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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-09 · Heft 10 (9.3.1894) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 10 (9.3.1894)
Date
1894-03-09
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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WW!7 rWMffNMWWWWMMMMIMW-M 117 Gott ehren heißt: das Dunkel nicht lichten wolle», das alles umhüllt, was der Schöpfung voraufgegangen; der Könige (so wurden bildlich die Weisen genannt, weil sie von dem königlichen Borrechte des Menschen, der Vernunft, den ausgiebigsten Gebrauch machen) Ehre aber ists, in das Erschaffene forschend einzudringen." Wer diese Mahnung nicht beachtet, wer in die unlösbaren Räthsel des ersten Anfanges und des letzten Ausganges der Dinge dennoch einzudringen sucht, dem wäre, so lehrt die Mischna,') wohler er wäre nie geboren. Der letzte Schritt der Vernunft ist eben, wie Bimse Pascal es treffend ausgesprochen, der, zu erkenne», daß es eine Unmasse von Dingen giebt, die unsere Vernunft übersteigen. FEUILLETON Are Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) f ie Kammerherrin biß sich in die Lippen, als sie diese schnell, geschloffene Freundschaft zwischen den beiden jungen Mädchen bemerkte, welche sich nach ihrem Wunsche feindlich gegenüber stehen sollten. „Haben Sie Mademoiselle C. gehört?" fragte Baroneffe Dagmar, indem sie den Namen einer berüchtigten französischen Kneipensängerin nannte, welche grade in der „Leichenkiste" auftrat und den jungen Kopenhagenern die Köpfe verdrehte. „O, Gott bewahre!" rief Rachel beinahe erschrocken. „Wie in aller Welt sollte ich dazu kommen, sie zu hören!" „Sie ist reizend, sagt Waldemar — er schwärmt für sie. Wenn sie „Ne nie chatouillez pas!“ singt, ist Alles vollständig weg. Waldemar behauptet, daß es selbst die berühmte Therme in ihrer Jugend nicht besser gesungen hat. Wenn sie singt, werfen die Herren in wahnsinniger Begeisterung ihre Hüte auf die Bühne." „Blumen fände ich passender!" meinte Rachel lächelnd. „Nein, Blumen sind unmodern, sagt Waldemar. Jetzt legt man der Angebeteten seinen Hut zu Füßen.... Waldemar kommt direkt aus Paris. Erkennt dergleichen, können Sie glauben... Sehen Sie nur, wie famos sein Leibrock sitzt! Ist seine Frisur nicht schneidig? Der Shlips ist doch ganz brillant?- Rachel mußte zugeben, daß der junge Graf eine getreue Kopie des letzten Modejournals sei. „Apropos, schenken Sie mir eine alte Silbermünze, wenn Sie eine haben," fuhr Dagmar fort, „und laffen Sie Ihren Namen darauf graviren. Ich hänge sie dann hier auf mein Armband — ist das nicht originell? — Sie kommen in gute Gesellschaft — lauter Freunde und Freundinnen." — Sie ließ dabei die Schafglocken klingeln. — „Diese hier, die große griechische Münze, ist z. B. Anders Thambs — das ist Holger... Sie kennen doch Anders Thambs?" „Er verkehrt in unserm Hause," antwortete Rachel. sb 1VX2 iS ■nrn .. . V'-QN NV2182 ^>27id!2N bs (Chag 11b) dSlf*? 82 „Ist er nicht entzückend? Er ist furchtbar lustig! Sie sollten nur wissen, was für Unsinn er macht, wenn er hier in Rosengaard ist. .. Fräulein von Pahlen schließt sich immer vor Angst ein, wenn sie ihn sieht. ... Einmal schrieb er im Namen eines ihrer alten Anbeter einen Heirathsantrag und schickte ihr den — ha! —ha! —" „Das war aber sehr unpassend." „Er ist ja noch so jung und so lustig — und dann ist er Künstler. Mit Künstlern muß man es nicht so genau nehmen, die haben einen Freigeist. Aber nun erzählen Sie mir von Kopenhagen. Giebt es nicht ein Paar neue Skandalgeschichten? Lieutenant Schwarzenberg hat ja falsch gespielt und ist vorläufig ins Ausland! gereist. Das ist ja aber schon eine alte Geschichte. Ehe ich es ver-! gesse: Werden Sie die Rennen bei der Eremitage besuchen? Voriges Jahr wettete ich auf die „Bella" des Grafen N., unb denken Sie nur, sie gewann den ersten Preis." I Tante Rebekka wurde von der adeligen Gesellschaft leider nicht genügend gewürdigt. Sie war auch weder in körperlicher noch in geistiger Beziehung eine würdige Repräsentantin des alten feinen Inden-Typus. Sie hatte eine kleine unansehnliche gekrümmte Figur und in dem braunen, raubvogelartigen Gesicht mit dem weißgrauen Haar glänzten ein Paar jugendfrische scharfe schwarze Augen, welche unruhig, wie diejenigen eines Affen, immer auf Entdeckungsreisen waren. Ihr schweres apfelgrünes Atlaskleid war derartig mit Schleifen, Spitzen und Schmuck beladen, daß es der schiefen Komtesse Amalie Veranlassung gab, dem Kammerjunker von Dett ein Bonmot über den Kramladen des alten Lazarus ins Ohr zu flüstern. Tante Rebekka hatte, neben dem guten warmen Herzen, welches theilnehmend für alle Armen und Kranken schlug, und ihrer rührenden Anhänglichkeit an ihre Angehörigen verschiedene Fehler, welche sie j. stets in Konflikt mit ihrer Umgebung brachten. Sie war neugierige! taktlos und sehr unwissend.! Rachel hatte ihrer Tante wegen schon manche Unannehmlichkeiten j gehabt. Sie war in Gesellschaften deshalb in steter Furcht, daß | diese sich aufs Neue kompromittiren könnte. Während Rachel dem Geplauder der Baronesse Dagmar zuhörte, welche ohne Uebergang von einem Thema aufs andere kam, beiiutzte Tailte Rebekka diese Gelegenheit, sich weiligstens zehn Mal zu vergaloppiren. Sie befühlte den Kleiderstoff der Kammerherrill und wollte durchaus wissen, wieviel die Elle davon kostete. Von dem bis über die Ohren verschuldeten Grafen Brede verlangte sie .Auskunft darüber, wo er seine Gelder angelegt, indem sie ihm anvertraute, daß sie den größten Theil ihres Kapitals im „Bienenkorb" stehen habe, der die höchsten Prozente zahle. Komtesse Amalie entging ihrer Zudringlichkeit ebenfalls nicht. Sie mußte ihr Ordensband untersuchen lassen llnd Auskunft über das Leben in Ballö geben. „Für ein armes Mädchen ist es ja ein wahrer Segen, in ein solches Kloster eingekanft zu werden," sagte die nichts ahnende Tante Rebekka mit Protektormiene. „Alle Mädchen kriegen ja keinen Mann, und dann ist man doch auf eine nette Art versorgt." Die Komtesse wandte ihr den Rücken und bekam plötzlich ein lebhaftes Interesse für die Familienportraits an der Wand. Tante! Rebekka aber ließ sich nicht verblüffen, sondern näherte sich nngenirt der Baronin Svale, deren kostbares Diamanten-Halsband schon im ersten Augenblick ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. „Die sind wohl echt?" fragte sie, nachdem sie den Preis erfahren. „Frau Baronin wissen wohl, daß es welche giebt, die man Simili nennt, und die so schön und klar sind, daß die Juweliere sie kaum von den echten Diamanten unterscheiden können." Es bildete sich bald ein leerer Raum um die arme Tante Rebekka. Die Kammerherrin feierte einen augenblickliche:! Triumph, indem sie'

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