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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-09 · Heft 10 (9.3.1894) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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120 des europäischen Geisteslebens, zu einer Glaubenspflicht machte. — Den Beweis für diese etwas weit hergeholten Hypothesen bleibt Lombroso schuldig. Die beiden Hypothesen sind' aber auch nicht gut. Sie erklären z. B. nicht, warum es keinen Antisemitismus in England und Italien giebt Ist bei den Engländern das Lustgefühl, welches aus der Hecheschaft über andere Menschen entspringt, weniger stärk als bei den Deutschen? Hat sich in Italien der von den Römern, ererbte Haß gegen die Juden weniger lebhaft erhalten als bei den Russen oder Rumänen? Lauter Fragen, auf welche Lombrosos Hypothesen keine Antwort geben. Unter den Ursachen zweiter Ordnung, welche das EwporwuchNM des Antisemitismus begünstigt haben, nennt Lombroso auch die wirthschaftliche Tendenz des Protektionismus, welche sich etwa seit dem Jahre 1680 in Europa und Amerika bemerkbar mache. „Jede Epoche, sogar jede geschichtliche Periode hat in Europa ein gewisses politisches Schlagwort. Im Jahre 1789' waren es die Menschenrechte, 1815 die Legitimität, 1859 das Nationalitätsprinzip, seit 1880 überwiegt die Tendenz des Protektionismus. Die verschiedenen Völker schließen sich von einander ab und suchen ihren Vortheil im Schaden der anderen. Daher überall die Errichtung neuer Zollschranken, der Haß der Franzosen gegen die Italiener, der Russen gegen die Deutschen, der Iankees gegen alle. Angesichts dieser Zeitströmung ist es nur natürlich, daß die Rassenunterschiede zwischen Den Juden und den anderen Nationen im sogenannten nationalen Sinne ausgebeutet wurden. Man betrachtete die Juden mit derselben Mißgunst, wie man die Deutschen in Rußland betrachtet oder die Engländer in den portugiesischen Kolonien. Und, wie das bei moralischen Epidemien stets geschieht, die Irrsinnigen und noch mehr die Halbirrsinnigen gossen erst eigentlich Oel ins Feuer. Sie sind die wirksamsten Agitatoren, weil sie die seltsame, glühende, natürliche Beredtsamkeit besitzen, welche den tiefsten Eindruck auf das Volk macht und weil sie der Rücksichtnahme auf das Ehrgefühl oder das Herkömmliche, welche den normalen Gehirnen eigen ist, völlig ermangeln. Sie verschaffen sich daher auch durch ihre anormale Handlungsweise Beachtung. Ahlwardt wie Mores sind augenscheinlich Irre oder Halbirre, welche an Stelle der Logik und der Thatsachen die Energie der Narrheit und den Fanatismus setzen und darum auf die Massen eine mächtige Wirkung ausüben. Tenn die Massen urtheilen nichr, sondern fühlen und lassen sich von Menschen mit starken Leidenschaften und stärkerem Fanatismus mit fortreiben." An diese Charakteristik der antisemitischen Agitatoren schließt Lombroso eine seltsame Mittheilung an, die ihm von einem rumänischen Arzte geworden ist, und nach welcher die Geisteskrankheit der antisemitischen Führer auf die Wirkung eines gewissen Giftes zurückzuführen sei, über das Erörterungen an dieser Stelle unmöglich sind. Für den werthvollsten Theil der Schrift Lombroso's wird man wohl die wissenschaftliche Erörterung über die eigentliche Raffenzugehörigkeit der heutigen Juden betrachten dürfen. Lombroso kommt zu dem Schluffe, baß die heutigen Juden in weit höherem Grade ein arisches als ein semitisches Volk sind. Aus den Schädelmessungen erhelle, daß nur etwa 5 Prozent der heutigen Juden reine Semiten seien. Schon im Alterthum seien die Juden sehr stark mit einem blonden nordischen Volke, den Amoriten des alten Testamentes oder Tamehn der Aegypter vermischt gewesen. Dazu sei, ebenfalls im frühesten Alterthum, eine starke Beimischung armenischen Blutes getreten, wie denn der Typus der heutigen Juden kein semitischer, sondern ein armenischer sei. Insbesondere ist die sogenannte jüdische Nase durchaus unsemitisch und vielmehr ein Kennzeichen der armenischen Rasse „Dieser breite arische Untergrund der Juden erklärt es, wie sie unter günstigen Umständen so rasch die arischen Sitten annehmen, die arische Intelligenz sich aneignen, ja in einzelnen Fällen sie sogar übertreffen konnten, und wie sie, trotz ihres besonderen Typus, der ganz naturgemäß aus den Ehen zwischen Verschwägerten und aus dem eingepferchten, gleichförmigen Leben entstehen mußte, der arischen Bevölkerung unter der sie lebten, so vollständig ähnlich geworden sind." Am Schluffe seiner Schrift verbreitet sich Lombroso ausführlich über die Bekämpfung des Antisemitismus. Aber auch hier wieder, wo er den festen Boden seiner Spezialwissenschaft verläßt, kann man ein.gut Theil s, er Ausführungen nur mit Kopfschütteln lesen. Nach ihm . würde d.r deutsche Antisemitismus viel von seiner Schärfe verlieren, wenn in Deutschland die vollste politische Gleichheit zwischen Juden und Nichtjuden hergestellt würde. In diesem Zusammenhänge behauptet er auch irrthümlich, daß in Deutschland „kein Jude ordentlicher Universitätsprofessor werden könne". Das völlige Verschwinden des Antisemitismus erwartet Lombroso aber nur von der Gründung einer neuen Religion. ... * ----- „Rabbi David." Aus Meiningen schreibt man dem „Berl. Tageblatt": Die Eindrücke, welche aus den Prozessen von Tisza-Eßlar und Xanten noch auf jeden vorurteilslosen Menschen nachwirken, haben bei dem am 5. d. Mts. mit ungeheurem Beifall aufgeführten Schauspiel „Rabbi David" ein Echo gefunden. Ob freilich die Tendenz, die Verwerflichkeit des Antisemitismus in einem historischen Stücke zu geißeln, gelungen ist, möchten wir ernstlich bezweifeln. In dieser Beziehung theilt das mit unleugbarem Bühnengeschick und Ausnutzung jeglichen szenischen Raffinements durchgeführte Stück das Schicksal aller Tendenzdramen. In engem Anschluß an Heines „Rabbi von Bacharach" wird das Märchen vom Ritualmord in seiner Wirkung auf die am Ende des 15. Jahrhundertsdurch blinden Judenhaß auf Aeußerste erregten Volksleidenschaften geschildert. Rabbi Davids Tochter Lea ist aus einer Verbindung mit einem christlichen Arzt Mutter eines todtgeborenen Kindes geworden, an welchem ein verworfener jüdischer Diener den Schächtschnitt ausführt, um den Kindsmord seiner Geliebten, deren „Madonnengesicht" so etwas nicht zuzutrauen ist, zu verheimlichen. Der Rabbi wird nebst seiner Tochter vor Gericht nach Frankfurt geführt, aber freigesprochen; in der folgenden Nacht dringen Raubgesindel, Flagellanten und Landstreicher ins Judenviertel, brennend, mordend und raubend. Erst durch Aufgebot kaiserlicher Macht kann der Aufstand gedämpft werden. Im Angesicht der brennenden Synagoge vereinigen sich der Rabbi, der Erzbischof und der Vertreter des Kaisers Max zu einem Bunde, aus dem eine neue Zeit, in der Wahrheit, Recht und Menschlichkeit erstehen wird, hervorgehen soll. Das Stück stellt an die Bühnentechnik, insbesondere an das Eingreifen von Volksmassen, die höchsten Anforderungen, und es bedurfte achttägiger angestrengter Arbeit unter thätiger Mithilfe des Herzogs selbst, um der Schwierigkeiten Herr zu werden und zu verhüten, daß Szenen, die gestern wuchtig auf die Zuhörer wirkten, dem Fluch der Lächerlichkeit anheimfielen. Die Aufführung war mustergiltig; die Meininger haben wieder einmal glänzend gezeigt, daß sie ihrer ruhmvollen Vergangenheit eingedenk bleiben. Der vierte Akt, die Gerichtsverhandlung vor dem Römer in Frankfurt, bildete den Höhepunkt der Darstellung. Die malerische Gruppirung, das farbenprächtige Bild, die Art und Weise, wie nach dem Freispruch das wüthende Volk die Schranken des Gerichts durchbricht und der Rabbi nur mit Mühe durch die Landsknechte geschützt werden kann, war eine Meisterleistung. Der Herzog Georg hatte selbst das Arrangement aller Volksszenen übernommen, die Zeichnungen für die Kostüme geliefert und bis ins Einzelnste Alles überwacht. Ob man freilich die Darstellung der Leichenschändung, sowie der Folterszene und in dem Auftreten der Flagellanten nicht zu weit in der Realistik gegangen ist, wollen wir dahingestellt sein lassen; jedenfalls. aber packte das Stück bis ins innerste Mark durch diese nervenerschütternde Jnszenirung. Der Dichter ist auch heute noch nicht ermittelt; die verschiedensten Namen werden genannt, am meisten, wie Sie schon erwähnten, Hofschauspieler Weiser in Weimar, früher ein hochgeschätztes Mitglied der Meininger Bühne. Auch der Herzog selbst kennt den Verfasser nicht und hat sich lediglich durch die Vorzüge der Dichtung und die in ihm vertretene sittlich-freie Weltanschauung zur Aufführung bewegen lassen. Das Publikum wollte nach dem Schluffe den Zuschauerraum durchaus nicht verlassen, ohne dem Autor seine Huldigung dargebracht zu hab.n. Immer und immer wieder mußte der Vorhang in die Höhe gehen, aber vergebens; die Bühne blieb leer. Der Aufführung wohnten das herzogliche und das erbprinzliche Paar bei; namentlich auch der Erbprinz spendete den Stellen, in denen die rein menschlichen Empfindungen zum Durchbruch kommen, lebhaften Beifall. Daß der Herzog mir der besonders glanzvollen Aufführung gerade dieses Stückes gegenüber der schmählichen Judenhetze, die sich auch im Herzogthum Meiningen breit macht, seiner verurteilenden Gesinnung hat Ausdruck geben wollen, liegt auf der Hand. Druck und Verlaa von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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