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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-02 · Heft 9 (2.3.1894) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 9 (2.3.1894)
Date
1894-03-02
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 als hätten die Heiden schon damals jene schrecklichen Gerüchte erfunden gehabt, die erst unter Trajan aufkamen, ebenso seine genaue Unterscheidung zwischen Juden und Christen eine Antidatirung. Da man unter den Flaviern die Christen noch zu den Juden rechnet, so kann man sie zu Neros Zeit noch nicht von ihnen geschieden haben. Die Christen unter Nero waren nur die Zuverfichtlichsten aller jüdischen Messianer, diejenigen, welche die Ankunft oder richtiger Wiederkunft des Messias geradezu jeden Augenblick erwarteten, und die darum bei der großen Katastrophe durch ihre ausgesprochenen Hoffnungen sich am meisten exponirt hatten. * Geehrter Herr Redakteur! tnter Bezugnahme auf Ihren Leitartikel vom 16. ds. M. bitte ich Sie zur Steuer der Wahrheit ergebenst davon Kenntniß zu nehmen, daß während meines Aufenthalts in Schöneberg vor jetzt vier Jahren „christliche Seelsorger" keinerlei Einwirkung auf mich ausgeübt, bezw. auszuüben versucht haben. Ich würde derartige Einwirkungsversuche eventuell mit derselben nicht mißzuverstehenden Deutlichkeit zurückgewiesen haben, wie ich dies später wiederholt thatsächlich zu thun mich genöthigt fah — ich habe für „Seelsorger" grundsätzlich keine Verwendung, da rch für meine Seele schon selber zu „sorgen" weiß. Daß auch ich es für durchaus ungerecht halte, die Fehler und Mißgriffe, die, wie ich inzwischen zur Genüge erfahren habe, von arischen und sogar von urteutonischen Irrenärzten verhältnißmäßig ebenso oft begangen werden wie von jüdischen, den letzteren als Stammeseigepthümlichkeit anzurechnen, bedarf bei meiner nur immer stärker sich entwickelnden Gegnerschaft gegen die antisemitischen Pharisäer und Fanatiker keiner besonderen Versicherung. Ihre Forderung, daß bei einer eventuellen organisirten „Seelsorge" in Irrenanstalten nicht blos Pastoren, sondern auch Rabbiner zugezogen werden sollen, scheint auch mir durchaus begründet. Hochachtungsvoll Berlin, den 18. Februar. vr. Chr. Morris de Jonge. * Sehr geehrter Herr Redakteur! Interesse der Ehre des Judenthums ersuche ich Sie, folgende Zeilen in Ihr geschätztes Blatt gütigst aufnehmen zu wollen. Weshalb haben es unsere Rabbiner und Religionslehrer, selbst die orthodoxen, darauf abgesehen, im jüdischen Gotteshause als Repräsentanten des Judenthums gerade in dem Ornat eines protestantischen Geistlichen zu erscheinen? Dem katholischen Geistlichen z. B. fällt es gar nicht ein, seine weißen Priestergewänder abzulegen und gleich dem protestantischen ein schwarzes Gewand, den Talar, anzuziehen. Und weshalb ahmen denn gerade unsere Geistlichen den anderen nach? Bedeutet dies nicht mindestens eine Selbstverleugnung ihrerseits? Bützow i M., 8 Januar. Hochachtungsvoll H. Remm. Miscellen. * Berühmte Männer. Das vor einigen Tagen erst erschienene Buch »P-'anti86rnitismo e le scienze moderne“ von Cesare Lombro so enthält eine interessante Tabelle, aus der ersichtlich, in welchem Verhältnisse Juden und Europäer nach den einzelnen Berufszweigen im Verhältnisse zu 1000 Berühmtheiten stehen: Schauspieler . Europäer Juden ... 21 34 Varia .... Europäer Juden . . 4 3 Ackerbauer . . ... 2 — Metaphysiker . . . . 2 18 Antiquare . . ... 23 26 Musiker .... . , 11 71 Architekten . . ... 6 6 Naturwissenschaft. . . 22 25 Künstler . . . ... 40 34 Nautik .... . . 12 — Schriftsteller . ... 316 223 Philologen . . . 123 Priester . . . 105 Dichter .... 36 Ingenieure . . ... 13 9 Nationalökonomie . . 20 26 Advokaten . . ... 24 40 Wissenschaft . . . . 51, 52 Aerzte . . . ... 31 49 Bildhauer . . . . . 10 12 Kaufleute . . ... 12 43 Souveräne . . . . . 21 Militär . . . 6 Staatsmänner. . . . 125 83 Kupferstecher . ... 3 ' — Forschungsreisende . . 25 12 * Jüdische Soldaten in Rußland. In Nr. 50des „Woschod" vom 28. Dezember v. I. finden sich einige recht interessante Einzelheiten über die Ereignisse der letztjährigen Einberufungen der Wehrpflichtigen in Warschau Einberufen zur Erfüllung der Militärpflicht wurden im Ganzen 2900 Personen — 1546 Christen und 1363 Juden. Von diesen wurden aber nur 703 Personen zum Dienst tauglich befunden, und zwar 343 Christen und 364 Juden. Unter den Angenommenen fanden sich 23 Personen im Besitz des „Privilegiums erster Klasse" (was etwa dem Institut der Einjährigen Freiwilligen in Deutschland entspricht), diese waren alle Juden. 64 von den Angenommenen erwiesen sich bereits verheirathet, von denen 19 Christen und 45 Juden waren. 155 Einberufene hatten sich nicht gestellt, und zwar 42 Christen und 113 Juden. Dafür waren aber 574 Personen, die gar keine Matrikel hatten und die deshalb von der Militärbehörde lediglich nach Maßgabe des Wuchses, des Körperbaues und des äußeren Aussehens taxirt werden mußten. Davon nur 2 Christen und 572 Juden! % Ueber Richard Wagner erzählt Eduard Hanslick in seinen „Lebenserinnerungen" u. A. Folgendes: „Wagner mochte keinen Juden leiden; darum hielt er Jeden, den er nicht gut leiden konnte, für einen Juden. Es würde mir nur schmeichelhaft sein, auf ein und demselben Holzstoß mit Mendelssohn und Meyer beer von Pater Arbuez Wagner verbrannt zu werden; leider muß ich diese Auszeichnung ablehnen, denn mein Vater und meine sämmtlichen Vorfahren, soweit man sie verfolgen kann, waren erzkatholische Bauernsöhne. Wagners Einfall, meine Abhandlung (Vom musikalisch Schönen) ein „mit außerordentlichem Geschick für den Zweck des Musikjudenthums verfaßtes Libell" zu nennen, ist, milde gesagt, so außerordentlich kindisch, daß er vielleicht meine Feinde ärgern konnte, mich selbst gewiß nicht" tz. * ---- Der Name de Jonge bei jüdischen Familien bedeutet „der Jüngere" und kam zumeist am Rhein und in Holland vor. 1662 verlieh der große Kurfürst dem W. Jakobson de Jonge (junior) einen Freibrief für Memel, worauf dieser einen bedeutenden Handel zur See trieb. Am 2. Juli 1703 . erhielten seine Nachkommen M. I. und Wulff I. de Jonge lebenslängliche Schutzbriefe. * D diese Juden! In Hlubocep (wo ein jüdischer MDr. viele Jahre Gemeindevorsteher war) etablirte sich ein nichtjüdischer Arzt, Herr Dr. Merhant. Derselbe hatte einen Streit mit einem Smichower Arzte und es nahmen mehrere Aerzte aus diesem Anlaß Stellung gegen Dr. M., indem sie seine Handlungsweise in der „Nar. Politika“ rügten. Herr Dr. M. erklärt nun aber wieder öffentlich, mit bedeutungsvollem Gedankenstrich, der Smichower Arzt sei Jude, und das ist dann also selbstverständlich ganz was Anderes. Er wirft auch dem Smichower Arzte die jüdische Handlungsweise vor, daß er die Arbeiter dreier Fabriken unentgeltlich behandle und obendrein ihnen die Arzneien schenke. Ist das doch ein hartherziger Mensch, dieser jüdische Arzt — und eine solche Unmenschlichkeit sollte nicht bestraft werden? — * * Ein Schulwitz Von dem jüngst in Budapest verstorbenen, bekannten Professor der pathologischen Anatomie und Histologie Gustav Scheuthauer wird erzählt: Der alte, etwas sonderlich angelegte Herr war in der ungarischen Hauptstadt sehr populär. Auch dem Witz ging er nicht aus dem Wege. So sagte er erst vor Kurzem einem Hörer, der Salomon Schnitzer hieß: „Schaun's, lieber Freund. Sie antworten lauter Schnitzer und könnten doch eigentlich reden wie ein Salomo." Druck und Derlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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