Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 die ehr liche Arbeit in dem einmal erwählten Berufe kommt es an — und wie die Arbeit, so der Lohn, sagen unsere Weisen. Vor Allem aberzeige man durch sein Beispiel, daß man die Arbeit nicht nur ehrt, sondern auch selber übt. Die Kinder niüssen sehen, daß auch wir fleißig sind, daß unsere Arbeit pünktlich, sorgfältig und tadellos ist, daß wir uns nicht vom Vergnügen beherrschen lassen. Lassen wir ihnen kein Vergnügen zukommen, das sie sich nicht durch Fleiß und Wohlverhalten verdient haben — dem einen werden wir es schwerer, dem anderen leichter machen müssen — aber lassen wir es ihnen in Fleisch und Blut übergehen: Erst die Arbeit und dann das Vergnügen — wenn es sein kann; wenn es aber nicht sein kann, dann erst die Arbeit und dann noch einmal die Arbeit. Thue man nur ja nicht so, als bedinge jede Arbeit auch eine Belohnung, sondern mache den Kindern begreiflich, daß, wer arbeitet, eben nur seine Schuldigkeit thut; tritt eine Belohnung ein. so ist das eine besondere Gunst, deren sich andere Kinder, oder selbst erwachsene Leute nicht immer zu erfreuen haben. Auch die Mutter gebe ihren Kindern, besonders aber den Töchtern, das Beispiel einer fleißigen und sorgsamen Hausfrau; sie verschiebe nichts unnöthiger Weise auf morgen, achte auf Pünktlichkeit, auf peinliche Sauberkeit und Ordnung, und dulde nichts Schmutziges, nichts Unvollständiges, nichts Zerrissenes, kurz: nichts Unordentliches im Hause. Dann wird es auch den Kindern in Fleisch und Mut übergehen, und sie werden nicht nur genügende Beschäftigung im Hause finden und vor dem Müßiggänge und seinen Folgen, vor eitler Vergnügungssucht sicher sein, sondern sie werden die Arbeit lieben und schätzen, aber nicht als entehrend und für sie nicht passend ansehen. Auch werde die Mutter nicht müde, durch ihr eigenes Beispiel zu zeigen, daß es keine Schande ist, zuzugreifen, wenn es Arbeit im Hause giebt, und daß keines meinen dürfe, dies oder das sei Sache der Dienstboien und komme keinem Andern zu; immer wieder ist der Grundsatz einzuprägen, daß jede notwendige Arbeit auch ehrenhaft, und nur die schlechte und stümperhafte Arbeit entehrend, namentlich aber, daß Faulheit eine Schande ist. Das eigene Beispiel, und wenn möglich auch der Hinweis auf die bösen Folgen der Faulheit, der Nachlässigkeit und des falschen Ehrbegriffs bei Anderen thun hier gute Dienste. Wenn man in dieser Weise die Kinder zur Arbeit und zur Achtung vor der Arbeit erzieht, wird ihnen der Hochmuth gegen Arbeiter und Untergebene fremd bleiben, lind unbewußt werden sie zu der Einsicht kommen und darnach leben, daß nur die Arbeit und der Werth der Arbeit den Werth des Menschen bestimmt, nicht aber das Geld und die Geburt, denn diese beiden sind ja nur zufällig, und darum kann ein verständiger Mensch auf sie allein nicht stolz sein. Die beklagenswerthe Spannung, die heute zwischen den einzelnen Ständen besteht, namentlich zwischen Reichen und Armen, könnte nicht so große Ausdehnung genommen haben, wenn die Achtung vor der Arbeit allgemein wäre. Die rechte Arbeit erfordert aber vor allem Geduld, und darin die Kinder zu üben, kann man gar nicht früh genug anfangen. „Gut Ding will Weile haben"; darum laffe man sich die Mühe nicht verdrieße», langsam und bedächtig zu üben, noch ein Mal und ein drittes Mal zu beginnen, bis es gelingt. Will das Kind ungeduldig werden, so erziehe man es zur Geduld, indem man ihm noch größere Geduld entgegenbringt. Allmählich lernt es diese, und dann kann man es ruhig selbst weiter arbeiten lassen; nur von Zeit zu Zeit wird ein Eingriff nöthig sein. ’ Ebenso gewöhne man sie bei Zeiten daran, ihre Ungeduld zu bezähmen, wenn es sich um ein Vergnügen oder um die Erfüllung eines ihm gegebenen Versprechens, oder um sonst etwas handelt, das sie mit Ungeduld erwarten; ihrer Ungeduld setzen wir Geduld und Ruhe, unerschütterliche Ruhe entgegen. Das ist ihnen heilsam und ein Hort für das Leben, das uns ja auch nicht verwöhnt und auf die Erfüllung unserer Wünsche gern lange, bisweilen sogar xecht lange warten läßt. Wohl uns, wenn wir dann geduldig bleiben und immer freudig und zuversichtlich an die Arbeit gehen können. Je geduldiger unsere Kinder werden, desto zuverlässigere Menschen werden sie dereinst sein. Darum spreche man auch oft mit ihnen über die Geduld und benutze jede Gelegenheit, ihnen klar zu machen, wie richtig das ist, was in den Sprüchen Salomo's 14, 29 gesagt wird: „Wo viel Geduld, ist viel Verstand"; und ferner, daß nur treue und ausdauernde Arbeit des Menschen würdig ist und ihn zu einem ehrenvollen Ziele führen kann. In den genannten Sprüchen heißt es an einer anderen Stelle (28, 20): „Ein treuer Mann wird viel gesegnet; wer aber eilet, reich zu werden, bleibt nicht ungestraft". Auch hierüber zu sprechen und die Richtigkeit womöglich an Beispielen, zu beweisen, unterlasse man nicht. Kinder, die man so durch Wort und Beispiel erzogen hat, werden leichter einen Beruf wühlen, weil sie die Arbeit nicht scheuen, weil sie wissen, daß die Arbeit ehrenvoll ist; daß ehrliche Arbeit nur langsam, aber um so sicherer von statten geht; weil ihr Streben nicht von Anfang an darauf ausgeht, reich, sondern vor Allem tüchtig zu werden. Muhammed und die Juden. Ein Bortrag, gehalten im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Berlin von Professor Dr. M. Hartmann. (Schluß.) on den medinischen Judenstämmen waren nur noch die Beim, äLJ Kuraiza übrig, die einen befestigten Vorort im Südosten der O Js Stadt inne hatten. Es war natürlich, daß diePerbündeten vor dem Grabenkriege sich mit diesen in Verbindung zu setzen suchten. Man wird wohl annehmen dürfen, daß es das einzig Vernünftige für die Juden gewesen wäre, der Aufforderung zum Beitritt der Koalition zu folgen; sie hätten derselben die wichtigsten Dienste leisten können,' denn ihr Quartier lag an einem schwer zu vertheidigenden Punkte der Stadt; aber sie konnten sich nicht entschließen. Muhammed bekam Wind, und der Schlaue fand schnell ein gefügiges Werkzeug, einen zweideutigen Menschen, der in geschickter Weise zwischen den Juden in der Stadt und den Verbündeten draußen hin- und herging und Mißtrauen säete. Eines Morgens waren die Belagerer abgezogen. Mittags tvar von den Gläubigen das Gebet verrichtet worden. Als sie nach demselben die Waffen ablegen wollten, ließ der Prophet ausrufen, das sei nicht die Zeit, da die Engel die ihrigen noch nicht abgelegt hätten. Das Nachmittagsgebet solle im Quartier der Beim Kuraiza gehalten werden. Damit erreichte der Prophet noch einen andern Zweck: der Dienst war während der Belagerung ein äußerst anstrengender für die Gläubigen gewesen. Und der Erfolg? — Die Feinde waren unbehelligt von dannen gezogen! Muhammed selbst war gescheit genug, die günstige Wendung zu begreifen und gab seiner Ansicht von der Sachlage in den Worten Ausdruck: „Von nun an bekriegen nicht mehr sie uns, sondern wir sie." Die einfachen Leute waren nicht so weitblickend, die wollten einen realen Erfolg sehen. Die gereizte Stimmung, die Kriegserbitterung mußte sich entladen. So schnell, zwischen Mittags- und Nachmittagsgebet — beiläufig eine Zeit von 2V- Stunden — ließ sich freilich mit den Benu