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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-02 · Heft 9 (2.3.1894) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 9 (2.3.1894)
Date
1894-03-02
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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B. ihre große Mäßigkeit, ihre orientalische Nüchternheit «. s. w., als ihre greifbareil Fehler, welche das nordische Volk reizten, zwischen welchen sie lebten. Einer ihrer Vettern erzählte ihr beispielsweise, er habe sich mit seinem Christenfreunde erzürnt, weil er Abends im Cafe nur immer eine Taffe schwarzen Kaffee genommen, während der Christ wenigstens sechs Gläser Bier und Toddy getrunken habe. Der Freund wurde schließlich so erbittert über diese unkameradschaftliche Nüchternheit, daß er mit ihm brach. Rachel betheiligte sich am geseüschaftlichen Leben — sie hatte vielen Verkehr, aber keine Freundin —, aber sie fühlte sich auch dabei unglücklich, weil sie häufig Aeußerungen hörte, welche sie verletzten. Da ihr Aeußeres nicht jüdisch war, weil sie mit ihrem regelmäßigen Profil einer Italienerin glich, vergaß man ihre Abkunft zuweilen und sprach in ihrer Gegenwart schlecht über ihre Rasse. Ein kleiner stumpfnasiger Student sagte beispielsweise einmal in ihrer Gegenwart: „Der Fehler ist, daß die Juden, wie die Neger in Amerika und die Leibeigenen in Rußland, zu früh emanzipirt sind. Sie konnten diesen kraffen Uebergang von tiefer Erniedrigung zu vollständiger Freiheit und Gleichheit mit uns Anderen nicht ertragen." Zu früh frei geworden! — Diesen und ähnlichen Unsinn mußte sie anhören, ohne eine Miene zu verziehen. Sie litt im Stillen. Viele Jüdinnen würden an Rachels Stelle, unter ihren günstigen materiellen Verhältnisseil sehr zufrieden in Kopenhagen gelebt haben, ohne die feindlichen Elemente zu verspüren oder zu beachten. Rachel war anders geartet lvie die Uebrigen. Sie war äußerst empfindlich und besaß einen fast krankhaften Stolz, großes Feingefühl, und sie machte, wie die meisten schönen und geistig groß veranlagten Frauen, bedeutende Ansprüche an ihre Umgebung. Sie wollte nicht blos geduldet werden — man sollte auch zu ihr emporsehen und sie bewundern. Im Laufe der Zeit wuchs ein feindseliges Gefühl gegen das Land, in dem sie geboren und doch eine Fremde war. bei ihr empor. Sie hatte nicht mehr den Muth, wir Dänen zu sagen, was ihr als eine leere Prahlerei erschienen wäre, sondern sie sagte „die Dänen", als wären diese eine Nation, an der sie keinen Antheil hatte. Es war gekränkte Liebe, denn sie hatte Dänemark ihre volle töchterliche Zuneigung entgegengebracht, welche indessen nicht vergolten wurde. Die Sehnsucht, Dänemark zu verlassen und andere Länder zu sehen, ergriff Besitz von ihr. Nachdem sie eben erwachsen war. wurde sie kränklich. Ihre Brust war schwach, ohne angegriffen zu sein, lind da ihr alter Hausarzt einen längeren Aufenthalt im Süden für sie empfahl, war diese eine unerwartete Erfüllung ihrer eigenen stillen Wünsche. In Tante Rebekkas Begleitung reiste sie im nächsten Winter nach Rom. wo ein neuer Abschnitt ihres Lebens begann. Hier gab es keine Judenfrage, und ihre Rasse assimilirte sich leicht mit den braunen dunkelällgigen Italienern. Alles kam ihr mit offenen Arnien entgegen. Unter diesem blauen warmen, Himmel, zwischen Pinien und Rosen, fühlte sie, daß sie ein echtes Kind des Südens war, daß ihre wirkliche Heimath hier im Lande des Sonnenscheins war, zwischen diesen schönen, lebhaften Menschen, welche keine Spirituosen nöthig haben, um vergnügt zll werdeil, sondern die sich in ihrer eigenen kindlichen Lebensfreude berauschen. Doch auch hier wurde sie hin und wieder an das erinnert, was sie am liebsten vergessen hätte. Auf einem ihrer Ausflüge längs der Tiber kam sie eines Tages zufällig in den Ghetto, und alles Abschreckende, welches sie in diesen dunklen, engen, stinkenden Straßen sah, machte sie mehrere Tage krank. Alte zerlumpte Wäsche hing aus fast allen Fenstern, vor den Thüren wimmelte es von schmutzigen Weibern und Kindern, von denen einige arbeiteten, während andere die Geheimnisse ihrer Toilette entfalteten, sich wuschen, ihre Haare kämmten u. s. w., aber alle Augen sahen dem eleganten, jungen Mädchen mit einem zugleich neugierigen und traurigen Blick nach. In einigen Augen lag derselbe Ausdruck der Resignation, den man bei kranken Thieren wahrnehmen kann. — Es war ihr ein entsetzlicher Gedanke, daß diese schmutzigen, zerlumpten Weiber, welche alten, vertrockneten Hexen glichen, ihrem Stamm angehörten. Mit dem Spitzentuch vor der Nase veließ sie schaudernd den finstern Ghetto und athmete erst befreit auf, als sie wieder draußen im Sonnenschein auf einem großen, freien Platz war, auf dem statt einer Synagoge eine hohe Marmorkirche stand. Als sie während des Karnevals Zeugin des Rennens der wilden Pferde war, die durch den Korso sprengen, um die Römer zu amüstren, bei denen einige barbarische Neigungen noch nicht ausgestorben sind, mußte sie mit Zittern daran denken, daß diese Rennen ja nur das Surrogat für eine andere noch rohere Belustigung waren, daß die alten Römer ein grausames Vergnügen daran gefunden hatten, nackte Juden durch denselben karnevalsfrohen Korso peitschen zu lasten, wo jetzt Rachel, die Jüdin, ans einem der theuersten mit eleganten Teppichen belegten Balkons saß, von einem kleinen Hofstaat römischer und skandinavischer Anbeter umgeben. In das Haus des dänischen Gesandten eingeführt, machte sie dort im zweiten Jahre des römischen Aufenthalts die Bekanntschaft des Legationssekretürs Baron L. Er war hübsch, lebhaft und gewandt, hatte helle Hautfarbe und goldblondes Haar, welches von jeher Rachels Ideal gewesen war, und er machte ihr stark den Hof. Sie erwiederte seine Zuneigung und sie verlobten sich. Nach kurzer Zeit mußte er in einer diplomatischen Angelegenheit nach Dänemark reisen, und dann kam der Bruch. Familienrücksichten, schrieb er ihr aus Kopenhagen, nöthigten ihn, ihr mit blutendem Herzen ihr Wort zurückzugeben. Sie ahnte, was er nicht aussprach, daß ihre unglückliche Rasse und ihr Glaube zwischen ihnen standen. Sie erkrankte ernstlich vor Kummer, Gram lind Scham. Mit der ganzen Gluth ihres jungen Herzens hatte sie aufrichtig diesen leichtsinnigen, blonden Christen geliebt, und viele Jahre vergingen, bevor sie ihn vergessen konnte und Ruhe und Frieden wieder in ihr Herz einkehrten. Dann traf sie Holger auf ihrem Lebenswege.

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