Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 VII. Rachel war kaum einige Tage in Rosengaard gewesen, als sie schon das ganze Gut aus dem Grunde kannte. Sie hatte Alles besehen, das Herrenhaus, Scheune, Ställe, die Wohnung des Verwalters, die Orangerie und mehrere Tagelöhnerwohnungen. Den modernen Luxus, mit dem ihr eigenes Heim in Kopenhagen ausgestattet war, gab es nicht in Rosengaard, dagegen aber eine altmodische, solide Eleganz, welche sehr wohlthuend wirkte. Die Möbel interessirten nicht allein durch ihr Alter und die Erinnerungen, welche sich an sie knüpften, sondern auch durch Kostbarkeit und Geschmack, und manche der Familienporträts, mit welchen der Speisesckal und die Salons reich ausgestattet waren, trugen die Namen berühmter Maler als Unterschrift. Wenn Rachel in der Dämmerung an diesen besternten Herren und gepuderten Damen vorbeiging, hatte sie das deutliche Gefühl, sich in eine Familie und Verhältnisse eingedrängt zu haben, in denen sie nicht zu Hause war. . . Es kam ihr oft vor, als betrachteten die alten Perrückenträger sie mit schlecht verhehltem Mißvergnügen darüber, daß der letzte Sproß des Hauses Brock sie gewählt habe. Eine Woche nach Rachels Ankunft gab die Kammerherrin, ihrer künftigen Schwiegertochter zu Ehren, eine größere Mittagsgesellschaft. Der ganze Adel der Umgegend war dazu eingeladen. Baron Svale auf Svaledal mit Frau und Tochter, der Baronesse Dagmar, Hofjägermeister von Dolche mit Frau und drei Töchter, Graf Brede auf Bredesholm mit Gemahlin und drei Söhnen, von denen der eine in Kleidung und Wesen den vollendeten Gigerl machte, nebst Baron Scholl, der bei dem Grafen zum Besuch war, Komtesse Amalie, die Stiftsdame in Vallö, auf deren Brust das Ordensband zur Verherrlichung des Tages prangte, Jagdjunker von Lüttichau, Frau von Römer, Jagdjunker von Dett u. s. w. Das bürgerliche Element war durch den Bürgermeister Jansen und Pastor Sanft repräseutirt, von denen Letzterer ein junger, hübscher, wohlrasirter Mann war, dessen Wesen seinem Namen entsprach. Wenn die Kammerherrin geglaubt hatte, daß ihre Schwiegertochter durch alle diese Titel, Sterne und Ordensbänder in Verlegenheit gebracht und sich in bürgerlicher Unsicherheit von einer weniger vortheilhaften Seite zeigen würde, so hatte sie sich gründlich geirrt. Rachel trat mit ihrer gewöhnlichen vollkommenen Ruhe auf, welche zuweilen etwas so Unzugängliches, Statuenhaftes hatte, daß die jungen Herren manchmal ganz verblüfft wurden. Ihr beherrschtes Wesen hatte indeffen mehr seinen Ursprung in ihrer feinen harmonischen Natur, als in der ausgezeichneten Erziehung, welche sie ja zweifellos empfangen hatte. Sie hatte sowohl in ihrem eigenen Heim wie im Auslande stets in den besten Kreisen verkehrt, und diese adligen Gutsbesitzer, welche alle Prätensionen ihres Standes hatten, ohne die geistige Elastizität hochgebildeter Hauptstädter und deren vielseitigen Charme in der Unterhaltung 31t besitzen, imponirten ihr durchaus nicht, sondern riefen häufig ein kleines kritisches Lächeln bei ihr hervor. Die schiefe, ältliche Komteffe mit dem Ordensband war z. B. über alle Begriffe lächerlich, und der dicke, rothwangige Baron Scholl, der stets die Hände in den Hosentaschen hatte, glich mehr einem jütischen Pferdehändler als einem Edelmann, gar nicht zu reden von dem Gigerl, das eben aus Paris zurückgekehrt war und mit Bravour die Rolle des Jean de France spielte. Rachel kannte den Adel sehr gut und wußte wohl, daß derselbe im Ganzen augeerbte, feinere Umgangsformen besaß als der Bürgerstand, aber dafür hatten die Bürgerlichen mehr Kenntnisse und Interessen. Btanche Adlige waren, gleich vielen hohen fürstlichen Personen, von einer, grenzenlosen Unwissenheit in Dingen, die jeder moderne Schulknabe wußte. Man mußte sich deshalb im Verkehr mit ihnen nicht allein hüten, ihre Unwissenheit zu sehr bloßzustellen, sondern auch das Niveau der Unterhaltung herabschrauben und diese auf ein bestimmtes engeres Gebiet beschränken. Rachel hatte die Gabe der Weltdame, mit Leichtigkeit auf die Interessen Anderer einzugehen. Sie sprach mit den Herren von Sport und Genealogie, von Pferden und Hunden, mit den loyalen Damen vom Hofe und den neuesten Pariser Moden, von der Kur des Königs in Wiesbaden und der glänzenden Toilette, welche die Baronin Mohrenheim bei der letzten Soiree im russischen Gesandtschaftshotel getragen hatte, die mit der Gegentvart der Majestäten beehrt war. Manchmal wurde ihr die Unterhaltung aber doch zu langweilig und fade. Ihr gesundes demokratisches Blut empörte sich in dieser schwülen, verdummenden Adelsluft, welche jede neue, frische Zeitströmung ausschloß. Nicht ohne Neugier beobachtete sie die Baronesse Dagmar, welche ihr freundlich und ungenirt entgegen gekommen war, ohne nur eine Spur von Neid der Verschmähten gegen die glücklichere Rivalin zu zeigen. Rachel dachte bei sich, daß dies wohl einer der Vorzüge adliger Bildung sei, denn ein kleines bürgerliches Mädchen würde sich nicht so gut zu beherrschen gewußt haben. Baronesse Dagmar war ein großes, mageres, burschikoses Mädchen mit hübschen ehrlichen, grauen Augen. Sie', trug ihr Haar nach Knabenart kurz abgeschnitten und hatte ziemlich ^linkische. Bewegungen Auf dem linken Arm trug sie ein sogenanntes Bettelarmband, welches mit allerlei Münzen behängt war, die bei jeder ihrer Bewegung klingelten wie ein Dutzend Schafglocken. Sie kam fast nie aus ihrer ländlichen Einsamkeit nach Kopenhagen, aber sie bewunderte die Hauptstadt par distance und war nur allzu sehr geneigt, ihren Moden und Unsitten zu folgen. Man hatte ihr erzählt, es sei jetzt äußerst fashionable für die jungen Hauptstädterinnen. Sport zu treiben, und das stimmte vollständig mit ihrem persönlichen Geschmack überein. Sie konnte sowohl reiten als ihr Boot rudern und vervollkommnete sich in der neuen Richtung noch dadurch, eine Menge russischer Cigaretten zu rauchen, Kopenhagener und Pariser Kouplets zu singen, und sie scheute selbst nicht vor einem Fluch oder frivolen Wortspielen zurück. In ihrer Unterhaltung mit Herren war sie äußerst ungenirt und galt natürlich hier für sehr emancipirt. „Wir wollen gute Freundinnen werden," sagte sie, indem sie Rachel unter den Arm nahm und ihr gleich eine Menge kleiner Thorheiten anvertraute. Rachel begriff sofort die Situation. Dies Mädchen hatte kein Opfer gebracht, sie hatte Holger nie geliebt, sondern nur einen guten Kameraden in ihm gesehen. lFortsetzung folgt.) Littl'rarrsche Mrttheilungen. — S. Bäck: Die Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Litteratur vom babylonischen Exile bis auf die Gegenwart. Zweite verbesserte Auflage. Frankfurt a. M. 1894. I. Kauffmann. — Ein in Schule und Haus vielfach bewährtes Buch wird hier in zweiter und wesentlich verbesserter Auflage geboten. Die Anerkennung, welche dasselbe schon vorher gefunden, wird dieser zweiten, elegant ausgestatteten Ausgabe sicher in noch reicherem Maße zu Theil werden. Der Hauptwerth derselben liegt in der objektiven und anschaulichen Darstellung der geschichtlichen und litterarischen Entwickelung des jüdischen Volkes. Durch die geschickt ausgewählten Litteratur-Proben, welche den Anhang bilden, hat die zweite Auflage eine dankenswerthe Bereicherung erfahren. Dieselben schließen sich an die einzelnen Kapitel der Geschichte an und