Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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w w T^fT ,WT>rvl‘’«^‘wK**v^ ----* i - -i " " V" —— 103- Kuraiza nicht fertig werden. Die verhielten sich übrigens nicht allzu geschickt. Sie hatten leider aus den früheren Vorkommnissen nichts gelernt. Sie waren tapfere Leute und hätten sich bei ihrer Anzahl — sie waren über 600 Mann stark — wohl durchschlagen könne». Aber sie meinten, sie würden zu guterlctzt immer noch die Bedingungen ihrer früheren jüdischen Mitbewohner erlangen können; nach einigen Plänkeleien schlossen sie sich in ihre Festung ein und ließen sich belagern. Nach 14 Tagen mußten sie aus Mangel an Lebensmitteln sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Sie thaten es mit nicht allzu großer Besorgniß in der Hoffnung, daß ihre früheren Verbündeten, die Beim Aus, sie losbitten würden, wie zwei Jahre vorher ihre Glaubensgenoffen, die Beim Kainuka‘ von den Beim Chazradsch gerettet worden waren. Muhammed konnte nicht direkt nein sagen, damit die Ans sich nicht gegen ihre alten Rivalen zurückgesetzt fühlte». Aber die Vernichtung der Juden war ihm beschlossene Sache, und er fand zu ihrer Ausführung ein Mittel von geradezu teuflischer Niedertracht, worauf es ja diesen Feinden Allahs gegenüber nicht ankam. Der Häuptling der Aus, — Sa‘d ben Mu‘ad hieß der Brave, ein eifriger Knecht Gottes — lag auf dem Tod an einer Wunde, welche er während der Belagerung erhalten. Er wußte, daß er sterben muffe, und war voll Ingrimms gegen Alle, die im Grabenkriege gegen ihn gestanden hätten, auch gegen die angeblich verrätherischen Juden. Der Schlaufuchs Muhammed wußte wohl, welch' Geistes Kind der Mann war, den er auch sonst als Fanatiker kannte. Als die Ausiten, die Eidgenoffen der Bemi Kuraiza, die übrigens an der Belagerung theilgenommen hatten, das Schlimmste verhüten wollten und in dringlicher Weise dem Propheten ihre Vermittelung anboten, trug dieser gar kein Bedenken, eine billige Liebenswürdigkeit zu üben; zuvorkommend erklärte er, er lege die Entscheidung vollkommen in die Hände ihres dem Tode nahen Stammhauptes. Er hatte sich nicht geirrt. Mit jener Grausamkeit, welche allezeit die richtige Schwester des Fanatismus war, lällte der Mann, der den eigenen Tod vor Augen hatte, den mitleidosen Richterspruch: die Männer werden getödtet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft, die Güter vertheilt. Muhammed verfehlte nicht, dieses Urtheil sofort als Gottes Willen zn bezeichnen. Anderen Morgens wurde der Spruch vollzogen. Den ganzen Tag währte die widerwärtige Schlächterei, denn es waren über 600 Juden, welche den Tod für ihren Glauben erlitten. "Ein Einziger rettete durch Uebertritt zum Islam das Leben. Die Anderen starben Mann für Mann unter Bethätigung eines Heldenmuthes, den man nach ihrer vorherigen ängstlichen Haltung kaum erwartet hätte. Die Frauen und Kinder wurden Sklaven, eine schöne Jüdin, Reihana, fiel dem Propheten als Antheil zu, der sie zum Islam bekehren ließ und dann in seinen Harem aufnahm. Von dem Heldenmuth, den die unglücklichen Opfer eines nutzlos grausamen Haffes bewiesen, wird ein Beispiel erzählt, das Sprenger in seinem „Leben und Lehren Muhammeds" ausführlich mittheilt. Der Jude Zubair (Andere nennen ihn Zabir) hatte einem später zum Islam übergetretenen arabischen Manne in einer Schlacht das Leben geschenkt; in der Noth wandte er sich an ihn um Rettung. Der Muslim ging zum Propheten und erwirkte nicht blos, daß ihm das Leben geschenkt, sondern auch, daß ihm Habe und Familie belaffen wurde. Auf die Nachricht davon fragte der jüdische Greis: „Was ist aus dem Manne geworden, in dessen Antlitz sich die Jungfrauen des Stammes wie in einem Spiegel besahen, As‘ad ben Ka‘b?" — „Er ist tobt." — „Was macht Hujai ben Achtab, der Mulhige, der Gütige?" — „Todt." — „Wo ist Azal ben Samuel, der,im Angriff vorausgeht und auf dem Rückzuge schützt?" — „Todt." — „Was macht Nabbaseh ben Kais, der Schlaue und Verschmitzte, wo weilt Wahb ben Zaid, der Fahnenträger der Juden?" — „Todt." — „Wie befindet sich Okba ben Zaid, der Vertreter jüdischer Gastfreundschaft, der Vater der Waisen und Armen?" — „Todt." — „Und sind die beiden ‘Amr noch am Leben, die gemeinsam die Erklärung der Thora betrieben?" — „Auch sie sind todt." — „Dann, o Freund, was liegt mir am Leben, nachdem sie todt sind? Soll ich zu der Stätte zurückkehren, wo sie vordem wohnten, und dort nach ihrem Tode weiterleben? Bei der Wohlthat, die ich dir erwiesen, und die ich bei dir gut habe, bitte ich dich, mich nicht zu diesem Mörder zu bringen, der mich auf den Richtplatz führen würde. Hier ist mein Schwert; nimm es. es ist scharf. Enthaupte mich, aber halte mir den Kopf und haue höher als die Wirbelknochen, denn der Rumpf sicht schön aus, wenn der Hals noch daran ist. Ich mag nicht so lange warten, wie das Ausleeren eines Eimers dauert, bis ich mit meinen Lieben zusammenkomme." — Darauf der Muslim: „Ich bin nicht im Stande, dich zu tödten." — Der Jude: „Es liegt wenig daran, wer mir diesen Dienst erweist. Aber geh' zu deinem Herrn und bitte ihn, meiner Frau und meinen Kindern die Freiheit und ihr Vermögen zn schenken." — So geschah's. Zwei andere Muslims übten das Scharfrichteramt; Jener aber nahni die Familie des Ermordeten in sein Haus auf. — Sprenger knüpft an diese in ihrer Einfachheit ergreifende Erzählung eine Betrachtung (Bd. III p. 221): „Ich bewundere den Heldenmuth des greisen Juden," sagt er, „welcher das Schicksal seiner Freunde theilen wollte; aber ich bewundere noch mehr die Berichterstatter. Diese Darstellung ist allmälig von den Ueberlieferern erweitert worden, und sie ist vollendeter in neueren als in alten Versionen. Sie ist daher nicht Eigenthum eines Mannes, sondern mehrerer Generationen von gcaubärtigen Traditionisten. Der Soldat hält es für Ehrensache, dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren zu laffen; von Verbrechern werden oft Züge von Großmuth erzählt, und es hat Räuber gegeben, welche ihrer Miidthätigkeit wegen berühmt geworden sind; selbst Fürsten und ihre Schergen haben in seltenen Fällen Achtung für die Grundsätze ihrer politischen Gegner an den Tag gelegt, aber dies ist der einzige mir bekannte Fall, daß Theologen Bewunderung für den Heldenmuth eines Andersgläubigen ausgesprochen haben, und ich zweifle, ob in allen sechzig Foliobänden der Bollandisten auch nur ein Charakterzug vorkommt, welcher dem menschlichen Herzen so viel Ehre macht, als diese muslimische Schilderung des Todes eines heldenmüthigen Juden." Zu diesen Ausführungen Sprengers muß leider bemerkt werden — um nicht eine schiefe Ansicht aufkommen zu laffen —, daß, wenn hier einmal die muslimischen Ueberlieferer der Wahrheit die Ehre gegeben haben, dem Ströme von Tinte gegenüberstehen, welche sie auf die Fälschung der Geschichte verspritzt haben, namentlich wo es sich um die Darstellung des Verhaltens Andersgläubiger handelt, wodurch freilich die gleiche Handlungsweise der Theologen anderer Konfessionen nicht bester wird — es ifi eben im Namen der Religion allenthalben viel Unfug getrieben worden und wird getrieben. Ob nun wirklich noch eine Handvoll verstreuter Juden in Medina übrig waren, wie es nach einigen Berichten scheinen könnte, ist ganz unwesentlich, übrigens nicht wahrscheinlich. Von Macht, Einsehen, Vermögen war für sie in dieser Stadt nichts mehr zu holen, sie hatten dort nichts mehr zu suchen. Doch der Prophet war mit diesen Feinden Allahs und seines Gesandten noch nicht fertig. Haß, Beutegier und Berechnung mußten ihn dazu führen, diese Andersgläubigen wie in Medina so in ganz Arabien zu vernichten. ,r; Nordnordöstlich von Medina erstreckt sich ein weites vulkanisches Gebiet, die Harra von Cbaibar, in deren Mitte sich, dank ihrem Wasserreichthum und menschlichem Fleiße, weitberühmte Palmen-