Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 Fitterarische Mittheilungen. — Der Barbier von Schuschan. Parodistisches Purimspiel mit Gesang in fünf Men, nebst Noten-Anhang von Hermann Cohn, Haupllehrer. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a M. 1894. Wir gehen dem sogenannten jüdischen Karneval, dem Purimfeste entgegen, an welchem in vielen jüdischen Familien die dereinstige Errettung unserer Ahnen von dem durch Haman ihnen bereiteten Untergänge durch Spiel und Tanz gefeiert wird. Jndeß auf dem Gebiete des „Purimspiels" hat unsere Litteratur keine besonders große Auswahl aufzuweisen, und schon aus diesem Grunde ist uns. „Der Barbier von Schuschan" ein willkommener Gast. Allerdings würde unsere Begrüßung eine herzlichere sein, wenn der Barbier mit seiner Humorseife etwas sparsamer umgegangen wäre. Man kann nichts dagegen einwenden, wenn er Ahasveros das Berliner Tageblatt in die Hand drückt, Mardechai beim Bart des Propheten schwören, Esther zuweilen den Berliner Dialekt sprechen und zum Dessert ein Dutzend Kreppchen bestellen läßt. Allein die Esther als Liebhaberin von Eisbein und Schinken zu verrathen und Mardechai die Worte in den Mund zu legen: „Hat mich der Sultan als Retter erkannt. Dann macht er gleich mich zum Hoflieferant," können wir nicht gleichgiltig hinnehmen. Ebensowenig können wir die Schlußverse, die in „die Beine fahren" sollen, als gelungen bezeichnen. Jndeß es giebt kein Licht ohne Schatten; es ist ein „parodistisches Purimspiel", was der Autor uns bietet, das den Zweck hat, Lacherfolge zu erzielen, und auf diese darf er mit Bestimmtheit rechnen. Wir glauben daher, den „Barbier von Schuschan" als ein gelungenes „Purimspiel" empfehlen zu dürfen. A—tz. Karl Emil Franzos: „Der Wahrheitsucher", Roman. (Jena 1894, H. Costenoble. Ein neuer Roman von Franzos ist immer ein angenehmes Ereigniß für die Leserwelt. Franzos gehört nun einmal zu den besten und beliebtesten Erzählern und jedes neue Werk befestigt diese seine Ehrenstellung in der deutschen Litteratur. Diesmal hat er den Typus des Mannes gezeichnet, der sein ganzes Leben lang nach der Wahrheit sucht, ohne diese finden zu können. Bon besonderem Interesse für uns sind die Schilderungen aus den: katholischen Leben im ersten Bande, und wir glauben es konstatiren zu können, daß wohl kein nichtjüdischer Schriftsteller sie mit größerer Sachkenntniß und Objektivität und und Liebenswürdigkeit hätte schildern können, als es Franzos in diesem Buche gethan hat. Im zweiten Bande wird auch eine jüdische Familie in Prag episodisch eingeführt und sogar der ehrwürdige Oberrabbiner S. L. Rappaport wird auf die Szene gebracht. Aber auch dies Alles ist geschickt, taktvoll und schön in den Rahmen des Ganzen eingefügt. Interessant ist es, daß schon vor zwanzig Jahren der bekannte neuhebräische Romanschriftsteller Peter Smolensky einen Roman in hebräischer Sprache „Hatoe Bedarche Haehajim“ („Der Irrende auf dem Lebenswege") geschrieben hat, in dem er dasselbe Problem behandelt. Selbstverständlich haben aber beide Romane nicht das. Geringste in der Idee oder Ausführung gemeinsam. Wahrscheinlich hat Franzos von der Existenz dieses hebräischen Romans überhaupt keine Ahnung gehabt. Daß auch der „Wahrheitsucher" alle Vorzüge aufzuweisen hat, durch welche die früheren Romane von Franzos sich ausgezeichnet haben, braucht wohl nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Der Roman ist geistvoll, interessant, spannend und wohl geeignet, einen künstlerischen Genuß zu gewähren. ----- Als ein schönes Denkmal pietätvoller Erinnerung sind jetzt die beiden Reden im Druck erschienen, welche Herr Dr. S. Apolant an der Bahre unseres Lewandowski und seiner ihm im Tode vorausgegangenen Gattin gehalten hat. Treue, durch Jahrzehnte bewährte Freundschaft, warme Begeisterung für die künstlerische Bedeutung des Mannes, für die edle Weiblichkeit der Frau sprechen aus diesen beiden Reden, die auch vom homiletischen Standpunkte durch den geistvollen Inhalt und die schöne Form der Darstellung uneingeschränktes Lob verdienen. Der weite Kreis derer, welche Lewandowski und seine Gattin gekannt haben, wird diese beiden Reden gewiß mit inniger Sympathie aufnehmen. Sprechfaul. Äuf meine sehr mäßig gehaltenen Worte in Nr. 6 d. Bl. hat Herr Br. Kuttner in vor. Nummer nicht ganz so ruhig geantwortet. Aus seinen Worten bezgl. der Litteraturvereine war für mich nicht zu ersehen, daß er „über die Entwicklung des Gottesdienstes, der Gebetordnung, der Thoraverlesung rc. rein sachlich auf Grund der vorhandenen Quellen" gesprochen haben will Diese Bemerkung hätte er, wie er sie nun nachträglich giebt, schon in Nr. 4 machen können, ohne den Artikel erheblich auszudehnen; dann wäre das unvermeidliche Mißverständniß nicht entstanden, als wenn die Tagesfragen des Gemeindelebens die Vereine bewegen sollten. Geschichtlich sachliche Erörterungen, zumal auf Grund der vorhandenen Quellen, werden aber nie einseitig einer Partei nützen. Diese genauere Erklärung des Herrn Br. Kuttner ist aber erst durch mdine Bemerkungen hervorgerufen worden. Es wäre von mir also nicht richtig gewesen, mich „zu gedulden, bis? Herr Dr. K. seine Absicht (Genaueres über die Wirksamkeit der Litteraturvereine zu bieten) ausgeführt haben würde." Und hätte er selbst die | genannten Vereine gebeten, sich mit der Ausführung seiner Vor- 1 schlüge bis dahin zu gedulden (statt daß er bemerkt: „hier soll die I gegebene Anregung genügen") wäre dadurch die Wirkung eines hingeworfenen Gedankens auch ohne erschöpfende Darlegung aufgehalten worden? Dem aber muß ich entschieden entgegentreten, daß ich „Nichts (gegen die Hauptgedanken des Art. in Nr. 4) einzuwenden gehabt hätte. Ich spreche vielmehr von meiner „schnurgerade entgegengesetzten Auffassung." Da ich von jeher für Litteraturvereine gestrebt habe, so wollte ich nur diese von dem Betreten der schiefen Ebene abhalten und mit dieser Frage nichts Anderes vermischen. Es bedarf nur des Rufes „hic Rhodus, hic salta“ an mich, d. h. der Neigung der Redaktion, diesen wichtigen Streit hier ausgekämpft zu sehen, ich trete an die Begründung j meiner Auffassung heran. Dabei sollen mir aber nicht Sätze entfahren; wie der in der Arbeit des Herrn Br. K.: „Erst nachdem sie (die modern; gebildeten Orthodoxen) abgelehnt haben (bei den Umwandlungen mit- \ zuwirken), sollen sie unberücksichtigt bleiben und ihre Sünde tragen." SollteAehnliches meiner Feder entfließen, so bitte ich feierlich darum zur Ordnung gerufen zu werden. : Auf meine „sonstigen Bemerkungen einzugehen, fühlt sich Herr Br. * Kuttner nicht veranlaßt". Es ist mir räthfelhaft geblieben, welche Sätze \ meines sachlich gehaltenen Artikels er meint. [ Rogasen. Rabbiner Dr. Ludwig A. Rosenthal. : Mis teilen. Lombroso über den Antisemitismus. Man schreibt dem „Berliner Börsen - Courier" aus Rom: Der berühmte Begründer der Kriminal-Anthropologie, Cesare Lombroso, hat in diesen Tagen eine Schrift über den „Antisemitismus und die moderne Wissenschaft" (Turin, L Roux u. Co.) veröffentlicht, die ihres Verfassers wegen auf Beachtung Anspruch erheben darf. Als Ursache des Antisemitismus bezeichnet Lombroso in erster Linie das Lustgefühl, welches aus der vermeintlichen Ueberlegenheit über andere Menschen entspringt, und das man eine Erinnerung der alten Herrschaft des freien Ariers über die Sklavenvölker nennen könne. Dieses Gefühl der Ueberlegenheit verdoppele sich, sobald das nationale Moment ins Spiel komme, weil es dann nicht mehr als persönliche Eitelkeit verspottet werden könne und durch die Nachahmung erstarke Lombroso erinnert an den gegenseitigen Haß der Ruffen und der Polen, der Brah- | minen und der Sudra, der Engländer und der Iren, dessen | Ursache ebenfalls darin liege, daß sich das eine Volk zur | Herrschaft über das andere berufen glaube. Als zweiter Erklärungsgrund für den Antisemitismus komme die Vererbung des Hasses in Betracht, den die Römer gegen die Juden gefaßt hatten, weil das verachtete asiatische Volk den Herren der Welt zu widerstehen wagte. Und nach seiner politischen Besiegung so vollständige Vergeltung auf religiösem Felde durch das Christenthum übte. Dieser Haß habe sich im Mittelalter verdoppelt, als ihn die Geistlichkeit, die damalige Herrin