Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-02 · Heft 9 (2.3.1894) · p. Seite 101

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 9 (2.3.1894)
Date
1894-03-02
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228050--50633-3273451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 101 —— Daß übrigens manche Juden hier ihrem angestammten Glauben vor allem Andern den Vorzug geben, geht aus den über fast alle englische Städte, wo Juden wohnen, verbreiteten^ '22N, Choveve Zion, Vereinen hervor. Diese Zionliebenden, welche Einen in gewisser Beziehung an die vor Jahren in Deutschland Staub aufwirbelnden „Zionswächter" erinnern, suchen Propaganda für jüdische Kolonisation Palästinas zu machen. Soweit Ackerbau ins Auge gefaßt und der demoralisirenden Vertheilung der Chalukagelder dadurch mit der Zeit völlig Einhalt gethan und die Sache mit Ruhe und Ueberlegung angegriffen wiirde, könnte jeder vernünftige Jude damit einverstanden sein und sich freuen, wenn russische Juden im heiligen Lande ein Plätzchen fänden, wo sie im Schweiße ihres Angesichtes ihr Land bebauen und in Ruhe ihr Brod verzehren können. Wenn aber die „nationale Idee", ein jüdisches Reich in Palästina zu gründen, in einigen heißspornigen Köpfen der Zionliebenden spukt, so kann man nur Mitleid haben mit solchen Träumern, die nicht bedenken, daß zunächst die Türkei, dann aber Rußland und andere Staaten denn doch gegen ein sogenanntes jüdisches Reich mit der Hauptstadt Jerusalem Einsprache erheben würden. Wenn jene botspurs meinen, so ein jüdischer Staat könnte wirkungsvoller für unterdrückte Glaubensgenossen eintreten, so möchte ich wissen, mit welchem Erfolge die Intervention eines etwaigen jüdischen Königs oder Oberpriesters von Jerusalem beim Kaiser von Rußland begleitet sein würde. Ein anderer Verein, der der Makkabäer, der sich nur auf London beschränkt und die Intelligenz des jüdischen Jungenglands umfaßt, sucht nicht, wie sein martialischer Name verrathen könnte, seine Mitglieder anzufeuern zu heroischen Kriegsthaten, wie z. B. zur Wiedereroberung des heiligen Landes, sondern will nur Geselligkeit beim Mahl, bei Wein und Bier Pflegen, wobei indessenauch Vorträge gehalten werden, die dem Verein ein befferes raison d’Otre verschaffen. Eines wäre aber den leitenden Mitgliedern zu ratheu, nicht päpstlicher als der Papst, d. h. nicht englischer als der Engländer sein zu wollen und zu bedenken, daß die Abrahams, die Levis, die Nosenbergs und die Singers und die Träger ähnlich klingender Namen, die doch nur zu deutlich an ausländische Abstammung erinnern, mehr zu einem toleranten Kosmopolitismus als engherzigen Jnsularismus Hinneigen sollten. — Wie in London, so hat sich jetzt auch in der zweitgrößten Gemeinde Englands, in Manchester, ein sog. rHH 'pinia Machasike Hadath=33etein etablirt. Es glomm schon längst unter der Asche und die Ankunft einer Talmudkoryphäe, des Rabbiners Reines, bracht? die Empörung gegen den allzu hierarchischen Centralismus des Londoner Oberrabbiners zum offenen Ausbruch. Der Bewegung liegt die Idee zu Grunde, daß es im Judenthum keinen Papst gebe und jede Gemeinde ihren kompetenten Rabbiner haben müsie. Daß ihm dabei ein Beth Din zur Seite flehen müffe, das gehört ja zum Bereiche einer von polnischen Glaubensgenoffen gegründeten Gemeinschaft. Das MN Wl‘Dbtt‘7 ist diesen Leuten noch nicht recht ins Fleisch und Blut übergegangen. Die Folge dieses neu etablirten Rabbinats und Gerichtshofes ist, daß wir in den jüdischen Zeitungen Englands schon seit einigen Wochen Ankündigungen aus beiden Lagern erblicken, die sich gegenseitig ihr von den ihnen unterstehenden Schochtim geschlachtetes Fleisch für trepha erklären. Der jüngste Verein ist der erst in vorletzter Woche ins Dasein getretene „Englische Rabbinerverband" (Jewisli Ministers Union). Ein solcher Verein war bislang kaum möglich, da es wenige Gemeinden gab, die kompetente, d. h. wiffenschafttich gebildete Rabbiner hatten. Nun aber ist die Sache anders geworden und durch den Zuzug ausländischer Juden haben sich größere gebildete Gemeinden orgamsirt, denen es Bedürfniß ist. akademisch gebildete Prediger und Rabbiner zu haben. Schreiber dieses hat daher schon seit längerer Zeit in jüdisch-englischen Blättern einem solchen Vereine das Wort geredet. Nun ist der Rabbinerverband ins Dasein getreten und wir wünschen dem Neugeborenen viel Glück für seine Erdenlaufbahn. 22-11 r6sc Pädagogische Plaudereien. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. 2. Die Arbeit. dr allen Dingen müffen unsere Kinder den biblischen Satz, der zugleich für jede vernünftige Lebensanschauung grundlegend ist: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brod effeu", also die Arbeit kennen und schätzen lernen. Das Maß sowohl, wie die Art der Arbeit selbst, sind freilich verschieden, je nach den Vermögensverhältniffen; aber arbeiten und die Arbeit hochschätzen soll und muß Jeder, der nicht ein lästiges Glied der menschlichen Gesellschaft werden will. Deshalb soll schon das Kind in der untersten Schulklasse zur Arbeit angehalten werden; man überbürde es nicht, sondern richte sich nach seiner körperlichen Leistungsfähigkeit nicht minder, wie nach seiner geistigen; denn die Gesundheit bleibt allzeit die Hauptsache, und ein gesunder Geist kann nur in einem gesunden Körper wohnen; aber man hüte sich vor übertriebenem und unangebrachtem Mitleid. Das Kind mag geschont werden, es mag wenig Arbeit bekomme», damit eS viel Zeit behalte zu spielen und sich zu tummeln, aber was ihm zugemuthet wird, das muß es leisten, und zwar gut, nicht stümperhaft; eine mangelhafte Leistung muß ihm schon frühzeitig als nutzlos und verwerflich, als Schande bezeichnet werden. Nichts ist verkehrter, als sich mit halben oder sonstwie ungenügenden Leistungen der Kleinen zu begnügen; so erzieht man Stümper, die keinen rechten Maßstab für ihre eigenen Leistungen gewinnen, und noch viel weniger für die Anderer. Ein Stiimper ist nicht nur ein beklagenswert.her Mensch, sondern wird auch ini Kampfe ums Dasein früher oder später unterliegen. „Wer etwas kann, der wird geehrt; den Ungeschickten Niemand begehrt." Lasse man sich auch nicht dazu verleiten, den Kindern regelmäßig bei ihren Arbeiten zu helfen oder helfen zu laffen; denn dadurch wird man sie sicher zu unselbstständigen Menschen erziehen, die dauernd der Arbeit nicht gewachsen sind; sie werden niemals eine Freude an der Schule haben und Gott danken, wenn sie sie einmal verlaffen können. Soll später ein Beruf gewählt werden, so soll es am liebsten einer sei», der den jungen Menschen beschäftigt und so verhindert, auf Abwege zu gerathen. Vor allen Dingen aber trete man schon frühzeitig und bei jeder Gelegenheit der verderblichen Meinung entgegen, als sei die Arbeit eine Schande oder nur für untergeordnete Personen da. Wie oft hört man die Eltern dem Söhnchen drohen: „Wenn du nichts lernst, mußt du ein Schuster werden!" Der Schuster, der Schneider, der Bäcker, und jeder andere Handwerker sind ehrenwerthe Leute, denen Arbeit nicht nur nützlich, sondern geradezu nothwendig ist; jedenfalls so nothwendig wie die des Vaters, der seinem Sohne mit dem Handwerk droht. Jede ehrliche Arbeit ist ehrenwerth; und sofern sie den vorhandenen Bedürfniffen der menschlichen Gesellschaft entspricht, ist sie so werthvoll wie jede andere, sie sei eine körperliche oder geistige. Deswegen ist; der Handwerker genau so nothwendig und ehrenwerth wie der Kaufmann, der Bankier, der Künstler, der Soldat u. s. w. Nur auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.