landwirthe ist ja seit seiner letzten Versammlung im Feenpalast etwas antisemitisch angehaucht. Deshalb muß der erste Artikel des Vertrages und der ganze Vertrag abgelehnt werden von Jedem, der einigermaßen noch deutsches Blut in den Adern hat. (Heiterkeit links. Zustimmung rechts.) Abg. Rickert: In Bezug auf die antisemitische Agitation sind Thatsachen noch nicht vorgebracht, deshalb gehe ich nicht darauf ein, um so mehr, als wir die in der Kommission geübte Enthaltsamkeit im Reden auch hier fortsetzen werden, um den Vertrag so schnell als möglich fertig zu stellen. Die nationale Gefahr der Einwanderung russischer Juden ist nicht vorhanden; die Machtmittel zu ihrer Abwehr stnd auf Grund des Vertrages größer als bisher. Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antisemit) betritt mit einer Menge von Aktenstücken die Tribüne und wird mit Lachen empfangen: Von den beiden amtirenden Präsidenten zur Sache gerufen, kommt er endlich zu seinem eigentlichen Thema: Der Handelsvertrag, und damit komme ich gewiß zum Artikel 1 (Heiterkeit), bedeutet eine Importprämie für die Einwanderung russischer Juden; wir haben ihnen das Niederlassungsrecht durch andere Verträge gewährt, und wir werden sie behalten müssen, und darüber wird unser Vaterland zu Grunde gehen. Die russischen Juden werden jetzt als russische Unterthanen erscheinen; sie werden vom Militärdienst befreit sein, sie werden in Ostpreußen sich niederlassen und von dort aus nachher den Westen überschwemmen. Wenn sie länger als vier Wochen bei uns gewesen sind, werden die Russen sie nicht zurücknehmen, und wenn wir sie über die Grenze treiben, werden die Russen schießen; wir schießen nicht, das ist ja selbstverständlich. Aber dre Juden bleiben. In der Kommission ist man darüber einig gewesen, daß ein solcher Judenimport nicht gut ist. Es muß zurückgewiesen werden, daß der Herr Ministerialdirektor diese Sache mit einem Witz zu erledigen suchte, indem er die Ueberschwemmung mit russischen Juden .