Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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MMMUWMWWMMMWWWM 164 kulturen und Saatfelder ausbreiteten. Jüdische Kolonisten waren die Schöpfer und Bewohner dieser herrlichen Anlagen. Ihre Burgen ragten auf zahlreichen steilen Basaltkegeln aus dem Kranze der Palmenwälder hervor. Der Besitz dieser Gegend schien jetzt dem religiösen Tyrannen von Medina der Mühe eines vorausfichtlich nicht unblutigen Feldzuges werth. Seine Krieger waren durch Aussicht auf reiche Beute leicht zu begeistern. Durch geschickte Märsche kam man ziemlich unerwartet in die Nähe von Otiaidar, man fand heftigen Widerstand. Erst als Verrätherei sich einmischte, fiel eine Burg nach der andem. Schließlich blieben nur noch zwei feste Orte, in welche auch die Meisten aus den anderen aufgegebenen Plätzen sich gerettet hatten. Nach zehntägiger Belagerung baten sie um Frieden. Es wurde ihnen freier Abzug mit ihren Familien und ihren beweglichen Habseligkeiten gewährt. Wahrscheinlich schon nach dem Friedensschluß soll eine Jüdin, Namens Zainab, den Versuch gemacht haben, Muhammed durch Gift aus dem Wege zu räumen. Während einer seiner Genossen der Wirkung des vergifteten Fleisches, das die Frau ihnen vorgesetzt hätte, erlag, spie der Prophet den verhängnißvollen Bissen noch rechtzeitig aus; die Jüdin aber, zur Rede gestellt, erklärte, sie habe sich überzeugen wollen, ob er ein Prophet sei oder nicht. Im elfteren Falle hätte es ihm ja nichts geschadet, im andern hätte er ja verdient zu sterben. Nach einigen Berichten nahm sie den Islam an und rettete mit den Ihrigen das Leben, nach anderen wurde sie hingerichtet. Es blieben noch die ansehnlichen Orte Wadilkura, Fadak und Taima; sämmtlich ergaben sie sich ohne Vertheidigung, wahrscheinlich gegen Ende des Jahres 7 d. Fl. — Eines seiner Ziele hatte Muhammed erreicht: kein Jude in Arabien wagte mehr, die Hand gegen ihn zu erheben oder anders als im vertrautesten Kreise der Glaubensgenossen seinen Anspruch ans die Prophetie zu bestreiten. Immerhin blieb noch eine nicht unbedeutende Anzahl von ihnen in ihren Wohnsitzen; erst der Chalif 'Omar ergriff eine Maßregel, die von dem Standpunkte dieses überaus klugen und umsichtigen, aber auch in der Ausführung seiner weitsichtigen Pläne höchst energischen Mannes wohl richtig zu nennen ist: er machte tabula rasa: das weite Gebiet Central-Arabiens, das unter dem Namen el-hidschaz bekannt ist, wurde Juden wie Christen verschlossen; alle Nicht-Muslims mußten es räumen. Ein schnell fabrizirter Spruch des Propheten sollte besagen, daß innerhalb Arabiens zwei Religionen sich nicht begegnen könnten. Das, was Sie gehört, meine Damen und Herren, sind die Hauptzüge der äußeren Beziehungen zwischen Muhammed und den Juden, eine Reihe von Ereignissen, welche in hohem Maße interessant genannt werden könnten, wenn sie nicht durch die Fülle der häßlichsten Triebe und Leidenschaften auf der einen, durch die Qualen und Leiden auf der anderen Seite so betrübend wären. In den Konflikten, welche die Verhältnisse in zahlreichen Fällen für die handelnden, hier fast immer leidenden Personen mit sich bringen, und in dem Ausgange, welchen diese Kämpfe finden, liegt eine gewaltige Tragik; andererseits hält die Vereinigung von teuflischer Bosheit und höchst schlauem Spekuliren auf die Schwächen des menschlichen Herzens in einer lebhaften Spannung. Massenhaft liegen hier Stoffe, welche unter den Händen eines Dichters, der mit Verständniß für orientalisch-semitisches Wesen begabt ist, zu bedeutenden, das Herz rührenden, das Gemüth erhebenden Werken sich gestalten ließen. Doch das Alles sind ja nur die äußeren Beziehungen. Und die inneren? — Einen höchst geistreichen Vergleich zwischen diesen inneren und äußeren Beziehungen hat der geniale Sprenger in dem kurzen Satze geleistet (Bd. III, p. 278): „Wenn die jüdische Lehre der Embryo des Islams war und durch sie die Ideen des Stifters desselben angeregt wurden, so können wir die Palmenhaine nnd die Frohnarbett der Israeliten den Dotter nennen, welcher dem jungen Geier die erste Nahrung bot," und an einer anderen Stelle (Bd. III, p. 224): „Die Juden haben für den Koran einen Theil des Stoffes und für die muslimischen Heere einen Theil des Materials geliefert. Es ist das der Welt Lauf: das junge Leben erstickt das alte, und die neue Pflanze verzehrt die vermoderte." Die jüdische Lehre, die Sprenger hier als den Keim des Islams bezeichnet, in ihr zeigen sich die inneren Beziehungen; islamisches und jüdisches Dogma, islamische und jüdische Legende, an ihrem Zusammenhänge ist kein Zweifel. „Mn Haupteinstuß auf die Gestaltung des Islams übte das Judenthum. Diese Annahme, die gegenwärtig allgemeinen Eingang findet, bleibt unangefochten," so erklärt scharf rmd deutlich Dozy in dem Werke, das in den einleitenden Worten hier erwähnt wurde. Dieser Einfluß läßt sich in ganz bestimmten, mit absoluter Sicherheit festzusteüenden Thatsachen Nachweisen. Wir befinden uns auf festem Boden; hier der Koran und die Sunna, d. h. die Aussprüche und Handlungen des Propheten in Werken, welche zum Theil kritische Arbeiten muslimischer Ueberlieferer sind, zum Theil durch die gesunde Kritik europäischer Wissenschaft leicht mit Sicherheit auf den ersten Urbestand zurückgeführt werden können; dort der Kanon des Alten Testaments und die zweite Lehre, die Mischna, der Talmud und die Midraschim, die unzweifelhaft den Juden, mit dmen Muhammed zu thun hatte, bekannt waren. Die Entlehnungen in Dogma und Legende im Einzelnen zu verfolgen, ist eine höchst interessante Aufgabe. Es ist das Verdienst des Verfassers von „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwickelung des Judenthums", des gelehrten und scharfsinnigen Abraham Geig er, diese Entlehnungen sorgfällig gesammelt, kritisch behandelt und übersichtlich dargestellt zu haben. Seine Schrift „Was hat Muhammed aus dem Judenthum ausgenommen?" ist 1833 erschienen. Sie hat heute noch Werth, ist nicht durch Besseres ersetzt, so oft auch gesagt und geschrieben worden ist, der Gegenstand erheische eine dem heutigen Stande der Wissenschaft angemessene Behandlung. Im Jahre 1878 erschien die Promotionsschrist von Hartwig Hirschfeld: „Jüdische Elemente im Koran", im Jahre 1886 gab derselbe Gelehrte seine „Beiträge zur Erklärung des Koran" heraus; in beiden Arbeiten hat er höchst schätzenswerthes Material zur Behandlung der Frage beigebracht und manches Problem gelöst oder der Lösung zugeführt. Eine umfassende und erschöpfende Neubearbeitung des religionsgeschichtlich und kulturhistorisch so wichtigen Gegenstandes harrt noch des kühnen Mannes, der sich an diese Aufgabe wagt, die heute freilich in ganz anderer Weise zu erledigen ist, als vor sechzig Jahren. Dozy schließt die mehrerwähnte Arbeit „Die Israeliten zu Mekka" mit den selbstbewußten Worten: „Bisher hielt man den größten Theil der muslimischen Lehrsätze für israelitisch, alles Uebrige dagegen für heidnisch, arabisch. Wir hoffen den Beweis geliefert zu haben, datz auch dieses israelitischen Ursprunges ist." — Ich möchte meine Ausführungen, die nichts sein wollen, als eine prunklose Darstellung von Begebenheiten, mit den Worten schließen: Die wahre Geschichtsschreibung geht nicht von einer Idee, einer vorgefaßten Meinung aus und konstruirt aus den Nachrichten, die sie von den Geschehnissen findet, ein Gebäude, vas jenem subjektiven Gebilde entspricht, sondern sucht aus den kritisch gesichteten Quellen die Thatsachen herauszuschälen und diese mit einander in Zusammenhang zu bringen; dann tritt das wahre Bild des Ganzen von selbst vor beit Geist des Lesers oder Hörers.