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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-02 · Heft 9 (2.3.1894) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 9 (2.3.1894)
Date
1894-03-02
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 illustriren die Urtheile, welche dort über die Vertreter der einzelnen Richtung gefällt werden, in wirksamer Weise. Die Form der Darstellung ist eine gute und angenehme. Das Buch kann allen denjenigen, welche sich über den Entwickelungsgang der jüdischen Geschichte und Litteratur informiren wollen, auf das Beste empfohlen werden. Es dürfte namentlich in Litteratur-Vereinen Nutzen stiften.' Unter dem Titel: „Ist die antisemitische Bewegung ein nationaler Freiheits-Kampf?" hat Georg W olff eine sehr lesenswerthe Rede (Velten 1894, Verlag der „Veltener Zeitung") veröffentlicht, die schon in fünfter Auflage vorliegt und die in ebenso scharfer, wie sachlicher und überzeugender Weise die Vorwürfe zurückweist, die von gegnerischer Seite, namentlich während des Wahlkampfs gegen die Juden erhoben wurde. Die Güterschlächterei, lie Theilnahme an Handwerk und Ackerbau, Richter und Lehrer, der Schulbesuch, die Presse, der Talmud-Auszug, der Jude in der Armee — alle diese Punkte werden besprochen und ziffermäßig widerlegt. Die Lektüre der frisch und geistvoll gehaltenen Rede ist wärmstens zu empfehlen. s. Die Verlagsbuchhandlung I. K au ff mann in Frankfurt a. M. theilt uns mit, daß der Herr Minister der geistl., Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten die beantragte Einführung des (auch von uns seinerzeit besprochenen) Büchleins von Dr. B. Kuttner: „Sprüche zur israelitischen Glaubens- und Pflichtenlehre, in konzentrischen Kreisen" durch Zuschrift vom 13. Februar d. I. bei zwei Realgymnasien daselbst genehmigt habe. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! /gestatten Sie mir, Ihrem vorwöchentlichen Artikel über den Vortrag des Professors Nathusius einige Worte hinzuzufügen. Sie sprechen mit Recht Ihre Verwunderung über die Thesen aus, die Herr N. aufgestellt, und verweisen sie ins Reich der Mythen, so lange nicht genügende Beweise ihre Wahrheit erhärten. Als Anhaltspunkt für die erste These, daß „Juden bei den großen Christenverfolgungen überall die Anführer und Hetzer gewesen", hat Herrn N. wohl die bekannte Taciteische Erzählung der Neronischen Christenverfolgung gedient. Wie es aber um diesen Bericht steht, das hat am klarsten Joel im zweiten Band seiner „Blicke in die Religionsgeschichte" dargelegt. Angesichts des leidigen Umstandes, daß Bücher, zumal gelehrte, heut nur ein kleines Publikum haben, daß die Meisten sich an Zeitungen und Zeitschriften halten, vertrauend, daß die ihnen über alles Wissenswerthe kurzen und bündigen Aufschluß geben, halte ich es für ein Verdienst, wenn Ihr vielgelesenes Blatt das Ergebniß von Joels Forschungen über den Antheil der Juden an der Neronischen Christenverfolgung weiteren Kreisen zugänglich macht. Was besagen die Worte des Tacitus Annal. 15 cap. 44, daß unter denen, welche der Pöbel Christianer nannte, solche ergriffen wurden, welche gestanden?1) Ganz gewiß heißt das nicht, daß sie einfach zugaben, Rom angezündet zu haben, da Tacitus sie selbst nach der Richtung hin gar nicht für schuldig hält.2 3) Ebenso wenig aber, daß sie zugaben, Christen zu sein, weil darin damals noch kein vom Staate verbotenes Verhalten ' lag. Vielmehr ist die Sache folgendermaßen zu denken: In der jüdischen Welt war damals wohl allgemein die Messiashoffnung lebendig, aber nirgend sah man mit solcher Gewißheit der Paruste des Messias (Christi) entgegen, als in dem Theile der Juden, der an die Messianitgt Jesu glaubte. Man erwartete mit dem Erscheinen des Messias in Herrlichkeit zugleich ein schweres Gericht über die Sünden, vor Allem den Untergang Roms durch Feuer?) Als nun Rom von einem schweren Brande heimgesucht wurde, an dem sicherlich die Christen unschuldig waren, da sahen diese darin den Beginn der Katastrophe, ') Igitur« primum correpti qui fatebanlur, deinde indicio corum multitudo ingens haud perinde in crimine incendii quam odio humani generis convicti sunt. 2) Vergleiche die Worte in der vorstehenden Note: „nicht so wohl der Brandstiftung, als vielmehr des Hasses gegen das Menschengeschlecht überführt". 3) Apokalypse 18, Vers 8 daselbst lautet: Im Nu, an einem Tage kommen über sie (die große Stadt, das sündige Babel) ihre Schläge: Tod und Trauer und Hunger, und sie wird in Feuer verbrannt, benit stark ist Gott der Herr, der sie gerichtet. Vers 18: „Und sie schreien. die sie erhofft, verhehlten ihre Freude nicht über die beginnende Erfüllung des prophetisch Verkündeten, hielten das Löschen für gottwidrig*) und waren ob ihres Verhaltens ergriffen, sicherlich zu voll von dem Glauben an das eintretende Gericht, um ihren Triumph zu leugnen, oder mit den Namen der Vielen, die ihre Gesinnung theilten, zurückzuhalten. So erklärt sich die Meldung des Tacitus, daß auf Einleitung des Strafprozesses man das Geständniß Einiger erwirkte, darauf auf die Angabe derselben die Masse der Christen überführte nicht sowohl der Brandstiftung, als des Hasses gegen das ganze Menschengeschlecht. Es ist klar, daß wir noch heute uns leichter in die Stimmung und das Reden der Christen jener Zeit hineindenken können, als der damalige römische Stadtpräfekt, vor dem die Untersuchung geführt wurde. Der Triumph über den Brand, wohl auf das Eingeständniß, daß man Löschen für ein Eingreifen in Gottes Gericht ansah, mußte dem Stadtpräfekten als ein ausreichendes Geständniß erscheinen. In die Seele von Menschen, die eine Erwartung hegten, deren Verwirklichung sie ganz allein von der Gottheit erhofften, ohne persönlich durch eine Thar sich daran zu betheiligen, konnte ein Heide sich nicht finden. Und dennoch schimmert die Einsicht in den wahren Sachverhalt selbst durch die Worte des Tacitus hindurch; man merkt, daß auch der Römer weiß, wie nicht sowohl die Brandstiftung, als vielmehr die beim Brande bekundete Gesinnung — im Sinne der Römer Haß gegen das Menschengeschlecht — den Christen vorzuwerfen gewesen sei. Welchen Anlaß hat nun ein ehrlicher Forscher, die Juden hier in einen Gegensatz zu den Christen zu bringen und sie als die Denunzianten zu bezeichnen? Tacitus, der an unserer Stelle mit gewohnter Gehässigkeit von den Juden redet, giebt dennoch zu einem solchen Verdacht nicht das leiseste Recht, sägt vielmehr ausdrücklich, daß die zuerst ergriffenen Christen die anderen angegeben hätten. *) Aber auch diese Notiz muß erst situationsgemäß gedeutet werden, um richtig, zu sein. Die zuerst Ergriffenen waren sicherlich solche, die in ihrer Begeisterung aus ihrer Gesinuung auf offener Straße kein Hehl gemacht hatten. Man denke sich doch nur wahrhaft Gläubige, die den Anfang des verheißenen Endes mit Augen zu sehen glaubten. Da herrscht nicht kluge Zurückhaltung, da wird offen geredet. Und als sie ergriffen wurden, da waren sie schwerlich gewillt, die gebrauchten Ausdrücke und ihre Haltung feige zu leugnen, sondern rühmten sich vielmehr einer großen Zahl Gest nnngsgenossen, denen sie nun gleichfalls Verderben brachten, ohne das etwa zu beabsichtigen. Unzweifelhaft dagegen ist die Hindeutung des Tacitus auf die „Schandthaten" der Christen?) wenn sie den Rauch ihres Brandes aufsteigen sehen, sprechend: Welche Stadt glich einst dieser großen." Solche Erwartungen lebten schon längst vor der Abfassung der Apokalypse im Herzen der frommen Christen, welche das Wohlergehen der Sünder sich nur unter der Voraussetzung erklären konnten, daß sie für den Gerichtstag aufbewahrt seien. r) So erklärt sich wohl die von Tacitus gegebene Schilderung (ibid. 38): nec quisquam defendere audebat, crebris multorum minis restinguere prohibeniium. 2) Siehe die oben citirte Stelle. Die correpti sind, wie Tacitus sagt. Solche, quos vulgus Christianos appellabat. Dann ,,indicio eorum“ wurden die Andern vor den Richter gebracht. 3) Tacitus 1. 1. c. 44 ergo abolendo rumori subdidit reos et quaesitissimis poenis affecit, quos per flagitia invisos vulgus Christianos apellabat. Ueber die ,,quaestitissimae poenae“ ist Folgendes zu bemerken: Die grausame Tödtung der Christen, namentlich die scheußliche Barbarei, sie bei ihrer Verbrennung zugleich als Fackeln zur Erleuchtung der von Nero gegebenen nächtlichen Spiele zu benutzen, ist in dieser Ausschreitung neronisch, itn klebrigen aber war die tunica molesta das Martergewand aus Werg und Pech, in welchem die zum Feuertode Verurtheilten lebendig verbrannt wurden, eine bei den Römern für Brandstifter auch sonst übliche Strafe. Juvenal VIII, 231 —234, sagt: Ouid, Gatilina, tuis natalibus atque Cethegi Inveniet quisquam sublimius? Arma tarnen vos Nocturna et flammas domibus templisque paratis Ut bracatorum pueri Senonumque minores, Ausi quod Jiceat tunica punire molesta. dagegen direkt auf das Verfahren des Nero gegen die Christen spielt an die Stelle des Juvenal I, 155 ff. taddea lucebis in illa e. c. t. Vgl. üoch andere bei Renan,;L’Antichrist“ S. 166 ff. angeführte Stellen.

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