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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-09 · Heft 10 (9.3.1894) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
Seite 118 (sequence 10)
Language
German
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- 118 -— ihrem Sohn einen Blick zuwarf, der deutlich sagt: „Siehst Du wohl? — Jude bleibt Jude." Rachel fing diesen Blick auf und verlor für einen Augenblick ihre Selbstbeherrschung. Sie erröthete über das ganze Gesicht. DUe liebe unvorsichtige Tante hatte sie nun schon so oft in VerlcgenWt gebracht! . . . Rachels Rathschläge und Ermahnungen waren in den Wind gesprochen, denn Tante Rebekkas Natur spottete jeder Dressur. Nach dem Thee forderte man Rachel auf zu singen. Da die Kammerherrin nicht musikalisch war, fanden sich aber leider außer einigen, alten Etüden und und Walzern keine Noten vor. Rachel spielte deshalb eine Sonate von Beethoven, die sie auswendig konnte, aber mit der sie nur einen sueees d'estiuie hei der adeligen Geseüschaft hervorrief. Pastor Sanft betrachtete Rachel wählend des Spiels mit einer Miene, als ob er hoffte, eine Proselytin aus ihr zu machen, denn sie war ja noch nicht getauft. . . . Sie spielte mit so viel Innigkeit und Gefühl, daß es leicht sein mußte, sie für den Glauben zu gewinnen, welcher der aüein seligmachende ist. Als dagegen Baronesse später auf gaminartige Weise ein Couplet vom Morskabslheater in Fredriksberg vortrug, erntete sie stürmischen Beifall. Man lachte und klatschte begeistert. Kaminerjunker von Dett war entzückt. Frau von Römer, eine geborne Schwedin „tortfusat", und der junge Graf Waldemar wurde durch sie an feine französische Freundin in der „Leichenkiste" erinnert. Die Kammerherrin schien aber nicht vollständig befriedigt zu sein. Holger hatte sich still neben Rachel gesetzt und von den klebrigen ungesehen ihre Hand gedrückt. Er wünschte die Gäste zum Kukuk und sich mit seiner Geliebten hinaus in den kühlen, schattigen Garte«. Venus glänzte in voller Pracht am tiefblauen Nachthimmel und der Neumond schwebte wie ein bleicher silberner Bogen über den dunklen Kronen der Bäume. ' vm. Anders Thambs fand sich zu seinem üblichen Sommerbesuch auf Rosengaard ein. Sein Kommen wurde von Allen, mit Ausnahme der Kammerherrin, als eine Erleichterung empfunden. Es lag trotz des anscheinend guten Verhältniffes zwischen der Kammer- Herrin und ihren Gästen doch eine dunkle Wolke über ihnen, welche nichts Gutes verhieß, und der lebhafte, muntere, unruhige Künstler, desien Wesen eine Mischung von Herzensgüte und naiver Eitelkeit war, hatte eine besondere Gabe, alle kleinen Wolken zu verjagen und seinen Humor wie Sonnenschein über Alle leuchten zu lasten. Mochte Rachel nun von seiner Antipathie gegen ihre Rasse gehört oder sie mit dem feinen Instinkt des Weibes errathen haben, oder zürnte sie ihm. daß er bei ihrer Verlobuugsfeier Bacchus zu sehr gehuldigt und mehreren Damen Komplimente von nicht ganz ungemischter Artigkeit gesagt hatte, genug, sie blieb ihm gegenüber äußerst kühl und beschränkte sich darauf, ihm mit kalter Höflichkeit zu begegeneu. Trotz seiner Aufmerksamkeit gegen sie, trotz seiner schönsten Witze und Anekdoten gelang es ihm nicht, ihr auch nur ein freundliches Wort oder ei» Lächeln abzugewiunen. „Weshalb behandelt Ihre Nichte mich so schlecht?" fragte er ganz unglücklich Tante Rebekka, die gewohnt war, von der Kammer- Herrin de haut en bas behandelt zu werden und sich deshalb nicht wenig auf den vertraulichen To» cinbildete, den der Maler gegen sie anschlug. „Das ist.noch ein natürlicher Mensch, mit dem zu reden ist," sagte sie anerkennend von ihm. Daß der leichtsinnige Anders sie, trotz seiner Gutmiithigkeit, meistens anszog, schien sie nicht bemerken zu tvollen. Er hatte sich als große Gunst die Erlanbniß ausgebete», sie Tante nennen zu dürfen. „Sie irren sich, mein lieber Freund. — Weshalb sollte Rachel Sie schlecht behandeln? — Sie meint es gut mit der ganzen Welt— es ist kein arger Gedanke in ihr." „Spricht sie nie von mir, liebste Tante?" „Ne—in." „Seien Sie aufrichtig, Tantchen!" Er umarmte sie im Scherz und drückte die kleine dürre Gestalt an seine breite Brust. „Zählen Sie nun mal inein ganzes Sündenregister auf!" ' „Vielleicht findet sie wie ich, daß Sie ein großer Harlekin sind," antwortete Tante Rebekka, indem sie scherzend nach ihm schlug. Sie war ganz bezaubert von.diesem großen blonden kindischen Menschen. „Es giebt ja aber auch liebenswürdige Harlekine." „Sie geben mir das Leben wieder, thelierste Tante! Ich war kurz vor dem Verscheiden. Also ich bin wirklich liebenswürdig?" „Nun ja, dann und wann — leider nicht immer. Sie könnten artiger sein und Ihre Angehörigen nicht soviel necken. Weshalb hatten Sie gestern ein Goldstück auf dem Fußboden im Entree gemalt? Nur damit ich meinen alte» Rücken krümmen und es aufuehmen sollte! — Glanben Sie vielleicht, Sie Schelm, daß ich nicht gesehen habe, wie sie auf der Hintertreppe auf der Lauer standen, als ich auf dem Fußboden herumkroch, um cs anfzunehmen?" Der Maler lachte wie toll über den Streich, den er der geldgierigen Tante Rebekka gespielt hatte. Er hatte längst alle ihre kleinen Schwächen entdeckt. Sie mochte wollen oder nicht, sie mußte mitlachen und ihr feiner pfeifender Diskant klang sehr drollig neben seinem lauten tiefen Baß. „Und wiffen Sie noch, wie Sie mich damals mit allen möglichen Schmeichelworten in die Schaukel lootsten und mich trotz meines Bittens, Flehens und Schreiens nicht wieder herauslassen wollten? Pfui, Sie sollten sich schämen wie ein begoffener Pudel," sagte sie lachend und ihm mit der Faust drohend, worüber er noch lauter lachte als vorher. Es mußte auch ein Anblick für Götter gewesen sein, die alte Tante Rebekka zappelnd zwischen Himmel und Erde schweben zu sehen. „Und dann fragen Sie noch, was Rachel gegen Sie hat? Gegen Sie, der allen Respekt gegen ihre ehrwürdige Tante bei Seite setzt, die Mutterstelle an ihr vertreten hat. Pfui!" Der Maler wurde ganz ernsthaft wie ein Kind, welches auf einer Unart ertappt wird. Ja, derartige Sachen waren nicht nach dem Geschmack der ernsten Rachel — sie würde die unschuldige überströ wende Lebenslust, den ungezügelten Uebermuth der Kraft, welche solchen Streichen zu Grunde lagen, nicht verstehen. Aber je abweisender Rachel war, desto lebhafter interessirte sie ihn. Wie hätte er auch täglich so viel Schönheit, Herzensgüte und fremdartige Anmuth sehen können, ohne daß sein junges, warmes Künstlerherz schneller geschlagen hätte. Mit tiefer Reue gedachte er der verletzenden Worte, welche er über sie und ihr Volk gesprochen hatte. . . Ja, er hatte Rachel im Herzen Unrecht gethan und er hatte ihr Abbitte zu leisten. Würde ihr stolzes Auge noch einmal freundlich und versöhnt auf ihm ruhen? Er malte sich mit Wonne einen solchen Augenblick aus und durchlebte ihn schon im Voraus. Jeder Fremde, der in diesen Tagen das Benehmen des Malers gegen Rachel beobachtet hätte, das zwischen übertriebener, ungewürdigter Galanterie und kindischeur Trotz und Schmollen wechselte, würde darauf geschworen haben, daß er in sie verliebt sei. . . Alle äußeren Zeichen deuteten darauf hin. . . Holger lächelte im Stillen über die Kurmachcrei des Antisemiten bei seiner Verlobten. < Fortsetzung folgt.)

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