Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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war und wie vortrefflich dieser Verein seine Aufgabe erfüllt, ist wohl der, daß die Zahl seiner Mitglieder und Freunde in stetem Wachsthum begriffen ist und jeder neue Vereinsabend sich einer regeren Theilnahme zu erfreuen hat. So hatte sich auch gestern zu dem am Todestage Lessing's veranstalteten Vortragsabend in dem prächtig ausgestatreten Saale des Hotel de Pologne ein Publikum von mehr als 400Personen eingefunden, von denen der weitaus größte Theil aus Mitgliedern des jungen Vereins und ihren Angehörigen bestand. Der verdienstvolle Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Porges, eröffnete den Abend, indem er in herzlicher Weise den Mitgliedern des Vereins sowohl als auch den anwesenden Gästen für ihr Erscheinen dankte und, hervorhebend, daß wohl kein anderer „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" sich eines so zahlreichen Besuches zu erfreuen habe, den Wunsch aussprach, daß es auch in Zukunft so bleiben möge. Sodann brachte Fräulein Rosa Kaufmann zusammen mit Herrn Sternberg Mendelssohn-Bartholdy's anmuthige Hebriden-Ouverture in wahrhaft künstlerischer Weise zu Gehör, worauf dann in Bertretung des heiser gewordenen Autors, des hiesigen Herrn Dr. Mor. Brasch, Herr Kantor Tausig den von Ersterem ausgearbeiteten Vortrag, betitelt „Zwei Freunde" (Lessing und Mendelssohn), vorlas. Der Vortrag beleuchtet klar die Eigenart beider Freunde und dasjenige, was sie so dauernd verband, und giebt uns ein anschauliches Bild alles dessen, was wir deutschen Juden dem Herzensbündniß beider Geistesheroen sowohl auf litterarischem als auf sozialem Gebiet zu verdanken haben. Der ca. eine Stunde dauernde Vortrag wurde bis zum Schluß mit ungetheilter Aufmerksamkeit verfolgt, und der reiche Beifall, den das Publikum sowohl dem Verfasser als dem Vorlesenden spendete, bildet den schlagenden Beweis, daß es durchaus nicht immer nöthig ist, bedeutende Redner von auswärts heranzuziehen, sondern daß durch die bloße Vorlesung der Vorträge bedeutender Schriftsteller eine eben so gute Wirkung zu erzielen ist, wenn nur, wie dies gestern der Fall war, die betreffende Rede entsprechend gut vorgelesen wird. Besonders für kleinere Gemeinden, die sich den Luxus eines bedeutenden Redners nicht gestatten können, wäre durch ein solches Verfahren eine freudig zu begrüßende Abhilfe geschaffen. Herr Bachrach, ein junges Vereinsmitglied, erfreute seine Zuhörer durch die mit stürmischem Beifall ausgenommene Wiedergabe der „Parabel von den drei Ringen" aus Lessings „Nathan der Weise". — In seinem weiteren Verlauf brachte uns der Abend noch Mendelssohns reizendes Lied „Das erste Veilchen", welches Fräulein Margarethe Bellmann, von ihrer Schwester auf dem Flügel begleitet, so schön vortrug, daß sie, dem Drängen des Publikums nachgebend, sich noch dazu verstehen mußte, Mendelssohn's „Es brechen in schallendem Reigen" als Zugabe zu singen. Als Schlußnummer spielte Herr Sternberg die prächtige „Ungarische Rhapsodie" von Liszt ebenso virtuos als verständnißvoll, worauf ein großer Theil der Anwesenden noch bis gegen 1 Uhr gesellig beisammen blieb. Der Abend ist in jeder Hinsicht als ein äußerst gelungener zu bezeichnen. Besonders anerkennenswert h und zur Nachahmung für die jüdischen Litteraturvereine anderer Städte zu empfehlen ist es, daß in unserem Vereine die jungen Vereinsmitglieder so zuvorkommend ihre Kräfte zur Verfügung stellen und so dazu beitragen, den Verein zu immer größerer Entfaltung zu bringen. Aschersleben, 19. Februar. In der Nacht zum 3. d. Mts. verschied Hierselbst plötzlich der seit 18 Jahren an unserer Gemeinde thätige Lehrer und Vorbeter Herr L. Japhet. In ihm ist «ein vielseitig gebildeter, thatkräftiger und um das Gemeinde.wohl allezeit besorgter Mann dahingegangen. Schon im Anfänge seiner Berufsthätigkeit bildete er aus den Zöglingen der Religionsschule, deren Leitung ihm ebenfalls oblag, einen gemischten Chor, dessen mustergiltiger Gesang nicht unwesenlich zur Hebung des Gottesdienstes beigetragen hat. Japhet war nicht nur in den Reihen seiner Glaubensgenossen, sondern auch bei den übrigen Mitbürgern ein gern gesehener Mann. Bei Lebzeiten Japhet's kam dies dadurch zum Ausdruck, daß er zu allen offiziellen Festen Seitens des Magistrats eine Einladung erhielt So nahmen nicht nur Deputationen der städtischen Kollegien, sondern auch Delegirte verschiedener Vereine, protestantische und katholische Mitbürger an dem Begräbniß Theil Das Andenken an den leider zu früh Tahingeschiedenen wird ein gesegnetes sein. Friede seiner Asche. a. Hannover, 20. Februar. In einer mit dem Buchstaben G. bezeichneten Korrespondenz aus Hannover in Nr. 6 dieser Zeitung wird einer kürzlich verstorbenen edlen Frau Georgine Jacobsohn aus Stolzenau und deren Hinterlassenschaft ausführlich gedacht; unter anderen wird dabei auch an eine Schenkung an das Waisenhaus in Paderborn erwähnt und in Paranthese hinzugefügt: „Das hiesige israelitische Simonsche Waisenhaus darf stistungsmäßig keine Schenkung annehmen." Da die Meinung vorherrscht und mehrfach zum Ausdruck gebracht ist, daß in der von Herrn Alexander Moritz Simon kürzlich gegründeten israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover nur Waisenkinder erzogen werden, so könnte leicht eine Verwechslung dieser beiden Anstalten entstehen Während das von dem verstorbenen Oberkommerzienrath Simon gegründete Israel Simonsche Waisenhaus eine rein partikularistische Gründung ist, die keine Schenkung annehmen darf, hat die von dem Namensvetter kürzlich gegründete Erziehungsanstalt den Zweck, jüdische Knaben, ohne sich auf Waisenkinder zu beschränken, aus allen Theilen Deutschlands nach den Vorschriften des Judenthums zu kräftigen und nützlichen Staatsbürgern zu erziehen. Obwohl der Stifter ein Kapital von 200,000 Mark hergegeben hat, reicht diese Summe nicht aus, um das allerdings in sparsamster Weise, aber doch in einem großartigen Maßstabe begründete Werk zu vollenden und weiterzuführen, damit es der gesummten Judenschaft zum Nutzen gereiche. Für diese Anstalt ist deshalb der Beistand aller Glaubensgenossen dringend erwünscht. Bei dieser Gelegenheit soll auch der in manchen Kreisen herrschenden irrigen Ansicht entgegengetreten werden, als ob in diesem Institut ohne Ausnahme alle Knaben Aufnahme finden, die wegen körperlicher, geistiger oder moralischer Defekte anderwärts nicht Unterkommen können. Um in jeder Hinsicht ein Musterinstitut aus der Anstalt zu machen, müssen die aufzunehmenden Knaben gesund und geistig normal veranlagt sein. 0. Witten (Wests.), 19. Februar. Seit Kurzem besitzt auch unsere Gemeinde einen jüdischen Litteraturverein. In einem Punkte unterscheidet er sich allerdings von ähnlichen Vereinen derselben Tendenz. Während diese sich ausschließlich der Förderung der Kenntniß jüdischer Geschichte der Litteratur widmen, wollen wir uns nicht grundsätzlich hierauf beschränken, sondern auch die Bekanntschaft mit den deutschen Dichterwerken vermitteln, so weit es angeht. Durch Verlegung der Vereinsthätigkeit auf den Sonntag Abend hoffen wir, den in den Geschäften thätigen jungen Herren und Damen einen unterhaltenden und belehrenden Sammelpunkt zu bieten. Ohne solche Veranstaltungen möchte sich die Sonntagsruhe für die konditionirende Jugend als von zweifelhaftem Werthe erweisen. Aber auch für die ansässigen Gemeindeglieder und das Gemeindeleben erwarten wir bei dem Charakter unserer Stadt als Industriestadt von dem Vereine segensreiche Wirkungen. Wir erfreuen uns zwar friedlicher Gemeindeverhältnisse, erhoffen jedoch von dem Litteraturvereine, dem fast alle Gemeindemitglieder intra et extra muros beigetreten sind, daß er sich als ein weiteres Mittel zur Belebung des religiösen Sinnes, der freundschaftlichen Annäherung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens erweisen. Vorgestern hatten wir unseren ersten Vereinsabend. Herr Rabbiner Dr. David aus Düsseldorf eröffnete den Reigen mit einem nach Inhalt und Form vollendeten Vortrage über „das Familienleben der deutschen Juden im Mittelalter." Oesterreich - Ungarn» □ Wien, 20. Februar. Im Jahre 1898 findet das fünfzigjährige Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Joseph I. statt, und alle berufenen Persönlichkeiten begegnen sich in dem edlen Wettstreit, diesen Anlaß zu wohlthätigen und erhebenden Thaten zu benutzen; so wurden in der vorgestern stattgehabten Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde über einen vom Vizepräses Simon, Dr. Alfred Stern und sämmtlichen anwesenden Vorstandsmitgliedern gestellten Antrag der einhellige Beschluß gefaßt, das im Jahre 1898 stattfindende Regierungsjubiläum des Kaisers zum Anlaß einer Aktion zu nehmen, um die loyalen Gesinnungen der israelitischen Unterthanen des Kaisers zum Ausdruckzu bringen. Geeignete Vorschläge werden demnächst erstattet werden. — In der Landtagssitzung vom 12. Februar beantwortete Statthalter Graf Kielmansegg die Interpellation des Abgeordneten Schneider, ob er dahin wirken wolle, daß an den gewerblichen Vorbereitungsschulen keine jüdischen Lehrer mehr angestellt werden, dahin, daß an den acht gewerblichen Vorbereitungsschulen im 17. und 18. Bezirk, auf welche die Interpellation sich bezieht, bei 1400 Schülern mit ungefähr 40 Israeliten dermalen 34 Lehrkräfte in Verwendung stehen. Hiervon sind 6 mosaischer Konfession, und zwar 1 Leiter, 3 Lehrer und 2 Supplenten. Der Vor-