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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-23 · Heft 8 (23.2.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 gang bei Besetzung erledigter Lehrstellen sei der, daß bei Erledigung einer Lehrstelle die Supplenten des Bezirks nach der Reihenfolge der Zeit ihrer Bestellung vorrücken, wenn nicht besondere Verhältnisse, zum Beispiel weniger gute Verwendung, im Wege stehen. Zur Bestellung der Supplenten ist die vom Bezirksschulinspektor abzngebende Beurtheilung der speziellen Qualifikation des Bewerbers erforderlich. Da sich dieser seit Jahren eingehaltene Vorgang bestens bewährt hat, die Verwendung israelitischer Lehrer an den betreffenden Vorbereitungskursen bisher weder hinsichtlich der Unterrichtsertheilung noch hillsichtlich der Handhabung der Disziplin Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat, und nachdem laut Artikel 3 des Staatsgrundgesetzes die öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger gleich zugänglich sind, ist der Statthalter nicht in der Lage, israelitische Lehrer von der Anstellung an den gewerblichen Vorbereitungskursen prinzipiell ausschließen zu lassen. — Auch die Antwort, welche Statthalter Graf Kielmansegg auf die Interpellation Noske, wegen der Vorgänge bei der vereitelten Wanderversammlung der deutschfortschrittlichen Partei in Tulln ertheilte, läßt weder an Klarheit, noch an Entschiedenheit das Geringste zu wünschen übrig. Nicht allein das Oberhaupt der niederösterreichischen Landesverwaltung, sondern als Repräsentant der Staatsregierung und von dieser ausdrücklich bevollmächtigt, sprach Graf Kielmansegg die schärfste Mißbilligung der den öffentlichen Frieden gefährdenden Störungen des Vereins- und Versammlungsrechtes aus. In Tulln handelte es sich um nichts Anderes, sonst könnte man einwenden, daß. mit Störungen solcher Art die Thätigkeit der antiliberalen Hetzer nicht erschöpft ist, und daß ihre Betheiligung auf allen anderen Gebieten des öffentlichen Lebens dringend nicht nur der Mißbilligung, sondern, woes noth thut, auch^der energischen Ahndung bedarf. Die Exzedenten von Tulln werden wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit verfolgt werden und die Regierung wird veranlassen, daß in ähnlichen Fällen fortan immer mit der gerichtlichen Anzeige vorgegangen werde — auf einem Gebiete also soll wenigstens das strafwürdige Treiben der Hetzer vereitelt oder zum Mindesten erschwert werden. Wären Worte ähnlicher Art, wie sie gestern vom Platze des Statthalters aus fielen, bereits vor Jahren gesprochen worden, wahrhaftig, die Rohheit und Verbildung hätten in Wien und Niederösterreich nicht solche Orgien feiern können. Indessen besser spät als nie. — Außerdem haben auch noch die vier Donau-Gemeinden Donaufeld, Groß- Jedlersdorf, Floridsdorf und Jedlersee sich höchst entrüstet gegen die Verwendung des Mechanikers Schneider ausgesprochen, die dieser — wie er behauptete — in ihrem Aufträge gelegentlich der Vereinigung der vier Gemeinden in ein Städtegebiet gethan. — So wurde ungefähr von allen Seiten das Treiben der Antisemiten theils auf's Schärfste verurtheilt, theils zurückgewiesen, und sie hatten eine recht böse Woche. p. Prag, 20. Februar. Am 3. Februar feierte Herr Oberrabbiner- Stellvertreter Dr. Moritz Tauber das 25jährige Jubiläum als Prediger der neuen Synagoge, aus welchem Anlasse derselbe Gegenstand zahlreicher Ovationen war. Zum Festgottesdienste hatten sich in der reichgeschmückten Synagoge außer zahlreichen Gemeindemitgliedern Abordnungen der Kultusgemeinderepräsendanz, der Landesjudenschaft, der Chewra Kadischa, sämmtlicher Synagogenvorstände und vieler humanitärer Vereine eingefunden. Der Jubilar predigte über denselben Text wie vor 25 Jahren, 2 Mose 24, 3. Die Feier verlief sehr würdevoll. Nebst vielen Glückwünschen von Nah und Fern überreichten Abordnungen zahlreicher Korporationen dem Gefeierten kostbare Ehrengeschenke. Möchten dem Jubilar, der als Führer der Gemeinde, als warmherziger geistreicher Kanzelredner, als begeisternder Lehrer der reiferen Jugend sich der wärmsten Sympathien allseitig erfreut, noch viele Jahre rüstiger und freudiger Arbeit in seinem Amte beschieden sein. Non Nah und Fern. ---- Dr. med. James Israel, Chirurg des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde, hatden Professortitelerhalten. Bemerkenswerth ist, daß Dr. Israel in keinerlei Beziehung zu der Universität steht. — Dr. F. v. Luschan trat eine neue Reise nach Syrien an, um im Aufträge des Orientkomitees die Ausgrabungen in Sendschirli fortzusetzen und zu Ende zu führen. — Der Direktor des Refldenztheaters Siegmund Lautenburg ist von dem Präsidenten der französischen Republik zum „oküeier de l’itistruction publique“ ernannt worden. Die erwähnte Dekoration ist für hervorragende Verdienste um Kunst und Wissenschaft bestimmt. — Nach einer Mittheilung des „Bromberger Unparteiischen" hat die Königliche Regierung in Bromberg verfügt, daß das jüngst den Schulbibliotheken zugestellte Buch, „Das Volk und seine Treiber von O. Glaubrecht", worüber jüngst berichtet wurde, einstweilen den Schülern nicht ausgehändigt werden soll. — Am 14. Februar fand zu Borken die goldene Hochzeit des Hanne Rosenbusch'schen Ehepaares statt. Herr Landrabbiner Dr. Prager aus Kassel hielt den Festgottesdienst ab. Zu bewundern ist die geistige und körperliche Rüstigkeit der 85- resp. 78-jährigen Jubelgreise. — In Grätz (Bez. Posen) feierten der Kaufmann Simon Ehrlich nebst seiner Ehefrau Minna, geb. Danziger im Kreise ihrer Kinder und Enkel das Fest der goldenen Hochzeit. Bürgermeister Beutsch verlas ein Schreiben Sr. Majestät des Kaisers und überreichte dem Jubelpaare die goldene Ehemedaille. — Der Steinhauer Weesendrup aus Rauten, der in dem Prozesse des Rantener Knabenmordes viel genannt und steckbrieflich verfolgt wurde, wurde laut dem „Düsseldorfer Vbl." in einer Düsseldorfer Herberge verhaftet und nach Rauten transportirt. Nach einer späteren Meldung ist Weesendrup wieder freigelassen worden. — Am 11. d. begab sich eine Deputation der israelitischen Kultusgemeinde in St. Pölten zu dem neuernannten Bischof Herrn Dr. Rößler, um demselben die Glückwünsche der Gemeinde zu überbringen. Der Bischof empfing die Deputation in der freundlichsten Weise. Auf eine Ansprache des Rabbiners Dr. Weinsberg erwiederte der Bischof Dr. Rößler: „Er verkenne nicht die Schwierigkeiten seiner Mission, in dieser turbulenten Zeit die Prinzipien des Evangeliums überall zur Geltungzubringen. Doch hoffe er mit dem Beistände Gottes die frühere Harmonie zwischen allen Bewohnern der St. Pöltener Gemeinde wieder herzustellen. — Die Schweizerischen Rabbiner beschlossen in einer Versammlung zu Olten, zur Ausführung des im Sommer beschlossenen Verfassungsartikels über das Schächten die Aufstellung einer für alle Metzger geltenden eidgenössischen Schlachtmethode zu verlangen, welche die Willkürlichkeiten der kantonalen Regierungen verhindern würde. — Im niederösterreichischen Landtag haben am 19. d. Mt. die Antisemiten Skandalszenen hervorgerufen, wie solche hier zu Lande in einer parlamentarischen Körperschaft noch niemals vorgekommen sind, indem gegen den Landmarschall und den Statthalter ungefähr eine Stunde lang mit betäubendem Lärm spektakulirt wurde. Der Statthalter, welcher antisemitische Verdächtigungen aktenmäßig widerlegte, war durch den Skandal außer Stande, seine Darlegungen zu beendigen. — In Budapest ist der bekannte Großindustrielle Meier Kraus v. Megyer im 85. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene hatte sich um die Hebung der Mühlen- und Spiritusindustrie in Ungarn hohe Verdienste erworben und war auch auf humanitärem Gebiete hervorragend thätig. Theodor Reinach wurde nach Ablauf der Funktionsdauer des Herrn H. Derenburg'^ zum Präsidenten der Societe de Müdes luives in Paris gewählt. — Aus einer Mittheilung des Amtsblattes über Veränderungen im diplomatischen Korps entnimmt man die Thatsache, daß in Italien ein Jude den Titel Marquis führt. Es ist dies Sgr. Teofilo Rodolfo Cahen, Marchese di Torre Arfina, welcher von der italienischen Gesandtschaft in Madrid nach Paris versetzt wurde. — Fräulein Jda Finzi, die unter dem Pseudonym „Haydee" die italienische Litteratur schon um manche kostbare Arbeit bereichert, hat soeben vom Jnstituto Lombards tu Mailand den Preis von 500 Lire für ihre Novelle „Guintetto" erhalten. — Wie es beißt, beabsichtigt der neue russische Justizminister, Herr Murawjew, die konfessionellen Beschränkungen, welchen die Organisation des Instituts der Rechtsanwälte gegenwärtig unterworfen ist, aufzuheben Insbesondere soll die Bestimmung, daß die Zahl der nichtchristlichen Advokaten nur zehn Prozent der Gesammtzahl ausmachen dürfte, beseitigt werden. — In San Paolo (Brasilien) starb am 13. d. Mts. Dr. Samuel Mesq ui La, der lange Jahre als Rabbiner dort fungirte. Sein Tod hat in jüdischen, sowie in allen anderen Kreisen lebhafte Theilnahme erweckt. Er starb im 54. Lebensalter und war in Frankreich geboren. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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